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Dieser Muslim führt uns vor Augen, was wir bei der Gewalt in Marseille übersehen

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MARSEILLE
Ausschreitungen beim EM-Spiel in Marseille | dpa
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Schwer bewaffnete Polizisten, Rauch, blutverschmierte Gesichter: Erschreckende Bilder der Ausschreitungen zwischen Fußballfans in Marseille kursieren seit zwei Tagen im Netz.

Kein Wunder also, wenn einem bei diesen Aufnahmen richtig mulmig wird. Dieses Gefühl hatte wohl auch Hayder al-Khoei, Forschungsdirektor des Centre for Academic Shi’a Studies (Zentrum für die Erforschung der Schia) in Großbritannien. Der Brite irakischer Abstammung nahm seinen Unmut zum Anlass, uns vor Augen zu führen, was wir bei der Gewalt in Marseille übersehen haben.

Wir haben bei der Gewalt in Marseille etwas übersehen - unsere Doppelmoral

Der Muslim schrieb auf Twitter folgende Nachrichten, die auf großes Echo stießen:

"Als England-Fan, der für ganz England und die Engländer spricht, will ich mich für die unsinnige Gewalt in Frankreich entschuldigen #NotInMyName"

twitter

"Wenn nicht mehr Engländer vortreten und diese Gewalt eindeutig verurteilen, werden die Menschen denken, dass diese betrunkenen Extremisten uns alle repräsentieren."

Den Hashtag #NotInMyName haben Muslime auf Twitter schon mehrfach benutzt, um sich von Terroranschlägen mit islamistischen Hintergrund zu distanzieren. In diesem Kontext sieht man, wie unsinnig die Erwartung an alle Muslime ist, sich von islamistischem Terror zu distanzieren, mit dem sie per se nichts zu tun haben - genauso wenig wie die meisten Engländer mit den Hooligans in Marseille.

Zwischen England und Russland kam es während des Vorrunden-Spiels im Stadion in Marseille zu gewaltsamen Ausschreitungen.

Russische Hooligans jagten englische Fans durch die Ränge. Manche Fans zündeten sogar Feuerwerkskörper, die sie ins Stadion schmuggeln konnten. Bereits im Vorfeld des Spiels lieferten sich Fans beider Mannschaften, Einheimische und die Polizei heftige Kämpfe. Dutzende wurden verletzt, ein Engländer schwebt sogar in Lebensgefahr.

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"Manche Reaktionen waren lächerlich"

Al-Khoei wurde für den ironischen Vergleich auch kritisiert: "Manche Reaktionen waren lächerlich. Viele haben den Sarkasmus nicht verstanden und dachten, ich meinte es ernst", sagte er dem Portal "BuzzFeedNews".

Möglicherweise ist der Vergleich auch etwas schief - trotzdem spricht er einen wunden Punkt an:

Islamophobie ist in Europa längst salonfähig geworden und Muslime werden schnell unter einen Generalverdacht gestellt. Das versucht auch al-Khoei zu veranschaulichen, in dem er die Narrative der Islam- und Nahostdebatte für die europäische Kultur und die Ausschreitungen in Marseille verwendet:

twitter

"Für Araber, die diese Gewalt verstehen möchten: Eine Bierflasche zu werfen, ist in der europäischen Kultur wie einen Schuh zu werfen. Es ist eine beleidigende Geste."

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"In der europäischen Kultur ist ein T-Shirt, das Betrunkenen ausgezogen wurde, ein bedeutsames Ritual vor einer Kriegshandlung und symbolisiert Märtyrertum."

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"Protestantische Engländer und katholische Franzosen hassen sich gegenseitig, was auf die tief verwurzelte konfessionelle Geschichte und Gewalt in Europa zurückzuführen ist."

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"Der verstörende Hooliganismus schürt die Sorgen, dass es ein konfessionelles Blutbad geben könnte - wie Analysten warnen, haben USA, UK, Frankreich, Russland und China Atomwaffen."

In seinen Tweets imitiert Al-Khoei den alarmistischen Ton vieler Medien, denen er in einem Interview mit "CNN" vorwarf: "Westliche Medien sollten nuancierter und reflektierter darüber (den Nahen Osten, Anm. d. Red.) berichten und nicht dem IS in die Hände spielen, der verzweifelt versucht, ein Schwarz-Weiß-Bild eines konfessionellen Krieges zu vermitteln."

Al-Khoei hat mit seinen Tweets auf alle Fälle einen wunden Punkt getroffen - und uns zum Nachdenken gebracht.

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(LK)