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"Weil Sie dumm sind": WDR-Journalisten platzt im Interview mit russischem Staatssender der Kragen

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Es war die vierte Doping-Dokumentation zu den Verhältnissen im russischen Sport, die am Mittwoch im WDR lief. Seit 2006 liefert der Journalist Hajo Seppelt für die ARD Beiträge zum Thema Doping. Er gilt als einer der Experten auf dem Gebiet und hat maßgeblich dazu beigetragen, die Dopingskandale im russischen Leichtathletikverband aufzudecken.

Am kommenden Freitag entscheidet das Council der Leichathletik-Weltverbandes IAAD über einen Ausschluss der Leichtathleten Russlands bei dem Olypmischen Spielen im August in Rio der Janeiro.

In den vergangenen beiden Jahren veröffentlichte Seppelt die Dokumentationen Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht und Geheimsache Doping: Im Schattenreich der Leichtathletik, die in weltweit für Aufsehen sorgten und in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

Nach Recherchen: Russland vor Olympia-Aus

Nach der Ausstrahlung wurde von von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) eine unabhängige Untersuchungskommission unter Vorsitz des früheren WADA-Präsidenten Richard Pound eingesetzt. Diese bestätigte die Inhalte der Recherchen im November 2015.

Die Kommission forderte den Ausschluss des russischen Leichtathletik-Verbandes aus der IAAF sowie den lebenslangen Bann von fünf Sportlern und fünf Trainern.

Die Kommission stellte unter anderem "systematischen Dopingbetrug bei russischen Athleten“ und eine "tief verwurzelte Betrugskultur“ in der russischen Leichtathletik fest. "Russland scheint ein staatlich unterstütztes Dopingsystem unterhalten zu haben“, sagte der Kommissionsvorsitzende Pound.

In Seppelts jüngster Dokumentation wird der russische Sportminister Witalij Mutko persönlich belastet. Deshalb bekam der Journalist nun Besuch: vom russischen Staatsfernsehen.

"Bitte keine idiotischen Fragen"

In Russland ist das Medien-Echo auf Seppelt eindeutig: Die Bericht seien ein Teil der Verschwörung gegen Russland, um die Nation zu schwächen.

Der russische Sender Rossija Sewodnja (Russland heute) schickte deshalb die Reporterin Olga Skabejewa nach Köln, um mit Seppelt über die Recherchen zu sprechen.

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(Seppelt im angespannten Gespräch mit Skabejewa. Screenshot: Sputniknews.com)

Dass es dabei weniger um eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Recherchen als um eine Diffamierung Seppelts gehen sollte, ahnte der Journalist vor dem Interview vermutlich nicht. Über die Hintergründe des Interviews und die Auseinandersetzung zwischen Seppelt berichtet nun die "FAZ".

Einige "grundsätzliche prinzipielle Fragen“ habe Skabejewa Seppelt stellen wollen, sagte der Sprecher der russichen Abendnachrichten des russischen Staatssenders. Seppelt habe darauf bestanden, keine "idiotischen Fragen" gestellt zu bekommen, berichtet der Sender.

Journalismus gegen Russland-Loyalität

Skabejewa erhebt gleich zu Beginn des Interviews Vorwürfe gegen Seppelt. Er habe mit Sportminister Mutko "eine persönliche Rechnung offen" wirft die Reporterin ihm vor und fragt, ob er von westlichen Diensten für die Recherchen Geld erhalten hatte. Der Journalist erwidert "niemals" – er sei kein Agent, sondern ein Journalist.

Kurz darauf kommt es zum Eklat: Als die Gesprächssituation immer angespannter wird und in ein Streitgespräch über objektive Berichterstattung (Seppelt) versus Liebe zum Vaterland (Skabejewa) mündet, sagt Seppelt die Russin verstehe "ihre Aufgabe als Journalistin nicht".

Kurz darauf ist zu sehen, wie Seppelt das russischen TV-Team aus dem Raum wirft. Was dazwischen noch vorfiel, geht aus kurzen Fernsehbericht nicht hervor.

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(Seppelt wirf das russischen Fernsehen aus dem Hotelzimmer. Screenshot: Sputniknews.com)

In den nächsten Aufnahmen sieht man Seppelt, der das Mikrofon des russischen Senders in der Hand hält, mit der russischen Reporterin streiten. Er möchte das Interview nicht weiterführen. Auf die Frage wieso, antwortet er der Reporterin: "Weil Sie dumm sind!"

Russiches TV-Team flüchtet vor Polizei

Im Anschluss wird das Team endgültig von Seppelt aus dem Raum verwiesen. Es folgen noch ein paar Wortgefechte auf der Türschwelle, dann sieht man Skabejewa und Seppelt auf der Straße. Seppelt hält das Mikrofon des Senders immer noch, Skabejewa – nach wie vor auf Sendung – sagt: "Sie sehen jetzt, wie uns Hajo Seppelt weiterverfolgt, in seinen Händen ein Mikrofon des Fernsehsenders Rossija, das er aus irgendeinem Grund uns nicht zurückgeben will.“

Seppelt gibt das Mikrofon partout nicht zurück. Weshalb, wird aber nicht klar. Im Hintergrund droht er aber immer wieder damit, die Polizei zu rufen. Seppelt habe sich aus "faschistische Weise“ verhalten, wirft im die Reporterin vor.

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(Seppelt ruft die Polizei. Screenshot: Sputniknews.com)

Auf Nachfrage der "FAZ" sagte Seppelt, das Interview habe normal begonnen. Irgendwann habe er jedoch gemerkt, dass es nur darum ging, zu provozieren, das Team filmte immer weiter, nicht nur ihn und die Interviewerin, sondern auch im Schlafzimmer.

Auch nach mehrmaliger Aufforderung habe das TV-Team das Hotelzimmer nicht verlassen. Erst als Seppelt auf der Straße die Polizei rief, sei das Staatsfernsehen geflüchtet.

Seppelt: "Wir haben schlimmsten Nerv getroffen"

Weiter sagte er gegenüber der "FAZ", er müsse sich, "den Vorwurf machen, nicht rechtzeitig erkannt zu haben, dass das Gespräch provozieren sollte und es eigentlich gar nicht um die Sache ging". Dass ihm der Kragen geplatzt sei, sei vielleicht nicht die feine Art gewsen, aber menschlich vielleicht nachvollziehbar. "Und für mich in dem Moment alternativlos", so Seppelt.

Jetzt wisse er zumindest, was es heißt, wenn das russische Staatsfernsehen kommt.

Mit dem Bericht gehe es dem Sender darum, seine Arbeit zu diskreditieren. Man wolle dadurch ein Feindbild erzeugen, "damit man jemanden hat, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann, wenn Russland tatsächlich ausgeschlossen wird".

"Wir haben mit unserem Film offensichtlich den schlimmsten Nerv getroffen“, sagt Seppelt abschließend.

WDR untersagt Verwendung des Materials

Auf seiner Homepage veröffentlichte der WDR eine Stellungnahme zu dem Bericht über das Interview. Darin heißt es:

"Der WDR unterstützt Hajo Seppelt und untersagte Rossija jedwede Verwendung, Verbreitung oder Ausstrahlung des Filmmaterials. Außerdem weist der WDR daraufhin, dass die russischen Journalisten sich möglicherweise des Hausfriedensbruchs schuldig gemacht haben, da sie trotz mehrerer Aufforderungen Seppelts das Hotelappartement nicht verließen."

Dem russischen Sender wird vorgeworfen, er habe unerlaubt in privaten Bereichen des Hotelzimmers ohne Erlaubnis gefilmt und den Raum auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht verlassen.

Rossija Sewodnja hat sich bislang nicht zu dem Vorfall geäußert. Die Dachmarke Sputnik des Senders bittet allerdings um eine Stellungnahme von Seppelt.

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(lp)