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Dominic "Musa" Schmitz: "Wer sich gut fühlt, wird kein Extremist"

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SALAFISTEN
"Wer sich gut fühlt, wird kein Extremist": So schützt ihr eure Kinder vor radikalen Gruppen | dpa
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Mein Name ist Dominic Schmitz. Mit siebzehn wurde ich ein Salafist, ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein. Ich war auf Sinnsuche, fühlte mich unverstanden, einsam und nicht wertgeschätzt.

Ich habe mir nichts mehr gewünscht als Anerkennung. Mit dem Wort "Salafismus" konnte ich damals noch gar nichts anfangen... Durch einen alten marokkanischen Bekannten habe ich den Islam kennengelernt und dort relativ schnell einfache Antworten, auf die Fragen die ich mir einst stellte, gefunden.

Wurde Fanatiker, ohne es zu merken

Bei meinem ersten Moscheebesuch lernte ich gleich Sven Lau kennen, eine der Hauptfiguren der Salafistenszene in Deutschland. Diese jungen Erwachsenen strahlten für mich vor allem Konsequenz aus, was sie für mich glaubhaft machte.

Dominic Musa Schmitz

Ich dachte: "Klar, wir müssen den Islam so verstehen, wie er vor über 1400 entstand, sonst ist es ja nicht mehr der Islam.". Ohne es wirklich zu merken, wurde ich schnell zu einem religiösen Fanatiker, einem Extremisten.

Kaftan statt Baggy-Pants

Mein Wertesystem änderte sich von heute auf morgen und ich teilte die Welt in schwarz und weiß. Ich hörte keine Musik mehr, gab Frauen nicht mehr die Hand und schaute sie nicht an. Ich ließ mir einen Bart wachsen und tauschte die Hip Hop Hosen gegen den Kaftan ein.

Aus dem völlig normalen deutschen Jungen "Dominic" wurde binnen wenigen Wochen "Musa", der strenggläubige Salafist. Die neuen Brüder sagten mir immer wieder wie sehr Allah mich liebt, weil er mich von allen Mönchengladbachern auserwählt und zur wahren Religion geleitet hat. Diese Sätze haben gesessen.

Das typische Scheidungskind

Genau das habe ich mir gewünscht, geliebt zu werden... Warum genügte es mir nicht zu beten oder zu fasten? Unterbewusst suchte ich nach mehr. Nach Halt, Struktur, Zugehörigkeit und dem Gefühl etwas besonderes zu sein.

All das fand ich im Salafismus und als ich mit siebzehn soweit war, mich für diesen Weg zu öffnen, konnte mir niemand mehr helfen. Bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr, hätte es jedoch viele Möglichkeiten gegeben etwas zu tun.

Meine Eltern trennten sich als ich fünf Jahre alt war. Meine Oma sagt heute, dass ich das typische Scheidungskind war. Auf den Kinderbildern sieht man deutlich, dass diese Trennung an mir nagte. Ich nahm zu, wirkte eingeschüchtert und meine Körperhaltung änderte sich.

Meine Familie wusste nicht, was in mir vorgeht

Auch mein Lächeln war nicht mehr das selbe. Im Grunde genommen sieht man ein Kind das nicht mehr die Unbeschwertheit eines Kindes ausstrahlte, sondern eine unsichtbare tonnenschwere Last mit sich herumtrug.

In der Schule wäre ich gerne stark gewesen, doch mein Selbstbewusstsein war im Keller. Ich wünschte mir, dass meine Familie stolz auf mich ist und wollte perfekt sein, doch war alles andere als das.

Meine Familie kennt mich im Prinzip nicht. Natürlich wissen sie das ich sensibel bin, das ich gerne Hip Hop höre und Basketball mag. Aber was wirklich in mir vorging, wussten sie nicht, obwohl ich es ihnen doch gesagt hätte, wenn sie mich nur gefragt hätten.

Man muss sein Kind auch loben

Interesse ist meiner Meinung nach eines der Schlüsselbegriffe. Es geht nicht darum sein Kind ständig zu loben. Kritik muss sein, wenn sie angebracht ist. Aber sie muss Altersgerecht sein und muss im Gleichgewicht dazu stehen, dass man sein Kind auch lobt, wenn es etwas tolles macht.

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Kind sich benimmt, gute Noten schreibt oder kluge Sachen sagt. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass ein Kind so sein muss wie man selbst. Viel zu viele Eltern machen den Fehler, die Ansprüche die man an sich selbst hat, oder die an einen gestellt wurden, auf das eigene Kind zu projezieren.

Jedes Kind weiß, dass die Eltern es lieben,

Meistens passiert dies sogar ganz unbewusst. Viele sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass das Interesse am Kind zu kurz kommt. Horchen Sie doch mal für einen Augenblick tief in sich hinein: Können Sie mit Sicherheit sagen, was ihr Kind gerade in der Schule durchnimmt, oder noch viel wichtiger, was gerade in ihm oder ihr vorgeht? Was beschäftigt ihr Kind momentan und welche inneren Konflikte trägt es gerade aus?

Jedes Kind weiß, dass die Eltern es lieben, aber nicht jedes Kind fühlt diese Liebe und hier ist häufig der Knackpunkt in der Beziehung. Wie oft sagen Sie ihrem Kind, dass Sie es lieben, dass Sie stolz auf ihn/sie sind und wie tief ist wirklich die Bindung?

Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene sind oft schwierig und es ist nicht einfach, aber hier müssen die Eltern einfach auf ihre Weisheit und Lebenserfahrung zurückgreifen und sich bewusst machen, dass es eben noch ein Kind ist, das gerade erst dabei ist, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Ein junger Mensch dem es gut geht, der sich gut fühlt, der glücklich ist, wird kein Extremist!

Dominic Schmitz ist Autor des Buchs "Ich war ein Salafist: Meine Zeit in der islamistischen Parallelwelt." Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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Musa Schmitz ist Teil der HuffPost Voices. Einem Team, das während der EM regelmäßig aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

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