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Wer sich Deutschland-Spiele auf den Fanmeilen anschaut, schert sich einen Dreck um Fußball

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FANMEILEN
Fanmeile am Brandenburger Tor in Berlin während der WM 2014 | dpa
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Es gab mal eine Zeit, in der Fanmeilen etwas Besonderes waren. Doch das ist lange her.

Zum WM-Finale 2002 etwa, als in München die Ludwigstraße komplett für den Verkehr gesperrt wurde. Die Großbildleinwand hing am Siegestor. Etwa 80.000 Zuschauer waren gekommen. Und in der Halbzeit trafen sich Raucher und Trinker ungeachtet aller Polizeiabsperrungen im Garten der Akademie der Künste, um die Leistungen von Ronaldo und Miroslav Klose zu diskutieren.

Das Bemerkenswerte war, dass die Atmosphäre durchweg fair und friedlich war. Bauarbeiter und Studenten und Hausfrauen waren zusammengekommen, um gemeinsam ein Stück Fußballgeschichte zu erleben.

Auch deshalb wurde das Konzept für die WM 2006 übernommen. Es hatte sich glanzvoll bewährt.

Laufsteg für Ego-Gorillas

Wie erklärt man das nun jemandem, der die Fanmeilen nur aus dem Jahr 2016 kennt? So wie sie sich heute zeigen: Als Laufsteg für grölende Ego-Gorillas, warmgesoffene Sparkassenlehrlinge und buntgeschminkte Partypatriotinnen, die 90 Minuten lang nur sich selbst feiern, und nicht den Fußball?

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Was sagt man jenen, die beim Besuch der zu Angsträumen mutierten Feierkäfigen nur noch an Vulgärsport, Platzangst und das Bier des Hintermanns denken, das bei jedem Fehlpass von Benedikt Höwedes in kalten Gischtwolken aus den Bechern der orientierungslos gewordenen Sportfreunde durch die Luft wirbelt?

Die Antwort: Niemand, der sich heute ernsthaft für Fußball interessiert, besucht noch eine Fanmeile.

Eher stürzt die Zugspitze unter der Last von Frauke Petry zusammen, eher wird Reiner Calmund Vegetarier und Florian Silbereisen Bundespräsident, als dass die mit bunten Werbeflächen verkerkerten Verkehrsachsen noch einmal zu einem Treffpunkt für echte Fans werden.

Fußball-Unkultur in Reinform

Dort sammeln sich mittlerweile jene, die all das repräsentieren, was aufrechte Fans am Fußball hassen. Zum Beispiel Leute, die das Geschäft rund um den Sport für eine toffte Angelegenheit halten, so wie alles, was beim trüben Sonnenlicht in Hamburg, Berlin und Cloppenburg auch nur ansatzweise anfängt zu glitzern.

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Eben jene so genannten Fans, die alle zwei Jahre die Kiste mit den schwarz-rot-goldenen Blumenketten aus der Dachluke ihres Klinkerhauses herausholen, weil es alle anderen Leute auch so machen.

Wie sehr vieles, so sind auch die Fanmeilen ein Symptom dafür, was nach der wunderbaren Weltmeisterschaft 2006 in Sachen Fußballkultur in diesen Land schief gelaufen ist.

Und am besten fängt man in Sachen Ursachenforschung bei der "Kultur“ an. Deutschland hat gut sieben Millionen organisierte Kicker und eine Fußballszene, die weltweit einmalig ist. Das hört und sieht man jeden Bundesliga-Samstag im Stadion, das kann man aber auch daran erkennen, mit wie viel Hingabe selbst Kreisligisten ihren Nachruhm im Netz pflegen.

Der Sozialismus war individueller

Da ist über Jahre und Jahrzehnte etwas Großartiges entstanden. Etwas, das von innen heraus kommt und mit Liebe immer wieder weiterentwickelt wird. Fußball mag eine Massenbewegung sein, aber in den schönsten Momenten ist jeder einzelne auf die ein oder andere Weise individuell erkennbar. Durch die Fahne am Zaun beim Bundesliga-Auswärtsspiel, durch die Zahl der Torvorlagen im eigenen Dorfverein oder durch die hingebungsvolle Organisation des nächsten F-Jugendturniers auf dem heimatlichen Sportplatz.

Dies alles will nicht so recht mit dem zusammenpassen, was Fanmeilen in ihrem tiefsten Inneren repräsentieren. Da riegeln Städte möglichst große Flächen ab, auf denen so viele Menschen wie möglich unter strengen Regeln eingesperrt werden, um den Zweck des Feierns zu erfüllen.

Der real existierende Sozialismus war da persönlicher und individueller. Auf den Fanmeilen mag es laut sein, aber Leben herrscht dort trotzdem nicht. Fanmeilen sind keine Orte, an denen Fußballhymnen entstehen. Dort wird nur stumpf das ewige "Schwarz und Weiß"-Gebumse von Oliver Pocher nachgeröhrt.

Besser im Wohnzimmer schauen!

Das Unwesen der Fanmeilen geht auch dort weiter, wo die "Schland“-Rufe nichts weiter als ein schlichtes Bekenntnis zum Turniernationalismus sind. Während der WM 2006 waren selbst zu Spielen wie Iran gegen Angola oder Schweiz gegen Togo tausende Menschen auf den Straßen, um Fußball zu erleben.

Heute werden vielerorts ohnehin nur noch die Spiele der deutschen Nationalmannschaft gezeigt. Weil die unfröhlich beflaggten Klinkerhausbewohner sich nur dann für Freiluftfußball begeistern können, wenn es um einen neuen Stern auf dem DFB-Trikot oder den nächsten EM-Titel für die Stars von den Ferrero-Teamcards geht.

Und nicht zuletzt ist es in Ermangelung aller kulturellen Anreize auch die Darreichungsform von Fußball auf Fanmeilen: Welcher wirklich Fußballbegeisterte will seinen Sport dort erleben, wo er ohnehin nur die Hälfte von den Laufwegen mitbekommt, die ein Bastian Schweinsteiger jedes Spiel zurücklegt, weil vor ihm ein Typ mit einem schwarz-rot-goldenen Zylinderhut auf der Omme im Weg steht?

So wird es auch in diesem Sommer wieder eine Zweiteilung der Fankultur geben: Wer Fußball sehen will, findet einen Platz im Wohnzimmer seiner Wahl. Und wem Fußball weitestgehend egal ist, den wird man in deutschen Städten unter tausenden Gleichgesinnten finden.

Aber vielleicht ist das auch besser so.

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(LK)