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Halten ARD und ZDF ihr Publikum für zu dumm, um kritischen Sportjournalismus zu verstehen?

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Es gibt Momente, in denen man sich fragt, welche Form von Berufsausbildung eigentlich in die Sportredaktionen von ARD und ZDF führt. Eine journalistische ist es wahrscheinlich nicht.

Nehmen wir zum Beispiel Gerhard Delling und Mehmet Scholl. Nach dem Spiel der deutschen Mannschaft gegen die Ukraine standen die beiden im Studio und erklärten tatsächlich diese fußballerisch doch eher bodenständige Leistung zum "bisherigen Match des Turniers“.

Dass die deutsche Mannschaft vor allem in der ersten Hälfte im Mittelfeld die Bälle vertrottelte, dass die Offensive über weite Strecken so uninspiriert wirkte wie Atze Schröder mit Schreibblockade, und dass man als geneigter Zuschauer zwischenzeitlich kurz davor war, Mario Götze und Mesut Özil per Reiseruf im französischen Radioprogramm suchen zu lassen – das passte wohl nicht in die öffentlich-rechtliche Inszenierung dieser EM.

Moderatoren im Party-Modus

Da sind Moderatoren auf Party-Modus. Da beschränkt sich die Rechercheleistung auf die Suche nach einer neuen schwarz-rot-goldenen Studiodeko.

Im ARD-Morgenmagazin etwa absolvierte Susan Link am Montag eine ganze Anmoderation, in dem sie einen lebensgroße Tipp-Kick-Figur in den Farben der deutschen Nationalmannschaft umarmte.

Journalistische Distanz findet man zwischen lauter mitfiebernden Redakteuren und sattsam im Fußballgeschäft vernetzten "Experten“ eher selten. Eigentlich gar nicht.

Und das ist besonders fatal, wenn diese Distanz gefragt wäre. Zum Beispiel jetzt, da eine Welle der Gewalt die EM überschattet.

Krawalle in Lille kein Thema

In Marseille wüteten russische und englische Krawallfetischisten den gesamten Samstag über und machten die Innenstadt der Mittelmeer-Metropole zu einem Schlachtfeld. Und auch in Lille, wo die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag spielte, randalierten etwa 50 deutsche Gewaltkriminelle. Ukrainische Fans wurden quer durch die Innenstadt gejagt. Stühle und Rauchbomben flogen, ein Journalist wurde niedergeschlagen.

Als ob das nicht schon genug wäre, posierten einige sächsische Hooligans noch vor dem Hauptbahnhof von Lille mit einer Reichskriegsflagge.

Von den Ausschreitungen in Lille erfuhr man am Sonntagabend nur, wenn man nicht die Delling-Scholli-Show im Ersten eingeschaltet hatte. Und auch im ARD-Morgenmagazin am Montag waren die Krawalle kaum mehr als ein Nebensatz in einer Anmoderation.

Gernot Rohr mit einem Nicht-Interview

Dafür durfte dann der deutsch-französische Trainer Gernot Rohr (mit umgebundenen Deutschland-Schal) den Beauftragten der Metropolregion Lille für die Fanmeilen "interviewen“.

Nun sollte man von einer verdienten Fußballfachkraft wie Rohr jetzt nicht journalistische Wadenbeißerfragen im Stile einer Marietta Slomka erwarten. Dass Rohr aber keinerlei Gegenwehr zeigte, als der Herr von der Stadtverwaltung ihm treuherzig versicherte, seinen eigenen Job bisher ganz dufte erledigt zu haben – das war dann doch etwas enttäuschend.

Woran es gelegen haben könnte, dass ausgerechnet Rohr das Interview führte? Vielleicht ja auch daran, dass dem etatmäßigen Sportmoderator des Morgenmagazins, Peter Grossmann, womöglich die ein oder andere Vokabel auf dem Weg zum flüssigen Konversationsfranzösisch fehlt.

Als er die Titelseite der französischen Sportzeitung "L'Équipe“ in die Kamera hielt, sprach er die Schlagzeile "La Honte“ nicht nur falsch aus, er übersetzte sie auch etwas zu zaghaft. Die französischen Kollegen schrieben zu den Bildern der Krawalle noch Marseille nicht von einer "Scham“, sondern von einer "Schande“.

Anmoderationen vom schwarz-rot-goldenen Sonnenstuhl

Folglich machte auch Grossmanns Frage an Rohr, wofür sich die Franzosen nun schämten, nur bedingt Sinn.

War aber auch nicht weiter schlimm, denn die bunteren Bilder kamen kurz darauf ohne wieder aus dem Kölner Studio. Da räkelten sich die Moderatoren auf schwarz-rot-goldenen Sonnenstühlen. Das ist ungefähr so, als ob sich ein Finanzjournalist mit Gratis-Schampus von Goldman Sachs abfüllen lassen würde und danach einen Kommentar über die Liberalisierung der Finanzmärkte einspräche.

Es ist eben diese intellektuelle Unbekümmertheit, die derzeit am öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm ein Ärgernis ist. Eine journalistische Nicht-Haltung, die den Zuschauern eine vierwöchige Verblödungsphase mit dem gesellschaftlichem Empfinden eines Kleinkindes unterstellt.

Das ist nicht nur frech, sondern spricht auch Bände über die Haltung vieler öffentlich-rechtlicher Journalisten gegenüber ihrem Publikum. Offenbar glauben sie bei ARD und ZDF, dass der Durchschnittszuschauer zu dumm ist, um einen kritischen Sportjournalismus zu verstehen.

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(lp)