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Demolition: Schwermütiger Abriss eines Lebens

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Davis (Jake Gyllenhaal) und Karen (Naomi Watts) haben mit den Launen des Lebens zu kämpfen

Dass Regisseur Jean-Marc Vallée oscarreifes und herzergreifendes Drama kann, bewies er vor gerade einmal drei Jahren mit "Dallas Buyers Club". Mit seinem neuen Film "Demolition" wagt er sich zumindest auf dem Papier und anhand der Trailer an eine Tragikomödie. Doch auch wenn vereinzelt Lacher zu erwarten sind, können sie nicht darüber hinwegtäuschen, das "Demolition" wesentlich mehr "Tragik" denn "Komödie" ist.

Der Abriss

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Ungläubig steht Davis (Jake Gyllenhaal) vor einem Süßigkeiten-Automaten im Krankenhaus, der gerade sein Kleingeld geschluckt hat, ohne die Packung M&Ms auszuwerfen. Diese Alltagstragödie setzt dem erfolgreichen Investmentbanker ungewöhnlich zu. Ob es damit zusammen hängt, dass seine Frau wenige Minuten zuvor nach einem schweren Autounfall im Operationsaal gestorben ist? Doch statt wie der Rest seiner Familie bittere Tränen um die so jäh aus dem Leben gerissene Julia zu vergießen, beschließt Davis einen Brief an den Kundendienst des Automaten zu verfassen, der weit über eine Beschwerde hinausgeht.

So offenbart er der gänzlich unbekannten Mitarbeiterin Karen (Naomi Watts) durch die Litanei an Briefen all seine Gefühle. Gleichzeitig verarbeitet er so den Tod seiner Frau auf seine ganz eigene Art und Weise - bis er einen unerwarteten Anruf bekommt: Denn auch Karen ist psychisch instabil, zeigt sich von den Offenbarungen des Witwers tief ergriffen und beschließt, ihn mitten in der Nacht zu kontaktieren. Werden die beiden geschundenen Seelen beieinander endlich wieder Halt finden?

Der Neuaufbau

Wenn Davis mit einem Vorschlaghammer sein Haus und damit seine einst heile Welt demoliert, wird dem Zuschauer die Symbolik dahinter ähnlich vehement eingehämmert: Der Protagonist trauert nicht mit Tränen, er trauert mit einem alles umfassenden Neuanfang - ein emotionaler Ground Zero. "Ein menschliches Herz zu reparieren, ist wie ein Auto zu reparieren: Man muss alles auseinandernehmen, alles überprüfen - erst dann kann man alles wieder zusammenfügen", erklärt ihm sein angetrunkener Schwiegervater (Chris Cooper) in einer Bar. Davis nimmt das sehr wörtlich und Regisseur Vallée ist sehr erpicht darauf, das auch wirklich jedem Zuschauer deutlich zu machen.

Wenn Davis zunächst seinen Kühlschrank, seinen Rechner oder die Klotür in seinem Büro zerlegt, ehe er seine eigenen vier Wände einreißt, übertreibt es der Film aber mit dieser Metapher - erst recht im Verbund mit seinen anderen bedeutungsschwangeren und für seine Umwelt nicht nachvollziehbaren Entscheidungen. Hier wäre etwas weniger viel mehr gewesen.

Lachen verboten?

Bevor der Eindruck entsteht, "Demolition" wäre eine durchgehend bierernste Angelegenheit: Das stimmt so nicht, immer wieder lockert Vallée die Stimmung mit verbalen oder visuellen Gags auf. Dennoch sollte das Interessierte, die anhand des Trailers Lust auf den Film bekommen haben, nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film sowohl durch seine Erzählung, als auch durch seine Bildsprache sehr melancholisch ist und einen auch mit diesem Gefühl aus dem Kinosaal entlässt.

Ein wenig erinnert das alles an Gore Verbinskis Film "The Weather Man" (2006) mit Nicolas Cage in der Hauptrolle. Auch hier erweckte der Trailer den Eindruck, es handele es sich um einen wesentlich humorvolleren Film, als er es in Wirklichkeit ist. Und auch darin geht es um einen stark depressiven Menschen, der auf ungewöhnliche Art einen Ausweg aus der Krankheit sucht. Im Grunde also auch wieder wie in "Dallas Buyers Club".

Starkes Ensemble

Die Darbietung der Schauspieler ist über jeden Zweifel erhaben. Egal, ob Gyllenhaal als selbstzerstörerischer Witwer, Naomi Watts als überforderte Mutter oder Charaktermime Chris Cooper als trauernder Vater und enttäuschter Stiefvater: dank ihnen gelingt Vallées gewagter Spagat aus - im wahrsten Sinne des Wortes - trostloser Geschichte und dennoch optimistischer Grundaussage.

Besonders hervorgehoben gehört aber Nachwuchsdarsteller Judah Lewis: Der Teenager spielt den störrischen Sohn von Watts' Figur Karen, der selbst droht, im Gefühlschaos unterzugehen. Ihn zeichnet eine besondere Chemie mit Gyllenhaals Charakter aus, die, mit Ausnahme einer überflüssigen Waffenszene, durchweg glaubhaft ist.

Fazit:

"Demolition" ist einer dieser Filme, die man wohl kein zweites Mal ansehen muss. In seiner Aussage ist er derart überdeutlich, dass die Suche nach einer versteckten Botschaft keinen zweiten Durchgang erfordert. Und auch durch seine melancholische Art dürfte er einigen Zuschauern zu schwermütig sein. Zweimal muss man ihn daher vielleicht nicht sehen, einmal aber schon - alleine wegen der groß aufspielenden Hauptdarsteller.