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Dieser Pfarrer kämpft in seinem Dorf für Flüchtlinge - während die Politik versagte

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Wer an Sachsen und Fremdenhass denkt, dem kommen vor allem brennende Asylunterkünfte in den Sinn und verängstigte Syrer, die in einem Bus in Clausnitz um ihr Leben fürchteten. Und das Flüchtlingsheim in Freital, das tagelang von einer Nazihorde belagert wurde.

Wer an Sachsen und Fremdenhass denkt, dem kommen vor allem glatzköpfige NDP-Kader in den Sinn, die im Freistaat zweistellige Wahlergebnisse einfahren. Und Bürgerwehren, die Flüchtlinge an einen Baum fesseln. Und Politiker, die das Naziproblem systematische herunterspielen, wie der Bürgermeister von Heidenau, nach Übergriffen von Rechten.

Aber wer an Sachsen und Fremdenhass denkt, der denkt in den seltensten Fällen an diejenigen, die den Mut haben, sich dem braunen Mob entgegenzustellen.

Bad Gottleuba-Berggießhübel steht exemplarisch für viele kleine Orte in Sachsen

Einer dieser Menschen ist Daniel Lamprecht, Pfarrer der Gemeinde Bad Gottleuba-Berggießhübel in der sächsischen Schweiz. Die Region ist so etwas wie die braune Herzkammer des Bundeslandes.

In dem Ort mit 5.600 Einwohnern mit einigen Dutzend Flüchtlingen ist es wie an so vielen Orten in Sachsen: Politiker haben vor den Rechten kapituliert, die Bürger tolerieren die Fremdenfeinde. Die Nazis regieren zwar nicht im Rathaus, aber sie haben Macht auf der Straße.

In Bad Gottleuba-Berggießhübel ist die Kirche die einzig verbliebene Institution, die sich offen gegen Rechts stellt. Der Ort steht damit exemplarisch für viele Kleinstädte und Dörfer in Sachsen.

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Lamprecht

Denn ähnliches passierte etwa in Pretzien in Sachsen-Anhalt, wo Nazis auf einem Dorffest das Tagebuch der Anne Frank gemeinsam mit dem Bürgermeister verbrannten. Der Pfarrer legte sich daraufhin mit der gesamten Gemeinde an.

Oder in Colditz, wo Rechtsextreme ein jüdisches Geschäft anzündeten. Die Pfarrerin hielt daraufhin ein Friedensgebet ab, zu dem Neonazis anreisten, um Spruchbänder hochzuhalten und Betende für eine rechte Internetseite zu fotografieren und sie dann zu bedrohen.

Die Liste ließe sich fortsetzen.

Die Idylle täuscht

"Wenn wieder ein Asylheim brennt, möchte ich mir nicht anhören, dass ich nichts gemacht habe. Also das, was den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg auch vorgeworfen wurde", sagt Lamprecht, den wir in seinem Pfarrhaus treffen.

Die Kirche liegt auf einer kleinen Anhöhe im Ortsteil Berggießhübel. Wer von dort zu Fuß in den Ort geht, überquert einen kleinen Fluss, rechts und links davon liegen kleine Restaurants mit sächsischem Sauerbraten und Cafes mit Eis aus eigener Herstellung.

Es ist einer dieser Tage, an denen es abwechselnd regnet und dann wieder die Sonne scheint. Bad Gottleuba-Berggießhübel ist ein Kurort, wirkt auf den ersten Blick idyllisch. Doch das täuscht.

Lamprecht beschreibt es als es seine "Pflicht", sich in politische und gesellschaftliche Bereiche einzumischen. Das betreibt die Kirche in der Flüchtlingskrise auch deutschlandweit immer häufiger. Etwa, in dem sie Kirchenasyl vergibt oder die AfD vom Kirchentag auslädt.

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Kirche in Berggießhübel

Die Kirche hat erst in den vergangenen Jahren damit begonnen, sich entschieden gegen Rechts zu stellen. Das zumindest sagt Theologin Sonja Angelika Strube, die die Verbindungen zwischen Kirche und Nazis untersucht hat. Lange Zeit habe sich die Kirche schwer getan, sich ausgerechnet einer politischen Richtung so klar entgegenzustellen, sagt sie in einem Interview mit dem "Deutschlandradio".

Spätestens aber seit Pegida habe "die Kirchenleitungen und auch viele kirchlich engagierte Verbände, Gruppierungen" das Problem ernstgenommen und überlegt, wie sie damit umgehen können.

Die Kirche muss sich so klar positionieren, da sie AfD und Pegida sonst das Feld überlassen. Sie spielen sich als Verteidiger des Abendlandes auf und wollen Christen gegen Muslime aufspielen. Umfragen zeigen, dass Protestanten und Katholiken häufiger rechtsextreme Positionen vertreten als konfessionslose. Außerdem gibt es kleinere, christliche Gruppierungen, die mit rechten Internetseiten zusammenarbeiten.

"Das ist zynisch"

Diese Seite der Kirche können Geistliche wie Lamprecht nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs nicht mehr ertragen.

"Zu sagen, Flüchtlinge gehören hier nicht her, ist zynisch. Deren Heimat wurde zerbombt. Und jemand, der durch halb Europa marschiert ist, muss man gut behandeln", sagt Lamprecht.

Er ist schon 1999, als die Kosovo-Albaner nach Sachsen kamen, gegen Nazis auf die Straße gegangen. Jetzt nimmt er jedes Jahr an der Demo zum 13. Februar in Dresden teil. Er hat ein Begegnungstreffen ins Leben gerufen, bei dem Flüchtlinge mit Bürgern ins Gespräch kommen können. Da gibt es dann syrische Tanzmusik, Kichererbsen und Falafel.

Außerdem hat er ein Willkommensbündnis mitgegründet, "offen für jene, die der Kirche nicht so nahe stehen", also für Pädagogen, Mediziner und Facharbeiter. Es bietet Deutschkurse und Patenschaften für Flüchtlinge an. Ähnliche Bündnisse gibt es auch in anderen Gemeinden Sachsens, die sich untereinander austauschen, etwa über Demonstrations-Termine und Veranstaltungen.

"Ist das denn nötig?"

Lamprechts Engagement ist umstritten. In der Kirche und unter Kirchenanhängern sehen nicht alle im Kampf gegen Rechts etwas Gutes. "Wenn mich die Leute unter vier Augen erwischen, sprechen sie mich an. Sie fragen: Ist das denn nötig? Kann er nicht stattdessen mehr Kranke besuchen? Sich auf seine Aufgabe beschränken?" Lamprecht versucht dann, die "Leute nicht mit der Brechstange von seinen Ansichten zu überzeugen. Ich möchte nur, dass sie mich verstehen."

Er legt sich so auch direkt mit dem Bürgermeister an, wie vor etwas mehr als einem halben Jahr.

Es war ein Tag, der Lamprecht wütend machte.

Drei Jugendliche hatten eine Flüchtlingsunterkunft im Ort mit einem Hakenkreuz beschmiert. Dazu das Wort "Raus". Lamprecht schickte daraufhin einen Wutbrief an die "Sächsische Zeitung" - zum ersten Mal überhaupt, wie er sagt.

Jetzt sei der Fremdenhass, der bisher mit anderen Ortsnamen verknüpft war, auch in seiner Gemeinde angekommen. "Jetzt ist offensichtlich geworden, was lange Zeit latent spürbar war - nämlich offen ausgetragene Ausländerfeindlichkeit", schreibt er.

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Übermaltes Hakenkreuz in Bad Gottleuba-Berggießhübel

Als Bürger und Christ schäme er sich dafür. Aber noch mehr würde er sich schämen, wenn "so öffentliches Unrecht ungeahndet bliebe". Stadt und Polizei sollten alles dafür tun, die Täter zur Rechenschaft zur ziehen.

Lamprecht ahnte bereits, dass es dazu bis heute nie kommen würde. Das verriet ihm schon die Reaktion des Bürgermeisters Thomas Mutze auf den Vorfall. Sie ist beispielhaft für das Herunterspielen und Verharmlosen von Politikern von rechten Vorfällen.

Das sei das Werk von Idioten - wegen zwei, drei kaputter Typen werde wieder eine ganze Kommune in Sippenhaft genommen, zitiert ihn die "Sächsische Zeitung".

Bereits vor dem Hakenkreuz-Vorfall deutete sich an, dass die Stadt ihre Probleme damit hatte, das Thema offen anzugehen. Es gibt Berichte über turbulente Sitzungen, in denen Bürger ihren Ärger über Flüchtlinge Luft machten und kein Stadtrat und auch nicht der Bürgermeister die Gegenrede ergriff. Mutze meldete sich auf eine Interview-Anfrage der Huffington Post nicht.

"Menschen wollen gewisse Reinheit"

"Ich glaube, dass eine große Mehrheit der Bevölkerung ihre Ruhe haben will. Die finden solche Anschläge nicht gut, es soll aber auch kein Staub aufgewirbelt werden. Das kann dazu führen, dass die Dinge unter den Teppich geraten. Hinter Nichtinteresse steckt meist auch die Furcht vor dem Fremden."

Dazu kommt Alltagsrassismus. "Rechtes Gedankengut nimmt hier viele Facetten an. Manche hören auf der Arbeit täglich Ressentiments. Zum Beispiel, dass Flüchtlinge nicht arbeiten wollen, oder dass sie uns auf der Tasche liegen", sagt Lamprecht. "Die Menschen in Sachsen wollen eine gewisse Reinheit. Manche wollen dafür lieber ihre Ängste behalten, damit am Stammtisch klare Verhältnisse herrschen."

Lamprecht kann das so klar ansprechen. Er muss ja keine Wahl gewinnen.

In Zeiten, in den populistische Parteien andere vor sich hertreiben, ein wahrer Segen.


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