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Warum die DFB-Stars die deutsche Nationalhymne nicht mitsingen müssen

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Warum die DFB-Stars die deutsche Nationalhymne nicht mitsingen müssen | Getty
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Da ist sie wieder, die ewige Diskussion. Rechtzeitig vor dem ersten Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der EM 2016 biedern sich Politiker bei Nationalstolz trunkenen Bürgern an. "Ich erwarte von jedem Nationalspieler, dass er die Nationalhymne singt – denn er spielt für Deutschland, egal wo seine Wurzeln liegen."

Dieser Satz stammt diesmal vom sächsischen Landtagspräsidenten Matthias Rößler (CDU). Welch populistischer Schwachsinn!

Ist Özil kein echter Deutscher, weil er die Hymne nicht mitsingt?

Denn erstens ist es nicht an Herrn Rößler, irgendetwas von irgendeinem Nationalspieler zu erwarten. Und zweitens zündelt er damit in einer politisch unruhigen Zeit, sodass fragwürdiges nationales Gedankengut immer mehr in die Gesellschaft vordringt.

Dazu passt: Moment mal! Dieses Land will uns Schweinsteiger klauen

Denn das, was bei vielen Fußballfans ankommt, ist schließlich: Mesut Özil ist – weil er lieber schweigt, als "...sind des Glückes Unterpfand" mitzumurmeln – kein echter Deutscher. Eine krude Theorie, die zuletzt AfD-Vize Alexander Gauland rausposaunte.

ZDF-Moderator Breyer: "Gift sickert ein" in die Gesellschaft

Einen starken Kommentar zu diesem Thema formulierte zuletzt der junge ZDF-Moderator Jochen Breyer. Der 33-Jährige sagte in der Talksendung von Maybritt Illner:

"Das Perfide an dieser Diskussion ist ja, (…) dass es ein sehr einfaches, ein sehr exemplarisches Thema ist, was jeder sehen kann: Millionen sitzen auf dem Sofa, schauen die Nationalspieler an, während die Kamera bei der Hymne die Gesichter abfilmt. Und dann sieht man Mesut Özil, der nicht singt und fragt sich, weil man diese Sätze (Forderungen von der AfD und Frauke Petry, Anm.d.Red.): 'Hm, ist da vielleicht nicht doch etwas dran?' Und in diesem Moment ist das Gift vielleicht schon eingesickert. Weil diesen Zusammenhang gibt es ja überhaupt nicht: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Singen der Nationalhymne und dem deutsch Fühlen?“

"Genau so ist es in Frankreich passiert“

Jochen Breyer, der im Rahmen einer ZDF-Reportage tief in die Seele des EM-Gastgeberlandes Frankreichs blicken konnte, erklärt die Gefahr eines missverstandenen Nationalgefühls:

"Wir müssen jetzt aufpassen. Denn in Frankreich war das ja auch anfangs eine Forderung, die vom rechten Rand kam und die Stück für Stück in die Mitte gerückt ist, weil der Front (die rechtspopulistische Partei "Front National“, Anm.d.Red.) immer wieder darauf herumgeritten ist. Dann übernehmen die konservativen Kräfte die Parolen der Ultrarechten. Genau so ist es in Frankreich passiert."

ZDF-Journalist wird im Internet angefeindet

Der Münchner Journalist bringt es in seinem Fazit auf den Punkt: "Wir müssen von Anfang an sagen: Wir sind ein freies Land. Jeder Spieler hat die Freiheit zu entscheiden, ob er singt oder nicht."

Seine Meinung erhält (wie zu erwarten war) im Internet nicht nur Zustimmung. "Und so einen linken, vaterlandslosen Gesellen bezahlt man von unseren GEZ-Gebühren“, schreibt ein Facebook-User. Ein anderer fordert: "Wer nicht mitsingt fliegt raus und fertig“.

Am Sonntagabend werden wieder viele nationalstolze Fans lauern: Was machen Özil und Sami Khedira, wenn "Einigkeit und Recht und Freiheit" vor dem EM-Spiel gegen die Ukraine (Anstoß 21 Uhr, live in der ARD) erklingt und die Kamera auf sie gerichtet ist?

Sami Khedira und Mesut Özil werden kritischer als andere beäugt

Als DFB-Kapitän singt Khedira die Hymne übrigens seit einiger Zeit sogar mit – obwohl er das vor ein paar Jahren noch ausgeschlossen hatte. "Es ist ein gutes Zeichen, wenn man die Nationalhymne singt. Aber man wird dadurch kein guter Deutscher", hatte der Mittelfeldmann mit tunesischen Wurzeln vor vier Jahren gesagt. "Ein guter Deutscher wird man, wenn man die Sprache gut spricht und die Werte lebt. Und das ist bei uns allen der Fall."

Kein gutes Gefühl, wenn der Jubel aus fragwürdigen Gründen leiser ist

Ein weiterer negativer Aspekt dieser ganzen Diskussion wird oft vergessen: Selbstverständlich wissen die Nationalspieler von diesem Thema im eigenen Land. Es ist gar nicht so leicht auszublenden, wenn man als in Gelsenkirchen (Özil) oder Stuttgart (Khedira) geborener Spieler mit sensationeller DFB-Vita (beide Weltmeister und 72 bzw. 59 Länderspiele) im eigenen Land keine Anerkennung erfährt.

Wenn man für Schwarz-Rot-Gold auf dem Platz glänzt und der Jubel leiser ist, weil man einen fremdländischen Namen, eine andere Hautfarbe oder eine andere Religion hat.

Nationalhymnen-Diskussionen lenken ab vom eigentlich Wichtigen: vom gemeinsamen Ziel, dass Deutschlands Nationalmannschaft nach 20 Jahren wieder Europameister wird. Blüh im Glanze dieses Glückes!

Passend zum EM-Spiel Deutschland gegen die Ukraine:

(LK)