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Schicksalstage für Syrien: So dramatisch entwickelt sich der Kampf gegen den IS

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Schicksalstage für Syrien: So dramatisch entwickelt sich der Kampf gegen den IS | Rodi Said / Reuters
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  • In Syrien kommt es derzeit in mehreren Regionen zu Kampfhandlungen, deren Ausgang die Zukunft des Landes mitbestimmen könnte
  • Der IS kontrolliert große Gebiete nordöstlich von Aleppo, gerät aber immer stärker unter Druck
  • Wir erklären, welche Konfliktparteien, wo auf dem Vormarsch sind - und wie sich die dramatische Situation in Syrien entwickelt

Die Welt schaut gebannt auf Frankreich, wo am Freitagabend die Fußball-Europameisterschaft beginnt: Die Angst vor einem großen Terroranschlag des selbst ernannten Islamischen Staat (IS) ist allgegenwärtig.

Derweil gerät die Situation in Syrien, der vordersten Front im Kampf gegen den IS, fast zur Randnotiz: In den vergangenen Tagen und Wochen war es zu geradezu dramatischen Entwicklungen in vielen Regionen des Landes gekommen, die Lage in Syrien scheint vertrackter denn je.

Die Brutalität des Krieges ist ungebrochen, schon lange ist nicht mehr klar, wer unter den vielen Konfliktparteien Freund und wer Feind ist.

Dennoch: Trotz aller Grausamkeit ist Syrien in Bewegung. Schon bald könnten mehrere Schicksalsschlachten anstehen, die über die Zukunft des Landes entscheiden.

Die Huffington Post versucht, die geostrategischen, politischen und militärischen Knoten in Syrien zu entwirren - und fasst die drei derzeit wichtigsten Konfliktregionen Syriens zusammen:

1. Ost-Aleppo

Die wahrscheinlich wichtigste Entwicklung in Syrien findet derzeit nicht etwa in der "IS-Hauptstadt“ Rakka oder im immer wieder unter massivem Beschuss von Assad und Russland stehenden Idlib, sondern im Osten der Provinz Aleppo statt.

Hier hat eine kurdisch-arabische Koalition, angeführt von Truppen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), in den vergangenen Tagen bis zu 40 Dörfer im IS-Gebiet nahe der Stadt Manbidsch eingenommen und drängt von Osten darauf, die Stadt 30 Kilometer vom Euphrat zu erobern. Die USA unterstützen die Offensive mit Luftangriffen.

Der Vorstoß der Demokratischen Kräfte Syriens, deren militärische Kapazität zu einem großen Teil auf Kämpfern der kurdischen Miliz YPG, einer Art syrischen PKK, beruht, ist deshalb so wichtig, da er einen der wichtigsten Nachschubwege der IS-Terrormiliz zwischen der Provinz Rakka und der türkischen Grenze kappen könnte.

Der IS kontrolliert – nach massiven Gebietsgewinnen in den letzten Wochen – einen fast 80 Kilometer langen Korridor an der türkischen Grenze. Immer wieder kritisieren internationale Organisationen und Politiker, die Türkei ermögliche über ihre Grenze den Strom von Waffen und Kämpfern zum Islamischen Staat.

Die Einnahme Manbidschs würde einen ganz entscheidenden strategischen Schritt im Kampf gegen den IS bedeuten. Sie zwingt den Islamischen Staat Kämpfer aus der Stadt Aleppo abzuziehen. Hier hatte der Islamische Staat in junger Vergangenheit Gebiete erobern können, sieht sich aber heftigen Bombardements der Türkei und Luftangriffen der US-geführten Koalition ausgesetzt.

Mehr noch: 40.000 Zivillisten könnten aus IS-Herrschaft befreit werden, wenn die Offensive gelingt, glaubt man Schätzungen des US-Militärs.

Doch nicht alle Parteien, die gegen den IS kämpfen, sind mit der Vorgehensweise einverstanden: Die Türkei, die in der kurdisch geführten SDF einen Gegner sieht, will unbedingt verhindern, dass die antitürkischen YPG-Kräfte in Manbidsch eine Machtbasis aufbauen.

Der Konflikt zwischen der Türkei und der USA in Syrien drohte erst kürzlich zu eskalieren, als im Internet Bildmaterial auftauchte, das US-Spezialeinheiten in der Nähe von Rakka mit Aufnähern der YPG zeigte.

2. Nord-Aleppo

Auch im Norden von Aleppo, das heißt nordwestlich von Manbidsch, ist für Syrien eine schicksalhafte Phase angebrochen. Hier stellte sich die humanitäre Situation bisweilen besonders dramatisch dar.

Der IS versucht von seinen kontrollierten Territorien im Osten aus, die wichtigen Zentren Marea und Azaz einzunehmen, die derzeit von moderaten Oppositionskräften gehalten werden. In den Gebieten nördlich von Aleppo befinden sich bis zu 160.000 intern Vertriebene, die Schutz vor den blutigen Kämpfen suchen. "Es ist ein Albtraum“, sagte der Huffington Post ein politischer Analyst, der in der Region tätig ist.

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Ärzte ohne Grenzen warnte vor einer Woche: Etwa 100.000 Menschen seien im Distrikt Azaz gefangen, Tausende wären in Marea bereits von Kämpfern des IS umzingelt. Die Organisation appelliert an die Türkei, ihre Grenze zu öffnen, um die Evakuierung der Zivilisten aus Nordsyrien zu ermöglichen.

Doch die jüngsten Entwicklungen machen Hoffnung: Nach zweiwöchiger Belagerung, während der über 10.000 Menschen bei knapper werdender Nahrung in Marea ausharrten, konnten Rebellen nun die Dörfer Kafr Kalbin und Kaljibrin im Norden der Stadt zurückgewinnen. Die Versorgungslinie ist damit wieder geöffnet. Das berichten verschiedene Medien.

Die Erfolge der Opposition seien nach einvernehmlichen Berichten nicht die Konsequenz langer Kampfhandlungen gewesen. Der IS habe unter dem großen Druck, der besonders auch im Westen bei Manbidsch auf die Miliz ausgeübt wird, nahezu kampflos große Kapazitäten abgezogen.

Das US-Militär hatte Berichten zufolge zuvor in Marea Waffen abgeworfen und so die Rebellen unterstützt. Ein ungewöhnlicher Schritt. Denn eigentlich bewaffnen die USA fast ausschließlich Kämpfer der SDF, die in der Region um Marea in Vergangenheit mit den Oppositionsgruppen aneinander geraten waren. Eine schwierige Situation.

Ebenfalls beunruhigend: Das russische Militär, das das syrische Regime unterstützt, ist davon überzeugt, dass sich unter den Oppositionskräften Kämpfer der islamistischen Extremistengruppe Al-Nusra befänden. "Das ist ziemlich sicher Schwachsinn“, erklärt unser Experte, "indiziert aber, dass Russland vermutlich vorhat, die Gebiete in Zukunft zu bombardieren.“

3. Provinz Rakka

Rakka gilt als die Hochburg, die Hauptstadt des IS in Syrien. Doch schon bald könnte sie wackeln. Viele Medien berichten bereits vom "Rennen um Rakka“. Denn die Syrischen Demokratischen Kräfte drängen von Norden aus darauf, das IS-Zentrum zu erobern.

Auch das Regime unter Unterstützung von Russland nimmt Rakka derzeit ins Visier. Vergangene Woche griff die syrische Armee, unterstützt von einigen russischen Kampfflugzeugen IS-Gebiete südwestlich der Stadt an.

Die Kreml-nahe Nachrichtenseite "Sputnik“ meldete am Mittwoch: "IS zerfällt vor aller Augen“. Das syrische Regime bereite nun den Sturm auf Rakka vor.

Die Aktivistengruppe Rakka is Sluaghtered Silently, die in den vergangenen Monaten immer wieder Berichte aus dem Machtzentrum des Islamischen Staates veröffentlichte, verneinte dagegen einen signifikanten Vorstoß der Truppen Assads.

Nach Einschätzung von Experten ist es daher auch noch zu früh, um von einem "Rennen um Rakka“ zu sprechen. "Die Angriffe der SDF waren zum großen Teil Ablenkungsmanöver, die Vorstöße des Regimes haben primär in nicht besiedeltem Gebiet stattgefunden und waren eher ein PR-Move“, erklärt unser Analyst.

Solche Angriffe seien wichtiger für die Narrative des Regimes, als für die tatsächliche Strategie auf dem Schlachtfeld. Bevor es also wirklich um Rakka geht, stehen wohl noch schicksalhafte Tage in den Gebieten um Manbidsch und Azaz an.

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