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Messer und Rasierklingen - Wirbel um angebliche Attacken durch Flüchtlingskinder

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  • Zuletzt gab es Berichte, Flüchtlingskinder hätten deutsche Mitschüler massiv attackiert
  • Doch die Berichte stimmen in entscheidenden Punkten schlicht nicht. (EXKLUSIV)
  • Eine Zusammenfassung des Artikels seht ihr im Video oben

Es war eine dramatische Überschrift, die die Online-Ausgabe der rechtskonservativen "Jungen Freiheit“ für ihren Artikel gewählt hatte: "Einwandererkinder drangsalieren Mitschüler“, stand da in dicken Lettern.

Mit Rasierklingen attackiert?

Das Blatt zitierte am Mittwoch vergangener Woche zunächst einen Artikel aus der "Sächsischen Zeitung“ (SZ). Die hatte zwei Tage zuvor berichtet, dass mehrere Sechstklässler an einer sächsischen Oberschule in Dresden vergangene Woche von "Integrationsschülern mit Migrationshintergrund“ mit Rasierklingen angegriffen und verletzt worden seien.

Bereits am 19. Mai sei dort zudem "ein Schüler aus der sechsten Klasse von einem ausländischen Mitschüler mit einem Messer bedroht worden“.

junge freiheit
Screenshot von Teilen des Artikels aus der "Jungen Freiheit".

Zudem griff die "Junge Freiheit“ einen Fall aus Schleswig-Holstein auf. Zahlreiche Flüchtlingskinder sollen dort in einer Schule sehr aggressiv gegenüber Mitschülern aufgetreten sein.

Eine Vielzahl von Medien - auch liberale - berichteten daraufhin. „Diese ganze Integrationssache wird mit einem lauten Knall platzen“, heißt es etwa in einem mit den Worten "Pädagogisierer machen Messer besser“ betiteltem Beitrag. Auch Rechtsradikale wie die Seite "Asylterror.de" nutzen den Vorfall für Hetze gegen Flüchtlinge.

Mutmaßlicher Täter war Deutscher

Das Dumme: Die angeblichen Übergriffe in Dresden haben, zumindest so wie sie die über 600.000 Leser starke "Sächsische Zeitung“ zunächst in ihrem Artikel schilderte, offenbar nicht stattgefunden. Ein Sprecher des sächsischen Kultusministeriums sagte auf Anfrage der Huffington Post am Freitag, die Bedrohung mit dem Messer sei nicht von einem Migrantenkind, sondern von einem deutschen Sechstklässler ausgegangen.

Und in dem anderen von der "SZ" beschriebenen Fall habe es zwar Ärger mit zwei Schülern mit Migrationshintergrund gegeben. „Es ist jedoch noch völlig ungeklärt, ob die leichten Verletzungen durch Rasierklingeln oder etwas anderem, etwa Fingernägeln, verursacht wurden.“ Auch habe sich der Vorfall nach der Schule und nicht auf deren Gelände zugetragen, sagt der Sprecher.

Der Fall und die Reaktionen darauf zeigen, wie leicht es derzeit ist, Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen - und wie heikel Falschinformationen durch die Presse sind.

Polizei hält Informationen zunächst zurück

Journalisten, die die Hintergründe der Taten hinterfragen wollten, wurde es von Behördenseite aber auch nicht leicht gemacht. Noch am Donnerstag bestätigte das Polizeipräsidium Dresden auf Anfrage der "HuffPost" den "SZ"-Bericht, wollte sich jedoch "zu Details nicht äußern“.

Mit den Aussagen des Kultusministeriums konfrontiert, sagte ein Polizeisprecher gegenüber der Huffington Post am Freitag dann: "Der mutmaßliche Täter bei der Messer-Drohung war Deutscher." In dem anderen Fall habe der Beschuldigte Migrationshintergrund. Das Opfer sei in beiden Fällen ein deutsches Kind.

Dass gleich mehrere Schüler "der sechsten Klasse von ausländischen Kindern und Jugendlichen mit Rasierklingen bedroht und zum Teil leicht verletzt“ und "zudem mit Zigaretten beworfen“ wurden, wie die SZ berichtet hatte, konnte er jedoch nicht bestätigen.

Die "Sächsische Zeitung“ hat ihren Bericht mittlerweile zumindest teilweise korrigiert, nicht jedoch die "Junge Freiheit“. Dabei waren entsprechende Information über den Tathergang mit etwas Google-Recherche leicht zu bekommen.

"Radio Dresden“ etwa hatte bereits kurz nach Erscheinen des SZ-Artikels berichtet, der mutmaßliche Schüler mit Messer sei Deutscher gewesen. Auch ging aus dem Beitrag hervor, dass im zweiten Fall unklar sei, ob überhaupt Rasierklingen im Spiel waren.

Extreme Einzelfälle

Der Eindruck, Flüchtlingskinder stellten generell eine Gefahr auf deutschen Schulhöfen dar, könnte bei manchen Dresdner Eltern nun dennoch hängen bleiben. Da nützt es nichts, wenn ein Sprecher von Sachsens Kultusministerium im Gespräch mit der Huffington Post versichert, Übergriffe von Migrantenkindern auf deutsche Mitschüler oder auch umgekehrt seien im Freistaat "extreme Einzelfälle“.

Er könne sich jedenfalls nur noch an "einen einzigen weiteren Fall“ erinnern. Damals sei jedoch in Leipzig ein Flüchtlingskind von seinen deutschen Mitschülern attackiert worden.

Auch die Dresdner Polizei kann gegenüber der Huffington Post keine Häufung von gewalttätigen Konflikten zwischen Flüchtlingskindern und deutschen Schülern an Dresdner Schulen ausmachen.

Und das, obwohl die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund im Freistaat offiziellen Angaben zufolge im Vergleich zum vergangenen Schuljahr um 70 Prozent gestiegen ist. Mitte Mai hatten demnach 8700 Schüler im Freistaat keine deutschen Wurzeln.

Die Dresdner Vorfälle zeigen einmal mehr, wie schnell Falschmeldungen im Netz eine Eigendynamik entwickeln können – und wie daraus realer Hass und Vorurteile entstehen.

Viele syrische Schüler sind traumatisiert

Doch klar ist auch, dass es durchaus Konfliktpotential gibt. Hunderttausende Kinder aus fremden Ländern sind seit dem vergangenen Sommer nach Deutschland gekommen. Sie sprechen in der Regel kein Deutsch – und allein unter den syrischen Flüchtlingen soll jeder dritte traumatisiert sein.

Das kann in der Tat zu Problemen führen. Alleine Sachsen stellte deshalb neben 400 zusätzlichen Lehrern nach Angaben des Kultusministeriums eine größere Zahl von Betreuungslehrern ein. Auch extra eingestellte Sozialarbeiter und Schulpsychologen sollen helfen.

Massive Übergriffe in Schleswig-Holstein

Andere Bundesländer haben ebenfalls kräftig Pädagogen eingestellt. Aus Sicht von Kritikern wie der Bildungsgewerkschaft GEW herrscht jedoch vielerorts ein eklatanter Lehrermangel.

Zu massiven Konflikten kam es zuletzt in Schleswig-Holstein: Eine Gruppe von Flüchtlingskindern sorgte an einer Schule in Schwarzenbek für Ärger.

Laut einem Bericht der „Bergedorfer Zeitung“ soll „eine kleine Gruppe – Eltern sprechen von zehn bis 15 Flüchtlingskindern, der Schulleiter von weniger Schülern – durch besonders rüpelhaftes und gewalttätiges Verhalten auffallen“.

Insgesamt 78 Kinder aus Flüchtlingsfamilien werden zurzeit in sogenannten DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) an der Gemeinschaftsschule in Schwarzenbek unterrichtet.

"Platzwunde, Prellungen und starke Schmerzen"

Ein Vater einer Schülerin schilderte auf Facebook Ende Mai, was seiner Tochter passiert sei: Beim Versuch ihrer Freundin zu helfen, sei sie von einer Gruppe von Flüchtlingskindern verprügelt worden. Sie habe eine Platzwunde, Prellungen und starke Schmerzen davongetragen.

Der Facebook-Beitrag entfachte eine Diskussion, bei der zahlreiche Eltern ähnliche Erfahrungen ihrer Kinder – teils auf dem Schulweg, teils auf dem Schulhof – schilderten. Bei einem Elternabend am selben Tag erntete der „Bergedorfer Zeitung“ zufolge eine Frau Applaus, als sie von weiteren beunruhigende Vorfälle erzählte.

Probleme sind bekannt

Das Bildungsministerium bestätigte auf Anfrage der Huffington Post, dass es an der Schule Probleme mit gewalttätigen Schülern mit Migrationshintergrund gebe. Der Leiter der Schwarzenbeker Schule, der auf Anfrage zunächst nicht erreichbar war, räumte die Probleme mit einem Teil der Flüchtlingskinder bei dem Elternabend ebenfalls ein.

Er bat die Väter und Mütter auf dem Elternabend jedoch um Geduld. Immerhin sei eine sozialpädagogische Fachkraft für Integration gerade einmal zwei Wochen an der Schule tätig.

Selbst die reibungslose Verständigung ist an der Schule nicht immer gewährleistet. Dolmetscher müssen erst noch gesucht werden.

Thomas Schunck, Sprecher des Bildungsministeriums von Schleswig Holstein, sagte der Huffington Post jedoch: „Der Vorfall ist, Gott Lob, bisher die einzige gewalttätige Konfrontation bei uns, von der ich gehört habe.“ Selbstverständlich sei er aber nicht über sämtliche Ereignisse an den Schulen in Schleswig-Holstein informiert.

Mitarbeit: Leonhard Landes


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(ben)