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"Wir müssen die Übergriffe öffentlich machen"- Hessen diskutiert über mutmaßliche Zunahme von Sex-Attacken durch Männergruppen

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  • Der Großraum Kassel diskutiert über eine mutmaßlich hohe Zahl sexueller Übergriffe durch Männergruppen
  • Selbst Schülerinnen sollen betroffen sein
  • Im Verdacht stehen auch Flüchtlinge
  • Im Video seht ihr eine Zusammenfassung der Problematik

Für die drei hessischen Mädchen war der Schulweg zuletzt offenbar nur noch eine Belastung. Mit dem Bus und der Straßenbahn fahren sie jeden Morgen aus dem Umland in ihre Schule nach Kassel.

Opfer schwieg nach eigener Aussage, um Flüchtlinge nicht zu "diskriminieren"

Doch auf dem Weg zur Schule seien sie zuletzt regelmäßig bedrängt worden, Männer hätten ihnen an den Po, an die Brust und in den Schritt gefasst. Die mutmaßlichen Täter hätten obszöne Gesten gemacht oder ihnen "Hure“ zugerufen, berichteten die 16- bis 18-jährigen mutmaßlichen Opfer vor wenigen Tagen im Gespräch mit der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) sowie einer lokalen Opfer-Initiative.

Lange hätten die jungen Frauen der Zeitung zufolge geschwiegen. Denn die Männer, die sie regelmäßig so massiv belästigt und begrapscht hätten, seien "aller Wahrscheinlichkeit nach Flüchtlinge". Eine der Schülerinnen sagte deshalb der „HNA“: „Wir möchten nicht, dass Flüchtlinge diskriminiert werden.“

"Kaum ein Tag ohne Belästigung"

Doch nun ist offenbar eine Grenze überschritten. Es vergehe kaum ein Tag ohne Belästigung, sagten die drei jungen Frauen, die sich mittlerweile an eine Hilfsorganisation für Opfer sexueller Gewalt gewandt haben.

Sogar nach Hause seien sie verfolgt worden. Einmal sei sie sogar von sieben Männern auf einmal bedrängt worden, erzählte eine Schülerin. Diese Übergriffe in Bus und Bahn hätten auch viele "andere schon ebenso erlebt“.

Der "HNA“ zufolge sind die Grapsch-Attacken "keine Einzelfälle“. Anfang Juni wurde eine 26-jährige Studentin in Kassel von mehreren Männern belästigt.

Dazu passend: Sexuelle Übergriffe: Darum könnten die Täter von Darmstadt straffrei ausgehen

Die Studentin wurde auf Englisch und in gebrochenem Deutsch angesprochen, umzingelt und angefasst, sagte sie der "HNA“. Hinterher habe sie sich selbst gefragt, ob sie falsch gekleidet gewesen sei und die Männer etwa provoziert habe.

Opfer: "War ich falsch gekleidet?"

Sie erstatte erst zwei Tage später Anzeige. Die Begründung ist erschreckend: Sie habe geglaubt, dass man die Männer ohnehin nicht schnappe, sagt die junge Frau.

Dass einer der Männer ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Refugees welcome“ getragen habe, könnte ein Hinweis darauf sein, dass es sich um Flüchtlinge handelte, behauptet die junge Frau gegenüber der Zeitung. Die Studentin erzählte von Freundinnen, die ein ähnliches Erlebnis mit einer Gruppe Migranten während des Kasseler Stadtfestes gehabt hätten.

Vor etwas mehr als einer Woche war eine Frau in Lohfelden bei Kassel in einer Grün-Anlage beinahe vergewaltigt worden. Ihre Hunde kamen der Spaziergängerin in letzter Sekunde zuhilfe und schlugen die Täter in die Flucht. Die drei Verdächtigen sollen laut Polizei alle "hellbraune Hautfarbe haben“. Sie hätten sich in einer ihr unbekannten Sprache unterhalten.

Taten einer kleinen Minderheit gefährden Akzeptanz der Flüchtlinge

In Kassel und Umgebung wird nun heftig über mutmaßlich von Flüchtlings- oder Migrantengruppen begangene Sex-Attacken diskutiert. "Köln ist nicht vorbei - auch nicht in Kassel. Frauen werden auch hier von Männern bedrängt, begrapscht“, konstatiert die "HNA".

Opferverband Gesa: "Riesenpaket an sexualisierter Gewalt" durch Flüchtlinge

Nach den Beschreibungen der Opfer sei der Tätertyp immer der gleiche: "jung, ausländisch aussehend, nicht deutsch sprechend“. Es sei anzunehmen, dass unter den Tätern auch Flüchtlinge seien, so die Zeitung.

Eine Vertreterin des Arbeitskreises "Gemeinsam gegen sexuelle Gewalt aktiv" (Gesa) sagte gegenüber "HNA“: "Wir haben mit den Flüchtlingen leider auch ein Riesenpaket an sexualisierter Gewalt von Männern dazu bekommen.“ Die Täter kämen "häufig aus Kulturkreisen mit einem anderen Frauenbild“.

"Übergriffe öffentlich machen"

Aus Sicht von der Opfergruppe Gesa, hinter dem unter anderem der Deutsche Kinderschutzbund Kassel sowie das Diakonische Werk stehen, ist klar: "Wir müssen Übergriffe öffentlich machen, auch mit der Gefahr, damit den Rechten zuzuspielen.“ Denn letztlich müssten die Männer "umerzogen werden".

Täter sollen angeblich "gegrinst" haben

Tatsächlich scheinen die Belästiger ein Nein nicht zu akzeptieren. "Wenn man denen zu verstehen gibt, dass man das nicht will, grinsen sie einen nur dreckig an“, erzählte eine von Belästigungen betroffene Schülerin. Und ein anderes Opfer sagte der "HNA“, die Männer "hätten nur blöd gegrinst“

Doch ist die Problematik nur auf den Großraum Hessen beschränkt? Manche Sicherheitsexperten sprechen längst von einem Phänomen, das weite Teile des Landes betrifft.

Polizeigewerkschaft: "Solche Attacken häufen sich"

"Sex-Attacken wie jüngst in Darmstadt häufen sich“, ist zumindest Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), überzeugt. Er verweist auf die massenhaften Sex-Übergriffe von Köln, die Attacken beim Düsseldorfer Japan-Tag und die Vorfälle auf dem Berliner Karneval der Kulturen. Auch bei der Bergkirchweih im fränkischen Erlangen kam es zuletzt zu 14 sexuellen Übergriffen.

In Köln wurden an Silvester hunderte Sex-Attacken gezählt, auch andere Städte waren massiv betroffen. Eine solche Dimension erreichte keine der in den folgenden Monaten von Männergruppen verübten Sex-Übergriffe. In Darmstadt gingen Ende Mai nach einem Musik-Festival jedoch mindestens 26 Anzeigen von Frauen ein, die nach eigenen Angaben Opfer von Antanzbanden wurden.
Und bei einem Stadtfest im schleswig-holsteinischen Ahrensburg sollen die fünf Opfer der sexuellen Übergriffe sogar nur zwischen 15 und 17 Jahren alt gewesen sein.

Oft wurden die Täter von den Opfern und der Polizei als "nordafrikanisch", mitunter aber auch als"arabisch","südländisch" oder wie in Ahrensburg als "afrikanisch beschrieben".

Opfer sollen teils minderjährig sein

Aber nicht alle Berichte über Attacken von Männergruppen auf Frauen stimmen. In Kiel hatten angebliche Übergriffe in der geschilderten Form nie stattgefunden. Manche Vergewaltigungen sind überdies sogar komplett erfunden.

Doch es gibt immer wieder sexuelle Übergiffe von bestimmten Tätergruppen. Und mutmaßlich stammen viele der Verdächtigen Polizeiangaben zufolge aus Nordafrika.

Sie sind in der allgemeinen Kriminalstatistik jedenfalls massiv überrepräsentiert. Bei jedem vierten Verbrechen eines Migranten verdächtigt die Polizei Nordafrikaner. Dabei machen Einwanderer aus den Maghreb-Staaten nur drei Prozent aller Migranten in Deutschland aus. Syrische Zuwanderer fallen den Polizeibehörden dagegen nur wenig auf.

Bundesverband Frauenberatungsstellen warnt: „Das darf man nicht kleinreden“

Die Diskussion um mutmaßliche Straftaten einer kleinen Gruppe von Nordafrikanern bedroht die Akzeptanz der Flüchtlinge, die in der zunehmend undifferenzierten Debatte über einen Kamm geschert werden.

Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF), bei dem deutschlandweit rund 170 Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe zusammengeschlossen sind, sieht jedenfalls „durchaus Probleme“ durch sexuelle Übergriffe größerer Männergruppen. Es würden mittlerweile mehr solcher Attacken gemeldet, etwa durch nordafrikanische Gruppen wie Tänzerbanden. „Das darf man nicht kleinreden“, sagte eine Verbandssprecherin am Dienstag der Huffington Post.

Jeder Fall von Belästigung oder Nötigung sei für die Frauen „schrecklich“. Sie warnte jedoch davor, das Problem auf Zuwanderer zu verengen. Eine Hauptursache für die vermehrten Berichte über Sex-Attacken durch Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund im Allgemeinen sei, dass seit den Massen-Übergriffen von Köln die Hemmschwelle solche Straftaten anzuzeigen, gesunken sei. „Die Frauen merken, dass man ihnen glaubt.“

"Höhere Bereitschaft, Übergriffe von Migranten anzuzeigen"

Bei deutschen Tätern sei die Bereitschaft, Übergriffe anzuzeigen jedoch nicht so hoch wie bei Männern mit Migrationshintergrund. Allgemein sei die Anzeigebereitschaft bei Sexualdelikten mit 13 Prozent "nur sehr gering".

Dies habe sich erst seit den Vorfällen von Köln gewandelt. Die Folgen eines sexuellen Übergriffs sind für die Betroffenen aber immer gleich traumatisierend, unabhängig davon, woher die Täter kommen.

"Sexuelle Gewalt geht meist nicht von Menschen aus fremden Ländern aus“

Vier von fünf Sexualdelikten gegen Frauen würden von Menschen aus dem persönlichen Umfeld des Opfers begangenen. "Sexuelle Gewalt in Deutschland geht meist nicht von Menschen aus fremden Ländern aus.“

Für die BFF-Sprecherin ist jedoch klar: „Man muss allen Männern, egal woher sie kommen, klar machen, dass sie sich an Gesetze halten müssen. Jede Frau hat das Recht auf Selbstbestimmung.“

Die Schülerinnen der Kasseler Schule, die sich irgendwann ihrer Lehrerin anvertraut hatten, können jedoch nicht warten, bis die Politik das Problem für sie löst. Sie versuchen unnötige Fahrten mit Bus und Tram zu vermeiden.

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(lp)