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Die heimlichen Helden der Flüchtlingskrise: Die Geschichte dieser 7 Menschen sollte jeder kennen

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Credit: Getty Images

Hunderttausende Flüchtlinge und Migranten haben im letzten Jahr Griechenland durchquert. Sie flohen vor Unterdrückung und Krieg, auf der Suche nach Sicherheit. Während die griechische Regierung angesichts des großen Flüchtlingsstroms überlastet war und auch noch immer massiv überlastet ist, unterstützen unzählige ganz normale Menschen die Flüchtlinge dort tagtäglich.

Die Helfer der NGOs, Menschenrechtsaktivisten und Freiwillige sind unerlässlich, wenn es darum geht, die Flüchtlinge mit Nahrung, alltäglichen Dingen und Medikamenten zu versorgen und sie in Rechtsfragen zu unterstützen. Griechenland leidet noch immer unter den Sparmaßnahmen, einer Arbeitslosenquote von 24 Prozent und ist nach wie vor auf die finanzielle Notfallhilfe der Kreditgeber angewiesen – das führt dazu, dass die Regierung sich auf die Hilfe der Hilfsorganisationen und Freiwilligen verlassen muss.

"Wir müssen zwischen Fanatikern und der großen Mehrheit der Muslime unterscheiden"

Die Zahl der Flüchtling, die Griechenland über den Seeweg erreichen, hat 2015 ihren Höchststand erreicht und ist in diesem Jahr bisher zurückgegangen. Dennoch sind rund 50.000 Menschen in Auffanglagern und Flüchtlingscamps gestrandet, seit Mazedonien Anfang März seine Grenzen geschlossen hat.

Griechenland sieht sich nun zusätzlich damit belastet, die Migranten zu identifizieren und auszuweisen, deren Antrag auf Asyl abgelehnt wurde oder deren Reise laut eines kürzlich getroffenen Abkommens zwischen der EU und der Türkei illegal war. Griechenland, ein Land mit gerade einmal 11 Millionen Einwohnern, ist verständlicherweise überfordert. Der unermüdliche Einsatz der Helfer bedeutet, dass die Flüchtlinge Hilfe erhalten, die sie sonst nicht bekommen könnten.

HuffPost Griechenland hat mit sieben Menschen gesprochen, die bis ans Ende ihrer Kräfte gegangen sind, um den Flüchtlingen psychische und physische Unterstützung geben zu können.

Maurice Joyeux und Cecile Deleplangue, Athen

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Credit: Alexis Gaglias; Maurice Joyeux (zweiter von links) und Cecile Deleplangue (ganz rechts) bei der Essensausgabe im Hafen von Piräus, Griechenland.

Pfarrer Maurice Joyeux ist Direktor des Flüchtlingsdienstes der Jesuiten, einer Organisation, die 1980 von Jesuitenpriestern gegründet wurde, um Flüchtlingen zu helfen. Cecile Deleplangue ist Anwältin und engagiert sich bei der Organisation ehrenamtlich.

„Ich habe seit 2010 immer wieder Auffanglager für Flüchtlinge in Athen und Korinth besucht“, sagt Deleplangue. „Selbst wenige Worte am Telefon können schon helfen, dass sich die Menschen weniger abgeschnitten von der restlichen Welt fühlen. Nach ein paar Monaten in den Auffanglagern fühlen sie sich schwach, sie verlieren ihren Kampfgeist und werden institutionalisiert.“

"Ich frage mich oft, ob ich in so einer Krise auch so stark wäre, einfach meine Familie zu nehmen und zu fliehen, einfach so"

Seit dem letzten Sommer helfen die Jesuiten Flüchtlingen auf Lesbos und Kos, sie verteilen Essen und Kleidung in den Auffanglagern. Außerdem haben sie einen Zufluchtsort für die Flüchtlingsgruppen geschaffen, die besonders traumatisiert sind. Es gibt Räume für Familien, voll ausgestattete Küchen und einen Raum, in dem sich Kinder kreativ ausleben können.

Eine Frau aus Afghanistan, die ihren Namen nicht nennen möchte, erzählt, was sie mit ihren Kindern nach Griechenland gebracht hat. "Mein Mann wurde von den Taliban getötet“, sagt sie. "Wir mussten das Land verlassen.“

Joyeux erzählt, dass sie immer wieder beeindruckt seien von der Lebenslust und der Würde, die sich Flüchtlinge trotz der schwierigen Umstände bewahren.

"Ich frage mich oft, ob ich in so einer Krise auch so stark wäre, einfach meine Familie zu nehmen und zu fliehen, einfach so“, sagt auch Cecile Deleplangue.

Joyeux schreckt auch nicht davor zurück, über die Verbindung, die viele Menschen zwischen Flüchtlingen und Terrorismus ziehen, zu diskutieren.

Durch die Notlage der Flüchtlinge, so erklärt er, „können wir unser Verständnis davon, was diese Menschen aufgrund des fundamentalen Terrors in ihrem Land durchgemacht haben, vertiefen.“

Man müsse zwischen Fanatikern und der großen Mehrheit der Muslime unterscheiden, sagt er. „Ich habe keine Angst vor den Flüchtlingen, aber ich habe Angst vor dieser ‚Vermischung’ der Flüchtlingskrise und dem Terrorismus, auf den Europa nicht vorbereitet ist“, so Deleplangue.

Hadas Yanay, Athen

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Credit: Alexis Gaglias; Hadas Yanay, rechts in einer grünen Jacke, lächelt in die Kamera.

Hadas Yanay ist eine 29-jährige Anthropologin aus den USA mit israelischen Wurzeln. Sie kam im Februar nach Athen, um die Flüchtlinge als unabhängige freiwillige Helferin zusammen mit dem Griechischen Forum für Flüchtlinge zu unterstützen.

Sie hat geholfen, ein Handbuch zu verfassen, das Migranten, die schon lange in Griechenland leben, helfen soll, als Übersetzer zu arbeiten.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Yanay ein Erlebnis aus der Zeit, in der sie in Elliniko, einem Lager in der griechischen Hauptstadt gearbeitet hat:

"Ich traf einen 17-jährigen Afghanen, der seine Familie dazu gedrängt hat, nach Europa zu fliehen, damit er studieren kann. Als die Grenze zu Europa geschlossen wurde, haben Schleuser der Familie versprochen, sie für 15.000 Dollar mit falschen Pässen nach Kanada zu bringen. Ich sagte ihm, dass das keine gute Idee sei, dass er im Gefängnis landen würde und er seiner Familie nicht mehr helfen könne. Er sagte mir: 'Ich bin hier gefangen. Welche andere Chance habe ich denn?' Viele Flüchtlinge fallen Betrügern zum Opfer."

Yanay ist der Meinung, dass der griechische Staat unter den gegebenen Umständen schon alles tut. Viel höher aber schätzt sie die Arbeit der Freiwilligen ein.

"Die griechischen Freiwilligen haben mich tief beeindruckt. Seit Monaten kommen sie nach der Arbeit, um zu helfen, trotz der schweren Auswirkungen, die die wirtschaftliche Krise auf ihr eigenes Leben hat", erzählt sie.

Vor kurzem kehrte Yanay in die USA zurück - genau zu der Zeit, als klar war, dass Donald Trump höchstwahrscheinlich der Präsidentschaftskandidat der Republikaner wird.

"Es ist erschreckend, dass solche Ansichten bei seinen Anhängern auf so viel Gehör stoßen, aber es stimmt auch, dass sich die Mehrheit der Amerikaner durch die große Distanz vor der Flüchtlingskrise ‚in Sicherheit wiegt’“, sagt sie. „Das gleiche gilt für die USA als Land: Wir geben ein bisschen Geld, nehmen einige wenige Flüchtlinge auf und lassen Europa sich alleine um die Krise kümmern."

Alexandr Vrabcek, Athen

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Credit: Alexis Gaglias; Alexandr Vrabcek aus Tschechien kam nach Griechenland, um für die Caritas zu arbeiten. Die Organisation hilft Flüchtlingen im Zentrum von Athen.

Alexandr Vrabcek ist Student aus Tschechien. Jetzt hilft er ehrenamtlich bei der Caritas. Die katholische Organisation hilft Flüchtlingen im Zentrum von Athen und teilt täglich an gut 400 Menschen Essen aus.

Vrabceks erster großer Einsatz als freiwilliger Helfer außerhalb seiner Heimat war vor einigen Monaten an der serbisch-ungarischen Grenze.

"Ich war auf das, was ich sah, nicht vorbereitet“, erzählt er. "Es war ein einziges Chaos mit furchtbaren hygienischen Bedingungen: Es gab kein Wasser und keine Toiletten. Bei den 3000 Menschen dort gab es noch nicht einmal einen Mülleimer. Wir teilten Essen aus und bemühten uns, den Menschen psychologisch beizustehen. Als die serbische Regierung beschloss, die Menschen an die kroatische Grenze zu bringen, folgten wir ihnen."

"Bald kehre ich nach Tschechien zurück. Ich habe mehr Angst vor den rechten Gruppierungen dort als hier, wo ich zwischen Flüchtlingen und Migranten arbeite"

Tschechien nehme Flüchtlingen gegenüber eine besonders harte Haltung ein, so Vrabcek. Seine Eltern unterstützen seine Entscheidung, mit Flüchtlingen zu arbeiten, aber sie teilen seine Meinung zu Multikulturalismus nicht. Selbst einige seiner Freunde verurteilen seine philanthropischen Bemühungen.

Aber Vrabcek war der Meinung, sich selbst einen Eindruck von der Situation verschaffen zu müssen.

"Ich wollte herkommen und es mit meinen eigenen Augen sehen", erklärte er. "Bald kehre ich nach Tschechien zurück, aber ich habe mehr Angst vor den rechten Gruppierungen dort, als hier, wo ich zwischen Flüchtlingen und Migranten arbeite."

Yaseen Tounkara, Hafen von Piräus

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Credit: Alexis Gaglias; Yaseen Tounkara hat ehrenamtlich in einer kleinen Küche in Piräus ausgeholfen, wo sie mit der „Piräus Initiative für die Unterstützung von Migranten und Flüchtlingen“ kocht und Essen für die Flüchtlinge zubereitet.

Yaseen Tounkaras Eltern kommen aus dem Senegal und Mauretanien. Sie lernte ihren griechischen Ehemann vor 20 Jahren in Afrika kennen und zog mit ihm nach Griechenland.

"Ich habe mich sofort in Griechenland verliebt“, erzählt sie. "Ich fühlte mich gleich Zuhause.“

Als eine unabhängige Flüchtlingshelferin bei der Piräus-Initiative für die Unterstützung von Migranten und Flüchtlingen arbeitet Tounkara dreimal die Woche mit Flüchtlingen und Migranten.

"Jeder ist anders, aber ihr gemeinsamer Wunsch ist der nach offenen Grenzen“, erzählt sie.

"Griechenland ist eine Mutter, die Mutter Europas“, fügt sie hinzu. "Sie empfängt Flüchtlinge mit offenen Armen wie kein anderes Land, trotz der vielen Probleme. Die Flüchtlinge wie auch die Griechen, die ihnen helfen, berühren mich. Solche aktiven Bürger sind eine Säule für unser Land.“

Emmanuel Massart, Idomeni

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Credit: Vicky Markolefa/MSF; Emmanuel Massart hat die Not und das Elend der Flüchtlinge, die in dem kürzlich geschlossenen Camp in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze im Stich gelassen wurden, aus nächster Nähe gesehen.

"Die Politik der EU ist zu 100 Prozent schuld an den unmenschlichen Lebensbedingungen der Flüchtlinge", findet Emmanuel Massart, ein 31-jähriger Belgier, der für Ärzte ohne Grenzen arbeitet.

Ärzte ohne Grenzen halt als Organisation dazu beigetragen, die Lebensbedingungen der Flüchtlinge in ganz Griechenland merklich zu verbessern, auch von denen, die kürzlich aus dem provisorischen Lager in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze umgesiedelt wurden.

Massart arbeitet seit sechs Jahren für Ärzte ohne Grenzen und hat bisher an 14 Einsätzen weltweit teilgenommen, bevor er jetzt nach Griechenland kam. Er verbrachte dort zwei Monate und half der Organisation, den Hilfseinsatz in Idomeni zu koordinieren, bevor das Camp im vergangenen Monat geräumt wurde.

"Die Momente, in denen man sich der Not und dem Elend direkt gegenübergestellt sieht, sind immer anders. Aber man lernt schnell, die Grenzen zwischen persönlichem und beruflichem Leben zu finden, sofern das menschlich irgendwie möglich ist“, erklärt er.

Ärzte ohne Grenzen habe Zelte aufgebaut, Duschen und Trinkwasser zur Verfügung gestellt und kümmere sich um die Abfallentsorgung im Camp, so Massart. Die Mitglieder der Organisation arbeiteten 24 Stunden am Tag, sie unterstützten die Flüchtlinge auch psychologisch.

Die Flüchtlinge sind lange in Idomeni geblieben, weil sie keinen Zugang zu Informationen hatten und glaubten, dass die Zustände in anderen Camps nicht besser seien, erzählt Massart.

Er weiß noch genau, wie die Menschen auf die Anschläge in Brüssel reagiert haben. „Ich bin mir sicher, dass die Anschläge die öffentliche Meinung negativ beeinflusst haben und das wird der gesamten Flüchtlingskrise einen Stempel aufdrücken“ sagt er.

Ruben de Jong, Athen

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Credit: Alexis Gaglias; Ruben de Jong kam nach Athen um der niederländischen Organisation Bootvluchteling zu helfen, einer Organisation, die sich der Unterstützung der Flüchtlinge in Griechenland verschrieben hat.

Bis vor kurzem war der 25-jährige Rube de Jong Koordinator für die Organisation Bootvluchtelingen in Athen.

Seit ihrer Gründung im letzten Jahr war die Organisation auf den griechischen Inseln Leros und Samos aktiv. Sie hat außerdem ein Büro in der Hauptstadt und ein Rettungsteam auf der Insel Lesbos.

Die Organisation konzentriert sich vor allem auf die verwundbarsten Gruppen in Athen, so de Jong.
"Im Hafen von Piräus und im Camp Elliniko kümmern wir uns um die 4- bis 12-jährigen Kinder“, erzählt de Jong. "Ich erinnere mich an die Bilder, die einige der Kinder gemalt haben. Es waren Kriegsszenen, Panzer und Gewehre."

De Jong arbeitete auch im Zentrum von Athen, wo die Menschen während der Wintermonate unter freiem Himmel campierten.

"Ich konnte die Verzweiflung der Menschen dort förmlich spüren. Ein besonders schockierendes Erlebnis aber war das Lager Elliniko: 1400 Menschen, die dort unter furchtbaren Bedingungen lebten. Ich habe es nicht einmal eine Woche ertragen - und sie sind dort gefangen", erzählt er.

De Jong fragt sich, warum die EU für die Flüchtlinge keinen legalen Weg nach Europa ermöglicht.

"Die Schleuser, die vielen Toten während der Überfahrt über das Meer, die unmenschlichen Bedingungen, all das hätte verhindert werden können“, erklärt de Jong.

"Ich weiß nicht, ob Griechenland über die nötigen Mittel verfügt, um den Flüchtlingen bessere Bedingungen bieten zu können, aber mehr Länder sollten helfen, statt immer nur mit dem Finger auf andere zu zeigen“, fügt de Jong hinzu.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post Griechenland. Er wurde zunächst ins Englische und von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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(lk)