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ZDF-Kommentatorin Neumann: Liebe deutsche Fußballfans, dieser Shitstorm ist krank!

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Liebe Fußballfans: Wer eine Frau nicht als Live-Kommentatorin ertragen kann, ist geistig zurückgeblieben | Getty Images
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Liebe deutsche Fußballfans!

Wie schön könnte unsere gemeinsame Leidenschaft für diesen großartigen Sport doch sein – wenn da nicht alle zwei Jahre die Kolonnen von Neandertalern wären, die meinen, ihr kaputtes Weltbild im Lichte der großen Turniere blank ziehen zu müssen.

Der deutsche Fußball hat ein ernstes Problem mit den gesellschaftlichen Realitäten des 21. Jahrhunderts. Das haben jene AfD-Jünger bewiesen, die vor zwei Wochen Alexander Gauland zugeprostet haben, als der seine Stammtischparolen über Jérôme Boateng absonderte.

Wie krank die deutsche Fußball-Kultur jedoch wirklich ist, zeigt sich immer dann, wenn die ZDF-Journalistin Claudia Neumann ein EM-Spiel moderiert.

Die gebürtige Westfälin arbeitet seit 17 Jahren in der Sportredaktion des Zweiten Deutschen Fernsehens. Als Live-Kommentatorin hat sie vor fünf Jahren bei der Fußball-WM der Frauen in Deutschland Erfahrung sammeln können. Neumann ist zweifelsohne qualifiziert für ihren Job. Und sie ist seit diesem Jahr nun die erste Live-Kommentatorin bei einer Männer-EM im deutschen TV.

Soweit eigentlich eine ganz normale Fernsehkarriere.

Sexistischer Shitstorm

Doch offenbar können es einige Hasenhirne unter den männlichen deutschen Fußballfans nicht ertragen, dass ihnen da eine Frau erklärt, was auf dem Platz vor sich geht.

So wie am Freitag bei dem Spiel Italien gegen Schweden, das Neumann moderierte. Ich persönlich fand, dass sie ihren Job gut gemacht hat. In jedem Fall hatte sie einen angenehmen entspannten Blick auf das Spielgeschehen. Ein schöner Kontrast zu dem Event-Gepolter, das man regelmäßig vor und während der deutschen Spiele zu hören bekommt.

Was sich aber in der Halbzeitpause auf der Facebook-Seite des ZDF abspielte, ist wohl mit „sexistischem Shitstorm“ nur unzureichend beschrieben. Es war ein aggressiver Ausbruch von Menschenhass, der dort zu erleben war. Ein Flashmob von selten dämlichen Netz-Hooligans, der sich zusammengetan hatte, um Neumann fertig zu machen – weil sie eine Frau ist.

Ein „Michi Si“ kommentierte: „Diese Schlampe braucht einfach mal einen Pimmel“.

„Matthias Kaufmann“ befand, dass sich Claudia Neumann wie eine „Kampflesbe“ anhöre.

„Deniz Kaa“ formulierte orthografisch und semantisch nicht ganz stilsicher, dass das ZDF sich wegen Neumanns Kommentaren „in die Votze getreten“ fühlen solle.

Und diese Beleidigungen waren nur ein kleiner Teil dessen, was am Freitag an geistigem Müll bei Facebook und Twitter abgeladen wurde.

Liebe deutsche Fußballfans: Geht's noch?

Bei Sabine Töpperwien stört sich niemand mehr

Im WDR moderiert Sabine Töpperwien mittlerweile seit mehr als zwei Jahrzehnten die Bundesliga. Auch sie musste sich anfangs mit Schmähungen arrangieren. Mittlerweile haben sich selbst notorische Schützenkönige aus der ostwestfälischen Provinz mit Töpperwiens herausragender Arbeit angefreundet. Niemand käme heute noch auf die Schnapsidee, die Bundesliga-Konferenz zu einer frauenfreien Zone zu erklären.

Auch Katrin Müller-Hohenstein kann ihren Job beim ZDF weitgehend anfeindungsfrei machen.

Warum jetzt also der Stress um Claudia Neumanns EM-Moderationen?

Eine mögliche Erklärung: Es hat mit dem Strukturkonservatismus im deutschen Sport zu tun.

Man wird doch wohl noch "Bimbo" sagen dürfen

Der Fußball ist für viele Gestrige ein letzter Rückzugsraum, in dem sie ihr aus den 50er-Jahren (oder gar aus noch früheren Zeiten) stammendes Gesellschaftsbild aufleben lassen können. Auch deshalb gibt es in den Stadien immer noch rassistische Beleidigungen gegen ausländische Fußballer – man wird doch wohl noch „Bimbo“ sagen dürfen. Und das ist auch der Grund dafür, warum Fans anderer Clubs je nach Gusto und Region mal als „schwul“ oder als „Juden“ bezeichnet werden.

Auf den Rängen lebt etwas fort, was anderswo schon längst geächtet ist. Der ganze rassistische, homophobe und frauenfeindliche Bodensatz dieser Gesellschaft. Und er wird bewusst vor Zugriffen von außen geschützt - oftmals unter stiller und weniger stiller Duldung der Fußball-Community.

Da werden Hooligan-Gruppen und ihr unsägliches Treiben verniedlicht. „Die hauen sich doch nur auf der Wiese!“, schallt es im Chor der Fans. Oder: „Die gehören halt irgendwie dazu!“ Und wenn jemand doch dem rassistischen Dreck in den Fanblocks widerspricht, und dafür eine gezimmert bekommt, dann heißt es schnell und voller falscher Vereinstreue: „Aber sowas sagt man eben nicht. Selbst Schuld!“

So ist es nun auch mit Neumann. Der latente Frauenhass, der Sportmoderatorinnen nur als langbeiniges Augenfutter bei den Kurzinterviews in der Halbzeitpause duldet, ist über Jahrzehnte in den Fanblocks gewachsen. Viel zu wenige haben sich ihm entgegengestellt. Und auch deswegen gibt der deutsche Fußball nun in Zeiten wie diesen ein so trauriges Bild ab.

Liebe deutsche Fans: Ihr habt es selbst in der Hand. Jammert nicht darüber, dass so etwas wieder „skandalisiert“ wird. Sondern gleicht mal Euer Weltbild mit der gesellschaftlichen Realität ab. Wenn Euch das Jahr 2016 zu modern ist, dann könnte es sein, dass das Problem bei Euch liegt.

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