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Nachhaltigkeitsoffensive: Ikea entwirft das Restaurant der Zukunft - und will sein Image aufbessern

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IKEA
Symbolbild: Ein Ikea-Möbelhaus in Frankreich | Jacky Naegelen / Reuters
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  • Das Innovationsteam von Ikea wartet mit Ideen zu nachhaltigem Essen auf
  • Künftig könnten direkt in den Restaurants pflanzliche Zutaten gezüchtet werden
  • Zuletzt stand das Unternehmen in der Kritik: Inhaltsstoffe wurden nicht offengelegt

Ein Euro für den Hotdog, 10 Hackfleischbällchen - die berühmten Köttbullar - mit Pommes und Soße für 4,95 Euro: Dass hinter diesen Restaurant-Preisen des Möbelgiganten Ikea keine hohe Qualität oder ein großes Minusgeschäft stecken kann, erschließt sich Jedem, der ein wenig gesunden Menschenverstand besitzt.

Im Geschäftsjahr 2014/2015 erwirtschaftete Ikea Deutschland in seinen Restaurants und Lebensmittelshops 204 Millionen Euro, 7,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Konzern gehört damit zu den 10 größten Gastronomieriesen, noch vor Starbucks, Vapiano oder Joey's.

Mit günstigen Wohltaten für die Möbelkunden können Ikeas Essensangebote also kaum etwas zu tun haben - höchstens mit manipulativer Psychologie, wie der Blog "Quora.com" es Ikea bezüglich seiner Hotdogs vorwirft.

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Ikea-Werbung in Schweden für die Klassiker Hotdog und Köttbullar. Credit: Reuters

Pochiertes Huhn in vegetarischem Gericht

Weil die Einnahmen für sich sprechen, musste man sich wohl oder übel an den ersten Ansatz gewöhnen: Gute Qualität kann hinter dem Ikea-Essen kaum stecken. Laut einer Recherche der "Krautreporter" vom März wird mit Geschmacksverstärkern, Farbstoffen und Zucker beim Hirschedelgulasch und Co. getrickst, anders als bei anderen Fastfood-Ketten wird die Zutatenliste aber nicht lückenlos offengelegt.

Das konnte beispielsweise für Vegetarier böse Überraschungen bereithalten: Die angeblich fleischlosen "Kartoffel-Gnocchi mit knackigem Gemüse" enthielten "Food Facts" zufolge Hühnerbrühe und ein natürliches Aroma aus pochiertem Huhn. Das Gericht wurde mittlerweile aus dem Sortiment genommen, doch das Misstrauen bleibt wohl.

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Nicht nur für Möbel bekannt: Der Fastfoodriese Ikea kommt in Deutschland unter die Top 10 der umsatzstärksten Gastronomieunternehmen. Credit: Reuters

Minifarms in Ikea-Restaurants?

Auch als Reaktion auf den Bericht der "Krautreporter" kündigte Ikea nun an, den Anteil frischer, gesunder und nachhaltiger Lebensmittel erhöhen zu wollen. Was zunächst nach leeren Worten klang, trägt nun doch erste Früchte.

Das externe Team Space10, das in Kopenhagens In-Viertel Meatpacking District sitzt, entwickelte laut dem US-Umweltblog "Inhabitat" ein Projekt namens "Die Farm". Dahinter stecken kleine aquaponische Gärten, die sich im Restaurant aufstellen lassen. Das bedeutet: Hier werden Fischzucht in offenen Teichen und die Aufzucht von Nutzpflanzen in Hochbeeten verbunden.

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Aquaponik verbraucht 90 Prozent weniger Wasser als herkömmlicher Anbau und wird als Antwort auf Dürre gehandelt. Credit: Getty.

Aquaponik: Was dahinter steckt

Das Grün wird mit dem Wasser aus dem darunterliegenden Wasserbehälter gegossen, überschüssiges fließt wieder in das Becken zurück. Die Ausscheidungen der Fische werden durch Bakterien am Grund des Tanks und des Beets in Nährstoffe umgewandelt. Dadurch muss das Wasser nicht ausgetauscht oder gefiltert werden, es entsteht ein nahezu unabhängiger Kreislauf - eine Besonderheit der Aquaponik. Die Gärten verbrauchen 90 Prozent weniger Wasser als traditioneller Anbau.

Die kleine Gärten sollen beweisen, dass Essen genau dort gezüchtet werden kann, wo es auch verspeist wird, mitten im Ikea-Restaurant. Offenlegung der Herkunft statt Heimlichtuerei mit Geschmacksverstärkern also - zumindest im kleinen Format.

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Fische und Planzen werden in den Aquaponik-Systemen gezüchtet. Credit: Getty.

Die Idee hat Vorbildcharakter. In nur zwei Monaten entwickelte das Space10-Team den Prototyp. Die Arbeitsphasen des Teams sind immer seit kurz. Alle drei Monate steht hier ein neues Projekt zu einem neuen Trend auf dem Plan. Mit ihren Wassergärten kombiniert die Gruppe Technik und Natur: Weil Pflanzen anscheinend besser bei natürlicher Geräuschkulisse gedeihen, tönt aus iPads beispielsweise Vogelgezwitscher.

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Die aquaponisch gezüchteten Nutzpflanzen sollen bei Ikea auf den Teller kommen - und zum Nachahmen anregen. Credit: Getty.

Mehlwurmburger und Insektenpommes

Serviert wurden die gezüchteten Pflänzchen bei einem Testessen mit "Inhabitat" als Topping für einen neuen Insektenburger, bestehend aus Mehlwürmern, roter Beete und Gluten, mit Pommes, die ebenfalls Insekten enthielten.

Während Insekten in als Mahlzeit Asien schon an der Tagesordnung stehen, ekeln sich Europäer und Amerikaner oft noch. Kristine Lofgren vom "Inhabitat" fühlte sich allerdings daran erinnert, wie "lecker und nachhaltig das Essen der Zukunft sein kann".

Tatsächlich müsste man mehrere Monate das Duschen ausfallen lassen, um das Wasser zu sparen, das die Zubereitung von einem Fleischburger kostet - der Insektenvariante spart wesentlich an der Ressource, ebenso die Aquaponik.

Convenience-Food bleibt trotzdem auf lange Sicht erhalten

Die Eigenwerbung für Ikea soll bei den nachhaltigen Minifarmen aber ebenfalls nicht zu kurz kommen. Neben dem Image sollen die Aquaponik-Konstruktionen auch zum Nachahmen anregen. Die Bausteine für den eigenen ressourcensparenden Fisch-Pflanzen-Garten soll es ab nächstem Jahr bei Ikea zu kaufen geben.

Getestet werden soll das Aquaponik-Konzept zuerst im Ikea-Restaurant in Malmö in Schweden - zunächst aber wohl doch ohne den experimentellen Insektenburger.

Auf die große Kehrtwende des Gastronomie-Riesen muss man also noch länger warten: "Als großer Systemgastronom werden wir nie ganz auf Konvenienz-Produkte verzichten können“, so ein Sprecher gegenüber "Krautreporter".

Zumindest solange die Kunden mit Köttbullar und Co. sowie deren Herkunft zufrieden sind, bleibt bei dem Fastfood-Riesen viel, wie es ist. Hotdogs für einen Euro, Fleischbällchen für knapp fünf. Nachfragen, was drin ist, möchte man aber oft nicht - auch wenn es wohl keine Insekten sind.

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(lk)