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Liebe Deutschland-Fans: Euer schwarz-rot-goldener Fähnchenterror ist nur noch peinlich

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FAHNEN
Die EM 2016 steht an - und Deutschland befindet sich im Fähnchen-Fieber | Getty Images
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Lieber Deutschland-Fan mit dem Fähnchen am Fenster!

Heute Morgen habe ich Dich in Berlin gesehen. Dein Corsa (Klischee!) rauschte an meiner Haustüre vorbei, an Deinem Seitenfenster klemmte eine stramm flatternde schwarz-rot-goldene Plastikstandarte.

Warst Du im Baumarkt oder Supermarkt einkaufen? Fast egal, in ganz Berlin liegt der Nationalkitsch überall wieder kiloweise in den Regalen. Blumenketten, Servietten und Schminktöpfchen, die Ihr in den kommenden Wochen als Stolz-Werkzeuge verwenden werdet.

Das alles ist so subtil wie die Faust aufs Auge. So sanft wie eine Massage mit dem Presslufthammer. So angenehm wie ein 24-Stunden-Fernsehmarathon mit Helene Fischer.

Die Mode-Fans kommen wieder aus ihrem Versteck

Selbst jene, die zwei Jahre lang darüber jammern, wie böse kommerzialisiert der Fußball mittlerweile ist, werden pünktlich zu den großen Turnieren zu "Deutschland-Anhängern“. Das ganze Land ist voll von Mode-Fans.

Halb Berlin wird ab jetzt in den einschlägig bekannten Farben der deutschen Nationalflagge versinken. Auch Bielefeld, Montabaur, Ansbach, Gera oder Braunschweig. Und je länger das Sommermärchen von 2006 zurückliegt, desto stärker brennt mir eine Frage auf der Seele: Wozu eigentlich dieser Bekenntniskult?

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Während der WM 2006 hat sich mir der Fahnenschmuck kommuniziert. Auch ich bin Fußball-Fan, war selbst bei gut einem halben Dutzend Turnieren als Zuschauer im Stadion dabei. Ich kenne diese wundersam schönen Erlebnisse, die man hat, wenn man während eines großen Turniers mit einem Trikot "seiner" Mannschaft durch eine fremde Stadt läuft und mit gleichsam fremden Menschen aus anderen Ländern ins Gespräch kommt.

Die Fahne war 2006 Willkommensgruß für unsere Gäste

Ich erinnere mich an die Gruppe Japaner in Paris, mit denen ich 1998 auf die erste WM-Teilnahme ihrer Mannschaft anstieß. Oder die Engländer, die ich in Johannesburg 2010 traf: Nach dem nicht gegeben Treffer von Frank Lampard im Achtelfinale haben wir uns darauf verständigt, dass ich die Sache mit dem Wembley-Tor für immer vergessen sollte.

Genau solche Erlebnisse machten die WM 2006 zu einem Fest im eigenen Land. Die Deutschland-Fahne war in diesen Momenten ein Willkommensgruß. Eine Einladung zum Gespräch.

Zwei Jahre später haben alle ja nochmal auf eine Wiederbelebung dieser Stimmung gehofft. Aber schon bei der WM 2010 wirkte das Fahnengeschwenke seltsam schal. Es gab keine Gäste mehr, die es zu begrüßen galt. Wir sprachen mit den Fahnen zu uns selbst.

DFB-Fahnen bei Pegida

Und was will nun jemand sagen, der im Jahr 2016 im dreifarbig ausgeschmückten Wohnzimmer seine Freunde zum Fußballschauen einlädt? Was willst Du mir sagen, lieber Deutschland-Fan, wenn Du mit Karacho dein Polyester-Fähnchen im Fahrtwind zappeln lässt?

Knapp zwei Jahre nach Pegida? Ein Jahr nach der großen "Flüchtlingskrise"?

Ich war als Reporter bei mehr als 20 Pegida-Demos. Viele davon hier in Berlin, einige auch in Leipzig und in Dresden. Dort waren im Pulk Deutschland-Fahnen mit DFB-Aufdruck zu sehen. Die gleichen Fahnen also, die alle zwei Jahre auf den Fanmeilen auftauchen, werden zum wahrlich „rechten“ Zeitpunkt von einigen Leuten aus den Schränken geholt, um damit für die Ausgrenzung von Andersgläubigen und notleidenden Menschen zu protestieren.

Das will mir nicht mehr aus dem Kopf, ehrlich gesagt.

Entscheidend is auf'm Platz

Ich kann in einem Land, in dem beinahe täglich Asylbewerber angegriffen werden, nicht mehr so unbeschwert mit einem Fähnchen in der Hand herum wedeln wie noch im Jahr 2006. Was einst als großer Spaß begann, ist zehn Jahre später zu einer ziemlich ernsten Angelegenheit geworden.

Wo die Fahne nur noch Mittel zum Selbstgespräch geworden ist, taugt sie nicht mehr als Willkommenssymbol. Mehr noch: Sie droht, Mittel der Ausgrenzung zu werden.

Lieber Deutschland-Fan, nicht falsch verstehen: Ich nehme es niemanden krumm, wenn er meint, seine Sympathie mit der deutschen Nationalmannschaft zum Ausdruck bringen zu müssen. Auch ich werde in diesem Sommer wieder vor dem Fernseher sitzen und hoffen, dass dieses DFB-Team, mit dem ich seit den Tagen von Herget, Matthäus und Immel aufgewachsen bin, in Frankreich den Titel holt.

Doch genau ein Jahrzehnt nach der WM im eigenen Lande täte es uns gut, wenn wir das ewige schwarz-rot-goldene Ritual mal hinterfragen würden.

Meine Fahne bleibt jedenfalls in diesem Jahr ein weiteres Mal im Schrank. Ich habe keinen Bock auf national angehauchte Selbstbespiegelung. Ich will einfach nur guten Fußball sehen.

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(lk)