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Deutschland, wir müssen reden: Warum die ständige Aufschrei-Empörung in unserem Land verlogen ist

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DEUTSCHLAND
Warum die ständige Aufschrei-Empörung in unserem Land verlogen ist | dpa
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Deutschland: Wir müssen reden. Über das schallende Geplapper, das immer wieder über diese Republik wie ein Unwetter hinwegfegt. Die Art und Weise, wie wir uns aufregen, ist nicht mehr gesund.

Wir Deutschen sind Empörungs-Weltmeister.

Wir haben eine unbändige Lust an der schlechten Nachricht. Wir regen uns auf: über die Ungerechtigkeit, die den Milchbauern widerfährt. Über die humanitäre Situation von Flüchtlingen. Oder über die Äußerungen des AfD-Politikers Alexander Gauland, wonach viele Deutsche einen Landsmann mit Migrationshintergrund wie Jérôme Boateng gern als Nationalspieler, aber nicht als Nachbarn sehen würden.

Doch nach kurzer Zeit ist die Empörung dann wieder abgeflaut. Alles geht dann wieder seinen gewohnten Gang. Und das hat einen Grund: Das Alltagsverhalten vieler Deutscher passt nicht zusammen mit dem, was wir mit Zornesröte regelmäßig in aller Öffentlichkeit vertreten.

Gaulands Appell an die Rassisten

Wir wünschen uns eine andere Welt. Aber wir tun nichts dafür, dass diese Welt auch Realität wird.

Beispiel Boateng: Natürlich war Gaulands Einlassung über den Verteidiger von Bayern München ein versteckter Appell an die Rassisten in diesem Lande. Eine bewusste Grenzverletzung, wie sie oft bei Populisten vorkommt. Selbst wenn Gauland damit nur eine Beobachtung wiedergeben wollte: Er zeigte damit, dass er das Unbehagen der Deutschen wahrnimmt und respektiert, neben einem Mann mit dunkler Hautfarbe zu wohnen.

Daran ändert auch nichts, dass er sich später nicht mehr an diese Äußerung erinnern wollte. Es ist das Prinzip, nachdem auch Beatrix von Storch kommunizierte. Sie wollte auf der Maus ausgerutscht sein, als sie eine Frage zustimmend beantwortete, ob notfalls auch auf geflüchtete Frauen und Kinder an der deutschen Außengrenze geschossen werden müsste.

Viele Deutsche haben Angst vor Ausländern

Die Äußerung war in der Öffentlichkeit. Und was hängen blieb, war, dass sich da jemand vorstellen konnte, die Menschenrechte sausen zu lassen, wenn es um das vermeintliche „Wohl“ des eigenen Volkes gehe.

Aber so abstoßend man diese Kommunikationsstrategie auch finden mag: Es gibt dafür einen Markt. Laut einer Erhebung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Jahr 2008 sagten ein Viertel der Deutschen, dass sie Angst hätten, wenn ihnen dunkelhäutige Menschen auf der Straße begegnen würden. Die Hälfte sagte gar, dass sie nicht mit einem Türken in einem Haus wohnen würde.

Anders gesagt: So gut wie jeder dürfte in seinem Bekanntenkreis Menschen haben, die sich vor Menschen ausländischer Herkunft fürchten, wenn sie ihnen im privaten Umfeld begegnen.

Die Sympathiebekundungen für Boateng sind ein gutes Zeichen, sie ändern aber nichts an unserer eigenen Verpflichtung, auch im engsten Umfeld für ein besseres Miteinander zu kämpfen.

Linke Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken

Und wer sich dafür nicht verantwortlich fühlt, der sollte sich mal fragen, ob er nicht schon unter seinen Freunden von vorgeblich linken Eltern gehört hat, die ihre Kinder lieber auf eine Privatschule schicken, statt sie in Neukölln, Wilhelmsburg oder Milbertshofen in Klassen mit hohen Migrantenanteil unterrichten zu lassen.

Es sind nämlich genau solche Zusammenhänge, die liberale Standpunkte bisweilen wie Lippenbekenntnisse erscheinen lassen.

Beispiel Milchpreise: In den Talkshows, Meinungsspalten und Facebook-Feeds dieses Landes taucht derzeit eine Figur auf. Die des geschundenen Milchbauerns, der durch die Preispolitik der Molkereien am Rande seiner wirtschaftlichen Existenz steht.

Es gibt eine Welle der Verbundenheit mit jenen Landwirten, die derzeit für jeden Liter Milch zehn bis fünfzehn Cent weniger bekommen, als sie eigentlich zum Überleben ihrer Betriebe bräuchten. Mehr noch: Wir verklären seit Jahren das Landleben als eine entschleunigte Idylle, in der Menschen noch in Einklang mit der Natur leben.

Wir wünschen uns Landlust - und schaffen eine Bauernhölle

Dann legen wir die aktuelle Ausgabe der "Landlust“ bei Seite, schalten nach der neuen Folge von "Bauer sucht Frau“ den Fernseher ab – und werden am nächsten Morgen im Supermarkt verantwortlich dafür, dass alles, was wir uns erwünschen und erträumen, den Bach runter geht.

Drei Viertel der deutschen Milchprodukte werden nämlich für Preise unter 50 Cent beim Discounter verkauft. Eine Flasche Mineralwasser ist, je nach Marke, deutlich teurer. Wir sind es, die bereitwillig diese Schleuderpreise bezahlen. Uns kümmert an der Ladentheke die Landidylle einen feuchten Kehricht. Von Bewusstsein oder gar Rücksicht: keine Spur. Wichtig ist, dass wir selbst genug Kohle im Geldbeutel behalten.

Beispiel Flüchtlingskrise: Wir empören uns mit gutem Recht über die Schießbefehl-Aussagen von Beatrix von Storch und Frauke Petry. Aber wir schauen weg, wenn tatsächlich Flüchtlinge an den Außengrenzen der Europäischen Union Not leiden oder gar zu Tode kommen.

Wo bleibt der Aufschrei über die 1.000 Toten auf dem Mittelmeer?

Binnen einer Woche sollen auf dem Mittelmeer über 1.000 Menschen ertrunken sein. Doch die Deutschen scheinen derzeit eher die Fußball-EM in Frankreich im Sinn zu haben statt die Toten vor der Küste Libyens.

Auch die Räumung des unter inhumanen Bedingungen vor sich hin existierenden Lagers in Idomeni sorgte bei den meisten Deutschen nur für Achselzucken. Viele der Flüchtlinge leben nun unter ähnlich prekären Umständen in anderen Lagern. Eigentlich müssten wir die Bundesregierung nun unter Druck setzen, diesen Zuständen ein Ende zu machen. Wahrscheinlich aber sind diese Ereignisse zu weit weg, dass sie die Deutschen derzeit berühren würden. So zynisch das auch sein mag.

Leben wir tatsächlich noch "Willkommenskultur“? Oder ist das schon Zeitgeschichte?

Es sind nur drei Beispiele. Doch sie zeigen eines: Empörung muss immer ein Anfang sein. Ein Impuls für Taten. Steht sie einfach nur allein im Raum, wirkt sie sehr schnell hysterisch.

Und genau das ist der Eindruck, den Deutschland derzeit macht: Vor lauter Gekreische vergessen wir, dass wir jeden Tag selbst dafür verantwortlich sind, dieses Land zu einem besseren Ort zu machen.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen nehmen kein Ende. Auch, weil es viel zu wenig Rettungskräfte auf dem Mittelmeer gibt. Hier versucht die Mannschaft des Schiffes Sea Watch 2. zu helfen. Spenden benötigt die Crew für Nahrung, Schwimmwesten und Medikamente.

Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

(ca)