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Gerald Asamoah: "Das macht mich stolz - auch darauf, Deutscher zu sein"

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ASAMOAH GERALD
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Man kommt vor der Europameisterschaft ja kaum daran vorbei.

Plötzlich wird ständig über Fotos auf Kinderschokolade, über echte deutsche Namen, das Mitsingen der Nationalhymne und richtige oder falsche Nachbarn diskutiert. Dass so etwas im Jahre 2016 in Deutschland noch möglich ist, empfinde ich schon als enttäuschend.

Ich habe ja ehrlich gesagt gedacht, dass wir schon etwas weiter wären inzwischen. Im Prinzip habe ich das alles schon 2006 erlebt, vor der Weltmeisterschaft bei uns im eigenen Land. Damals war ich es, der verbal von verschiedenen Seiten angegriffen wurde. Nach dem Sommermärchen schien sich dann aber tatsächlich etwas verändert zu haben in Deutschland. Wir waren auf einem guten Weg.

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Bestimmte Gruppen nutzen gerade hemmungslos die Nationalmannschaft aus

Jetzt, zehn Jahre später, reden wir immer noch über die gleichen Themen. Ich will jetzt gar nicht mehr jeden Aufreger und jeden Namen nennen, denn eins ist ja auch klar: Bestimmte Leute und Gruppen nutzen gerade hemmungslos die Nationalmannschaft aus, um darüber ihre Politik zu promoten. Deswegen will ich eigentlich auch gar nicht mehr so viele Worte dazu verlieren. Eine Sache ist mir aber noch wichtig. Auch weil sie meiner Meinung nach viel zu kurz kommt:

Wir reden immer darüber, wie der Eindruck entstehen könnte, dass die Gesellschaft nach rechts rückt, wie hetzerisch teilweise Politik betrieben wird, wie aggressiv sich viele Menschen gegenüber Flüchtlingen verhalten und so weiter. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, wie viele sich dieser Entwicklung entgegenstellen.

Passend zum Thema: Spielplan der Europameisterschaft 2016

Ich jedenfalls habe jetzt, in den zwei Wochen vor der EM, deutlich gespürt, gesehen, gehört und gelesen, dass es sehr vielen Menschen nicht egal ist, was in ihrem Land passiert und wie zum Beispiel negativ über Mitmenschen mit anderer Hautfarbe oder Religion gesprochen wird. Die Leute zeigen Haltung gegen Diskriminierung, Intoleranz, Rassismus. Sie machen den Mund auf und sich bemerkbar.

Da geht sicher noch mehr. Man hört ja immer von der schweigenden Mehrheit, die eigentlich gegen rechtes Gedankengut ist, sich dann aber eher bedeckt hält. Sie darf jetzt gerne auch zur „sprechenden Mehrheit“ werden. Mich freut es immer, zu sehen, dass Menschen aufstehen, ihre Meinung sagen und zeigen. Sei es in den sozialen Netzwerken, auf der Straße oder im Stadion. Sie sind dabei kreativ und humorvoll, sie sagen kluge und wichtige Dinge. Das gefällt mir.

Deutschland war das Land, das mich willkommen geheißen und mich akzeptiert hat

Ich wurde während meiner Karriere oft gefragt, warum ich mich damals entschieden habe, für Deutschland zu spielen. Es war eine Bauchentscheidung: Weil ich mich hier zuhause fühle. Ich habe damals natürlich auch Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Ich habe die Affenlaute auf dem Platz gehört. Aber das war für mich nicht Deutschland. Deutschland war das Land, das mich willkommen geheißen und mich akzeptiert hat.

Wenn ich nun heute all diejenigen sehe, die sich nicht blenden lassen von irgendwelchen Parolen und verqueren Denkweisen, sondern sich offen dagegen stark machen, dann ist das genau dieses Deutschland. Das freut mich und macht mich stolz.

Auch darauf, Deutscher zu sein.

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Gerald Asamoah ist Teil der HuffPost Voices. Einem Team, das während der EM regelmäßig aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

Hier geht es zu den bisherigen Beiträgen von:

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