Huffpost Germany

Früher war ich Rassist - Jetzt schäme ich mich dafür

Veröffentlicht: Aktualisiert:
INDIGENOUS AUSTRALIANS
Früher war ich rassistisch. Jetzt schäme ich mich dafür | Tim Wimborne / Reuters
Drucken

Mit 18 war ich oft wütend und ich lag oft falsch. Ich bin froh, dass ich mittlerweile von mir behaupten kann, dass ich nicht mehr so wütend bin.

Ich liege jedoch immer noch sehr, sehr oft falsch. Leider führte diese Mischung aus Wut und falschen Vorstellungen bei mir zu einer Einstellung, auf die ich nicht stolz bin. Es ist nicht leicht, über Dinge zu sprechen, für die wir uns schämen. Ich hielt jedoch früher an einer bestimmten Überzeugung fest, für die ich mich jetzt schäme und über die ich unbedingt sprechen möchte.

Warum habe ich mich gegen gute Eigenschaften gewehrt?

Eine Sache, über die ich mich früher sehr geärgert habe, waren Förderungsmaßnahmen zu Gunsten von Minderheiten, vor allem wenn es um die indigene Bevölkerung Australiens ging.

Als ich 18 war, regte ich mich darüber auf, dass indigene Studenten bei der Vergabe von Plätzen für ein Medizinstudium bevorzugt behandelt wurden und dass die Studienordnung sich viel zu sehr auf Themen, die für die indigene Bevölkerung von Interesse sind, konzentrierte.

Ich denke nur ungern an meine damaligen Ansichten zurück. Denn mittlerweile haben sich meine Ansichten geändert. Ich bin froh, dass ich kein Rassist bin und dass ich mich auch anderweitig nicht diskriminierend verhalte. Warum habe ich mich also so vehement gegen diese guten Eigenschaften gewehrt? Und war das überhaupt Rassismus?

Ich fand, es sei ungerecht

Damals empfand ich es natürlich nicht als Rassismus. Da es nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen für ein Medizinstudium gab, sah ich die ganze Sache so: Es ist ein Akt der Ungerechtigkeit, dass ein indigener Student, der zwar eigentlich weniger qualifiziert ist, einen Studienplatz erhält und dass dafür ein nicht-indigener Student keinen Platz mehr bekommt.

Ich ärgerte mich, weil ich mir vorstellte, dass einer der Bewerber den letzten Platz genau deshalb nicht mehr bekam, weil dieser Platz an einen indigenen Bewerber vergeben wurde. Meiner Meinung nach war meine Einstellung ziemlich fair und neutral, denn schließlich hatte ich ja kein eigenes Interesse an diesem Platz, oder etwa nicht? Ich hatte auf Anhieb einen Studienplatz für Medizin an meiner bevorzugten Uni erhalten, also konnte es gar nicht daran liegen, richtig?

Mittlerweile weiß ich, dass ich falsch lag. Ich hatte zwei bedeutende Fehler gemacht.

Mein erster großer Fehler

Der erste Fehler ist es, bestimmte Handlungen ohne den zugehörigen Kontext zu betrachten. Förderungsmaßnahmen zu Gunsten von Minderheiten wirken immer ungerecht, wenn man nicht auch gleichzeitig die Probleme in Betracht zieht, die damit behoben werden sollen.

Wenn die Feuerwehr nur ein Haus von 10 Häusern in einer Straße löscht, mag dies völlig zu Recht unfair erscheinen, wenn man dabei die Tatsache außer Acht lässt, dass nur ein Haus brennt. Natürlich macht die Feuerwehr keine Unterschiede und es besteht kein Zweifel, dass sie sich korrekt verhält, da ja nur ein Haus brennt. Feuer fällt einem sofort in Auge.

Mit 18 war ich der Meinung, dass das Auswahlverfahren für die Plätze für ein Medizinstudium jeweils im April des Vorjahres beginnt. Jetzt weiß ich jedoch, dass dem nicht so ist und dass das Verfahren schon Jahrzehnte vorher beginnt.

Was nicht da ist, kann einem nicht auffallen

Doch mit Benachteiligung verhält es sich nicht wie mit Feuer. Es steigen keine Flammen auf und es entsteht auch keine glühende Hitze. Bei indigenen Schülern ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die 12. Klasse abschließen, sehr viel niedriger als bei nicht-indigenen Schülern (bei indigenen Schülern liegt der Anteil bei knapp der Hälfte, wohingegen bei nicht-indigenen Schülern 4 von 5 ihren Abschluss machen).

Das ist einem in der 12. Klasse jedoch noch nicht bewusst, weil einem nichts auffallen kann, was gar nicht da ist. Keine Flammen.

Australier mit indigener Abstammung kommen 24-mal so häufig ins Gefängnis wie nicht-indigene Australier, doch diese Tatsache sorgt gar nicht so sehr für Empörung wie sie es eigentlich sollte, weil Gefängnisstrafen eine moralische Bedeutung haben.

Diskriminierung ist weit verbreitet

Sie beinhalten eine allzu simple, eindimensionale Sichtweise, die besagt, dass man nur dann mit Gefängnis bestraft wird, wenn man etwas Böses getan hat. Und deshalb löst dies auch keine großartige Empörung aus. Keine Hitze.

Diese und andere Formen der Diskriminierung bestehen auch beim Bewerbungsverfahren um einen Platz für ein Medizinstudium. Hier werden nach wie vor Unterschiede gemacht. Mir sind zwei Dinge bewusst geworden, die mir vorher nicht klar waren.

Die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung ist so weit verbreitet, dass es ohne den Druck der Fördermaßnahmen zu Gunsten von Minderheiten und ohne alternative Zulassungsmöglichkeiten wahrscheinlich nur sehr wenige indigene Ärzte geben würde, weil die indigene Bevölkerung an den medizinischen Fakultäten stark unterrepräsentiert wäre.

Mischung aus Leistung, Glück und Benachteiligung

Außerdem basieren leistungsbezogene Zulassungsvoraussetzungen eben nicht nur auf Leistungen; sie basieren auf einer Mischung aus Leistungen, Glück und Benachteiligung. Jemand mit einem schlechten Notenschnitt muss nicht zwangsweise auch weniger fähig oder berechtigt dazu sein, einen Platz zu bekommen.

Mir ist mittlerweile klar geworden, dass man sich Fördermaßnahmen zu Gunsten von Minderheiten am besten selbst schlecht macht, indem man die Maßnahmen ohne jeglichen Kontext betrachtet.

Wenn man das zugrundeliegende Problem außer Acht lässt, mögen derartige Maßnahmen durchaus ungerecht erscheinen. Wenn man das Problem jedoch anerkennt, wirken die Maßnahmen gleich weniger unangemessen.

Ich lag falsch

Ich sagte vorher, dass ich zwei Fehler gemacht hatte. Der erste Fehler lag in meiner Meinung gegenüber Förderungsmaßnahmen zu Gunsten von Minderheiten. Der zweite Fehler lag darin, wie ich mich selbst wahrnahm.

Ich habe bereits zu Anfang kurz erwähnt, dass ich selbst mich für einen neutralen Beobachter hielt, der lediglich ein Problem damit hat, dass ein indigener Schüler mit schlechteren Noten einem nicht-indigenen Schüler mit besseren Noten vorgezogen wird. Ich selbst kam beim Auswahlverfahren keineswegs zu kurz, also war ich mir ziemlich sicher, dass ich dem Thema völlig vorurteilsfrei gegenüberstand. Doch damit lag ich völlig falsch.

Was, wenn ich dieser Schüler gewesen wäre, der den Platz nicht bekommen hat?

Sir Terry Pratchett schrieb einst über "erste Gedanken", welche die instinktive Reaktion darstellen, über "zweite Gedanken", die das Gegenargument bilden und über "dritte Gedanken", nämlich die Gedanken, welche die beiden vorherigen Gedanken beobachten. Mein erster Gedanke war, dass ein indigener Schüler den Platz von einem nicht-indigenen Studenten bekommen hatte, obwohl dieser eigentlich bessere Leistungen aufwies.

Mein zweiter Gedanke war: "Was, wenn ich dieser Schüler gewesen wäre, der den Platz nicht bekommen hat?" Der dritte Gedanke, den ich jedoch nicht fasste, hätte lauten müssen: "Warum versetze ich mich eigentlich nur in die Lage des nicht-indigenen Schülers und nicht in die des indigenen Schülers?"

Obwohl ich beim Auswahlverfahren selbst nicht zu kurz gekommen war, identifizierte ich mich gedanklich sofort mit dem nicht-indigenen Schüler statt mit dem indigenen Schüler. Und ohne mir darüber im Klaren zu sein fällte ich ein voreingenommenes Urteil. Ich habe zu Beginn erwähnt, dass ich froh bin, kein Rassist zu sein.

Mein Blickwinkel hat sich erweitert

Mein ablehnendes Verhalten lag zum Teil daran, dass ich bei dieser Angelegenheit nur die potenziellen Nachteile sah und dass ich die mögliche Vorteile nicht sehen wollte -- was zumindest zum Teil daran lag, dass ich mich selbst einer bestimmten Rasse zuordnete. Wenn ich daran zurückdenke und mich daran erinnere, auf welche Weise ich zu meiner Einstellung gelangt war, kann ich wirklich nicht mehr behaupten, dass ich mich damals nicht rassistisch verhalten habe.

Im Laufe meines Medizinstudiums bin ich milder in meinem Urteil geworden und mein Blickwinkel hat sich erweitert (das gilt insbesondere für die Stellung der indigenen Bevölkerung und für das Wahlrecht in Far North Queensland.

Ein Kinderarzt hat mich inspiriert

Außerdem hat meine Sichtweise sich vor allem dadurch verändert, dass ich den Kinderarzt Andrew Macdonald kennenlernte, der sich in seinen Vorlesungen über Kinderheilkunde ganz besonders mit den Problemen der Aborigines und der Torres-Strait-Insulaner befasst). Mittlerweile bin ich der Meinung, dass das, was wir in den Vorlesungen über indigene Medizin hören, nicht nur wichtig ist, sondern dass es sogar noch zu wenig ist.

Und dennoch habe ich noch immer ein ungutes Gefühl, wenn ich an meine frühere Einstellung zurückdenke, und daran, dass ich mich so sehr an diese Meinung geklammert habe.

Es handelt sich dabei sogar um mehr als nur um ein ungutes Gefühl. Ich schäme mich und es tut mir leid.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post Australien erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Auch auf HuffPost:

Stephen Hawking nennt die größten Gefahren für die Menschheit


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößern sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder aus sozial schwachen Familien haben niemanden, der sich um ihre alltäglichen Sorgen kümmert. Ein Blick auf die Hausaufgaben, Konflikte mit Freunden - oder Gesundheitsprobleme: In dem Münchner Projekt Lichtblick Hasenbergl unterstützen Pädagogen junge Menschen bei all diesen Fragen. Hier erfahrt ihr mehr zu der Initiative.

In Ruanda haben 400.000 Kinder keine Chance auf einen Platz in der Schule; besonders Waisen und Mädchen sind benachteiligt. Das Projekt "Schulen für Afrika" von Unicef ermöglicht tausenden Kindern den Zugang zu Bildung. Hier könnt ihr die Initiative unterstützen.

Ein zuverlässiges Transportmittel kann für Menschen in einem Entwicklungsland alles verändern. World Bicycle Relief stattet Menschen in ländlichen Regionen Afrikas mit Fahrrädern aus und schenkt ihnen damit ein großes Stück Lebensqualität. Hier geht es weiter zu diesem faszinierenden Projekt.