Huffpost Germany

Projekt von Journalistenschule: Kein Politiker schwindelt bei TV-Auftritten so häufig wie Frauke Petry

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Pinocchio, Baron Münchhausen, Käpt'n Blaubär – sie alle taten es: lügen.

Auch Politiker lügen. "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten", sagte Walter Ulbricht. Bill Clinton hatte nach eigener Aussage keinen Sex mit Monica Lewinsky. Wir wurden alle eines Besseren belehrt.

Ob es sich bei einer falschen Aussage um eine vorsätzliche Lüge handelt oder Unkenntnis handelt, ist zum Teil nicht oder nur schwer zu beurteilen. In jedem Fall entspricht das Gesagte aber nicht der Wahrheit; und das wirft auf die Person ein schlechtes Licht.

Ergebnis: Petry macht meiste Falschaussagen

Um zu prüfen, ob Poltiker in TV-Talks falsche Aussagen von sich geben, untersuchten Volontäre der Kölner Journalistenschule (KJS) den Wahrheitsgehalt der Aussagen von Politikern wie Christian Lindner (FDP), Thomas Oppermann (SPD) und anderen. Eine aktuelle deutsche Politikerin sticht bei den Ergebnssen dabei besonders heraus: AfD-Parteisprecherin Frauke Petry.

Im Vergleich zu den anderen sechs untersuchten Politikern trifft sie öfter Falschaussagen – und das vor laufender Kamera.

studie politiker kjs
(Petry führt die Liste vor Markus Söder an. Screenshot: faktenzoom.de)


Die Volontäre haben ingesamt 351 Aussagen der sieben Politiker in Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender geprüft.

Zu den untersuchten Sendungen zählten Maischberger, Anne Will, Maybrit Illner, und Hart aber Fair. Vier Monate wurden die Inhalte der Sendung zwischen Dezember 2015 und März 2016 ausgewertet.

Armin Laschet weist niedrigsten Falschaussagen-Wert auf

Die Ergebnisse sind generell ernüchternd: Jede siebte Aussage soll nicht den Fakten entsprochen haben. Bei manchem Parteivertretern soll fast ein Drittel der untersuchten Aussagen falsch oder überwiegend falsch gewesen sein.

Zum Thema: Peinlicher Fehltritt: Hier verliert Frauke Petry ihren Schuh

Als "überwiegend falsch“ kodierten die Volontäre Aussagen, wenn sie einen wahren Kern hatten, aber im Detail von den Fakten abwichen.

Wie die einzelnen Tatsachenbauptungen lauten und wie diese bewertet wurden, kann in einer Tabelle eingesehen werden.

Nimmt man diese Variable als Bewertungsrahmen, führt Petry die Tabelle an: 28,9 Prozent, also mehr als ein Viertel, der Aussagen der Bundessprecherin der Rechtspopulisten waren laut den Ergebnissen des Projekts falsch oder überwiegend falsch. Hinter ihr kommt Markus Söder (CSU) mit 21,9 Prozent Irrsinn.

Alle anderen der sieben untersuchten Politiker weisen deutlich niedrigere Prozentwerte auf. Am niedrigsten ist der Wert bei Armin Laschet (CDU) mit 6,5 Prozent falsch oder überwiegend falschen Aussagen.

Zitate wurden von Studierenden teils geändert

Allerdings werden die Ergebnisse der KJS-Studierenden getrübt: Wie der Mediendienst "Übermedien" berichtet wurden beim Projekt mehrere Fehler gemacht.

Mindestens eine Petry-Aussage, die als falsch eingestuft wurde, war richtig. Dabei ging es um die Längenangabe der Grenze, die von der Türkei geschützt werde. Die KJS-Studierenden räumten den Fehler ein.

Außerdem wurden Zitate "geglätten", gab die KJS auf Anfrage von "Übermedien" zu. Der Mediendienst bezeichnet dies als Fälschung.

Die Studierenden der KJS gaben die geänderten und originale Zitate an die Politiker zur Autorisierung weiter. Sofern keine Kritik an den – auch geänderten – Formulierungen zurückkam, wurden sie als "impliziter Autorisierung der Zitate gewertet", schreibt "Übermedien"-Autor Stefan Niggemeier.

Das Problem: Durch die Änderung der Zitate im Wortlaut, wurde auch teil des Inhalt der Aussage verändert.

AfD begrüßt Projekt, bezieht aber kaum Stellung

Zudem lassen sich die Ergebnisse nicht eins-zu-eins vergleichen, da sich Auftritte und Redeanteil der Politiker unterscheiden. Katja Kipping (Linke; 15,9 Prozent) hatte fünf Auftritte im Zeitraum, Petry, Söder und Göring-Eckardt (Grüne; 15,9 Prozent) drei.

politik
(Petrys Aussagen waren zu 18,4 Prozent falsch. Screenshot: faktenzoom.de)

Viele Parteien begrüßten das Projekt. Die Pressestelle der AfD schrieb der KJS, das Projekt könne für mehr Transparenz sorgen und bewirken, dass Politiker aller Couleur mehr darauf achten, welche Inhalte sie verbreiten.

Zu einzelnen Aussagen wollte sich die AfD mit dem Hinweis, dass "es der Zeit- und Terminplan von Frau Dr. Petry im Moment nicht zulässt, umfassend Stellung zu den aufgeworfenen Aspekten zu nehmen“ gegenüber der Journalistenschule nicht äußern. Nur zu drei der 29 Aussagen von Petry wurde Stellung bezogen.

Petry bekam wie alle Politiker fünf Tage Zeit, um vor der Publikation zu den Ergebnisse Stellung zu beziehen, erklärt die Journalistenschule gegenüber der Huffington Post.

"Pinocchiopresse" trifft Petry wie ein Bumerang

Petry reagierte über Facebook auf die Publikation. Sie kritisiert die Methodik des Projekts. Diese hat Petry aber scheinbar zuerst selbst nicht verstanden. Nicht prüfbare Aussagen seien automatisch als falsch gewertet worden, schrieb sie.

Nicht prüfbare Aussagen liefen allerdings nicht in die Bewertung ein, bestätigte die Kölner Journalistenschule auf Anfrage der Huffington Post. Petry ruderte nach ihrem erste Post zurück und gab zu, dies missverstanden zu haben.

An ihrer Haltung ändert das nichts: „Pinocchiopresse in Hochform“, schreibt die Politikerin am Ende ihres zweiten Posts bezüglich des Projekts.

Die Recherchen von Medienkritikern über die Erhebungsmethoden des Projekts gießen zusätzlich Öl ins Feuer und werfen ein schlechtes Licht auf die Ergebnisse. Bei einer erneuten, sorgfältigeren Erhebung und Auswertung würden zumindest Petry und Söder sicherlich etwas besser wegkommen.

Auch auf HuffPost:

Frauke Petrys Ex-Lehrer: Warum ich sie nicht mehr sehen will

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

(lp)