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Beängstigender Trend: So gefährlich sind Vollnarkosen wirklich

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NARKOSE
Beängstigender Trend: So gefährlich sind Vollnarkosen wirklich | dpa
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  • Vollnarkosen werden bei Patienten immer beliebter
  • Doch nach Expertenansicht bergen sie erhebliche Risiken - sie sollten niemals "leichtfertig gemacht werden"
  • Vor allem für Kinder gibt es enorme Gefahren

Für die Mutter des zweijährigen Hannes wurde ein Zahnarztbesuch im Jahr 2009 zum Horror-Trip. Dessen Folgen haben das Leben der Familie aus Sachsen-Anhalt zerstört. Die Frau war mit ihrem Sohn zu einem Dentisten im Städtchen Zeitz gegangenen. Eine Karies-Behandlung, reine Routine.

Doch bei der Narkose bekommt der kleine Hannes zu wenig Sauerstoff, zwei Tage später stirbt er. Noch eineinhalb Jahre später beim Gerichtsprozess gegen den zuständigen Anästhesisten war die Mutter fassungslos. Unter Tränen sagte die 46-Jährige damals: "Es ist doch kein Verbrechen, zum Zahnarzt zu gehen."

"Vollnarkose ein großer Eingriff in den Körper"

Eine Vollnarkose. In vielen deutschen Praxen ist sie eine Routine-Behandlung. "Doch natürlich ist jede Vollnarkose ein großer Eingriff in den Körper. Es kann auch bei bester Vorbereitung immer zu Fehlern oder einer unerwarteten Reaktion des Körpers kommen", sagt Alexander Schleppers, ärztlicher Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), der Huffington Post.

Wie groß die Risiken tatsächlich sind, ist umstritten - und kommt stark auf die gesundheitliche Verfassung des Patienten an. In Deutschland werden jedes Jahr bis zu zehn Millionen Menschen unter Narkose operiert, etwa 43.000 von ihnen wachen danach nicht mehr auf. Allerdings stirbt nach Ansicht von Experten nur ein geringer Teil davon an der Narkose. Oft führt beispielsweise ein Herzinfarkt zum Tod.

Einer von 136.000 weitgehend gesunden Anästhesie-Patienten in Deutschland stirbt im Durchschnitt direkt aufgrund der Narkose oder erleidet wegen dieser ein Wachkoma, aus dem er nicht mehr aufwacht.

Mindestens mehrere dutzend Tote jährlich durch Vollnarkosen

Bei rund zehn Millionen Vollnarkosen in Deutschland pro Jahr wären das 73 Menschen pro Jahr, die hierzulande aufgrund einer Vollnarkose nicht mehr aufwachen. Das ergab 2014 eine Studie der DGAI.

Möglicherweise ist die Zahl der Todesfälle aber auch noch etwas höher. Denn die Forscher zählten in ihren Durchschnittswert nur die Fälle, in denen sich der Zusammenhang zwischen dem Tod oder "dem bleibenden Dauerschaden" und dem Einsatz der Betäubung eindeutig nachwieisen ließ. Der Berufsverband hatte 1,4 Millionen zwischen 1999 bis 2010 bundesweit durchgeführte Narkosen untersucht.

Tausende Patienten wachen während der Operation trotz Vollnarkose auf

Doch es gibt noch eine weitere Gefahr durch diese Betäubungsmethode: Experten zufolge wachen von den Millionen Menschen in Deutschland, die jährlich unter Vollnarkose operiert werden, mindestens 8000 zu früh auf. Der Großteil von ihnen hört unfreiwillig die Gespräche der Mediziner oder das Piepsen der medizinischen Geräte. In seltenen Fällen spüren die Narkose-Patienten sogar Schnitte und haben Schmerzen.

Es gibt jedoch gewisse Risikofaktoren, die dieses sogenannte Awareness-Risiko steigern: Als problematisch gelten etwa der regelmäßige Konsum von Schmerz- oder Schlafmitteln sowie Alkohol .

Eine Vielzahl von Kleinkindern starb beim Zahnarzt

Klar ist: "Es muss im Einzelfall immer genau geprüft werden, ob eine Vollnarkose die richte Empfehlung ist", sagt DGAI-Mann Schleppers. Der Professor versichert, dass die 22.000 in Deutschland arbeitenden Anästhesisten allein das Wohl der Patienten im Auge hätten. "Wir sind keine Verkäufer."

Tatsächlich ist im Großteil der Fälle eine Vollnarkose bei Operationen schlicht alternativlos. Doch es gibt auch sogenannte Wunschnarkosen, die die Patienten aus eigener Tasche bezahlen.

Ein Beispiel hierfür sind Operationen an den Weisheitszähnen. Auch Patienten, die besonders große Angst vor dem Zahnarzt haben, verlangen statt einer örtlichen Betäubung oft eine Vollnarkose - bis zu jeder zwanzigste Deutsche soll Schätzungen zufolge von solchen krankhaften Ängsten betroffen sein. Das berichtete zumindest gerade erst die "Süddeutsche Zeitung".

Eine Vollnarkose soll, wie die Bundesärztekammer empfiehlt, "nie leichtfertig gemacht werden". Dennoch: Einzelne Mediziner aus dem Großraum München berichten im Gespräch mit der Huffington Post, sie hätten beobachtet, dass seit einigen Jahren Patienten in ihren Praxen noch mehr als früher auf Vollnarkosen drängten - selbst bei kleineren Eingriffen.

"Das hat schon zugenommen. Aber natürlich entscheidet der Arzt oder Zahnarzt, ob eine Vollnarkose überhaupt sinnvoll sein kann. Es muss sehr genau abgewogen werden", sagt ein Zahnarzt.

Auch die Münchnerin Alexandra K. berichtet, ein Chirurg habe ihr wegen einer harmlosen Operation am Zeh zunächst gesagt, man müsse den Eingriff "unbedingt mit Vollnarkose vornehmen". Erst als sie aufgrund eines Gesprächs mit einem anderen Arzt skeptisch wurde, sagte der Mediziner, die OP könne er natürlich auch mit einer örtlichen Betäubung vornehmen.

Auch "Sexy Cora" starb bei einer Vollnarkose

Manchmal wäre die ganze Operation gar nicht nötig gewesen: Die Erotikdarstellerin "Sexy Cora" ist so ein Fall. Die Porno-Queen starb unter Vollnarkose bei einer Brust-Operation.

Unstrittig ist: Die Zahl der Vollnarkosen hat deutlich zugenommen. Im Jahr 2000 hatte die "Zeit" noch von sechs Millionen Vollnakrosen in Deutschland gesprochen.

Mittlerweile sind es je nach Schätzung acht bis zehn Millionen Vollnarkosen bei Operationen. "Es gab einen spürbaren Anstieg in den vergangenen Jahren", sagt auch Schleppers. Er sieht die Ursachen für die Zunahme vor allem in der demographischen sowie der medizinischen Entwicklung. Die sogenannten freiwilligen Vollnarkosen seien bei dieser Entwicklung "fast vernachlässigbar", so der Experte.

Doch die Verunsicherung ist unter so manchem Patienten größer geworden, seit bekannt wurde, dass ein 18-Jähriger Ende Mai während einer Vollnarkose für eine Zahnbehandlung in einer Hamburger Praxis gestorben ist.

Die Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren gegen den behandelnden Anästhesisten ein. Als Begründung für die Vollnarkose hatte die Mutter des 18-jährigen angeführt, ihr Sohn habe "panische Angst" vor dem Zahnarzt gehabt.

Angst vor dem Zahnarzt und große Schmerzen - auch bei Kindern spielt dies eine große Rolle bei der Entscheidung für eine Vollnarkose. Eltern sollten deshalb gut Risiken und Nutzen abwägen.

Eine mögliche Gefahr bei der Narkose ist, dass die Beatmung der Patienten nicht gewährleistet ist. Schon nach fünf Minuten ohne Sauerstoff kann das Gehirn dauerhafte Schäden erleiden, bei etwa 20 Minuten droht der Herzstillstand.

Immer wieder sorgten Todesfälle von Kindern, die Medizinern zufolge bei Vollnarkosen mehr gefährdet sind als Erwachsene, in den vergangenen Jahren für Schlagzeilen: So etwa der Tod der dreijährigen Jeanette, der zehnjährigen Celine oder einem Zweijährigen, der 2012 nach einer Behandlung in einer Zahnarztpraxis im niederrheinischen Goch nicht aus der Narkose aufwachte.

Andere Eltern kommen mit dem Schrecken davon: So etwa die des fünfjährigen Maximilians, dem vor dreieinhalb Jahren nur ein Backenzahn überkront werden sollte.

Im Aufwachraum waren Vater und Mutter allein mit ihrem Sohn, eine Pflegekraft habe einem Bericht von "Spiegel Online" zufolge nur ab und zu nach dem Rechten gesehen. Der Mutter, selbst medizinische Fachangestellte, fiel dem Bericht zufolge auf, dass die Überwachungsgeräte nicht funktionsfähig gewesen seien.

Als sich der Brustkorb des Jungen nicht mehr bewegte, rüttelte sie ihren Sohn, der Vater suchte den Anästhesisten, der aber bereits mit dem nächsten Eingriff beschäftigt war. Der Sohn wachte schließlich auf und überstand die so genannte Atemdepression zum Glück ohne bleibende Schäden.

Bei manchen Zahnärzten war zumindest in der Vergangenheit die für eine Vollnarkose nötige Ausrüstung Medienberichten zufolge oft nicht vorhanden. Doch die Situation soll sich in den vergangenen Jahren gebessert haben.

Wer aber bei der Bundesärztekammer nach dem tatsächlichen Risiko eine Vollnarkose fragt, wird an die Berufsverbände verwiesen. Hugo van Aken, Lehrstuhlinhaber für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Münster und Generalsekretär des Berufsverbands Deutscher Anästhesisten, hatte zuletzt eine weitgehende Entwarnung gegeben: Vollnarkosen - korrekt angewendet und überwacht - seien insgesamt sehr sicher.

"Das Risiko ist geringer, als über eine vielbefahrene Straße zu gehen", sagte van Aken. Der Verband betont seit Jahren, dass die Patientensicherheit bei Narkosen in Deutschland verglichen mit anderen Ländern "sehr hoch" sei.

Den Eltern des kleinen Hannes hat das jedoch nichts genutzt.

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