Huffpost Germany

Nachhaltigkeit hinter Gittern: Wie amerikanische Gefangene bedrohte Tier- und Pflanzenarten retten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SUSTAINABILITY IN PRISONS PROJECT
Nachhaltigkeit hinter Gittern: Wie amerikanische Inhaftierte die Umwelt retten wollen | Sustainability in Prisons Project
Drucken
  • In vielen US-amerikanischen Gefängnissen helfen Häftlinge, die Umwelt zu schützen
  • In Kursen werden sie ausgebildet und retten beispielsweise bedrohte Tier- und Pflanzenarten
  • Das hilft auch ihnen selbst, sagen die Inhaftierten

"Als ich vor 13 Jahren ins Gefängnis kam, wollte ich keinen dieser Harte-Kerle-Spitznamen wie 'Angreifer' oder 'Chaos'", sagt der Häftling Nick H. bei einem öffentlichen Auftritt in Monroe, Washington.

Dass er der "Wurm-Typ" werden würde, hätte der Amerikaner aber ebenfalls nicht gedacht - und vermutlich auch sonst niemand, der Nick kennt: Er ist groß, breit, bärtig und glatzköpfig, mit einem Regenwurm hat er wenig gemeinsam.

Doch mit einer Hand voll Erde und Würmer begann für ihn vor sechs Jahren eine große Veränderung. Die örtliche Justizanstalt von Monroe entschied sich damals, am "Sustainability in Prisons Project" (SPP), einer grünen Initiative für US-Gefängnisse, teilzunehmen - und Nick wurde zum Wurmzüchter hinter Gittern sowie zum überzeugten Umweltschützer.

Seine Schützlinge kompostieren nun die Essensabfälle der Einrichtung direkt vor Ort - zuvor gab das Gefängnis für die Entsorgung jährlich 65.000 US-Dollar aus.

Andere bauen zum Beispiel Obst und Gemüse für die Tafeln an, die Essen an Bedürftige verteilen, züchten bedrohte Schmetterlingsarten und päppeln kranke Kätzchen auf, reparieren Fahrräder für Kinder, trainieren Tierheim-Hunde und unterstützen Wissenschaftler dabei, neue umweltschonende Technologien zu entwickeln.

sustainability in prisons project

sustainability in prisons project

Beginn als kleines Projekt zwischen Uni und Knast

Die Kleinstadt Monroe sprang damit auf eine Bewegung auf, die sich zuvor aus einer Kooperation zwischen dem Evergreen State College und dem Cedar Creek Corrections Center in Bundesstaat Washington entwickelt hatte.

Beide Institutionen sahen Handlungsbedarf: So viel Menschen wie in den USA sitzen in keinem anderen Land im Gefängnis. 2,3 Millionen Menschen sind hier aktuell inhaftiert, viele davon nicht zum ersten Mal. Laut dem amerikanischen Amt für Justizstatistiken landen 77% innerhalb von fünf Jahren wieder im Knast.

Die Einrichtungen kosten Staat und private Unternehmer jede Menge Geld und Arbeitskraft. Mit nachhaltigen Ideen wollten Uni und die Monroer Haftanstalt die Ausgaben senken, die Umwelt schonen und zeitgleich auch noch den Insassen eine Perspektive geben.

Eine große Idee - die letztlich ganz unscheinbar anfing: "Die ersten kleinen Programme wurden nur in einem einzigen Gefängnis durchgeführt", erzählt Kelli Bush, die seit dem Startschuss 2010 die Managerin des Projekts ist, der Huffington Post. Sie versuchten, die Justizanstalt nachhaltiger zu gestalten und riefen ein Forschungsprojekt von einem Professor und einer Gruppe Strafgefangener zu Nachhaltigkeit ins Leben.

sustainability in prisons project

sustainability in prisons project

Bildung als Schlüssel

Mit den produktiven Ergebnissen des Programm bekamen sie rasch auch Aufmerksamkeit von Staatsseite: Das Washington Department of Correction unterstütze sie, die Initiative wuchs rasant. Jedes der zwölf Gefängnisse im Bundesstaat an der Westküste macht mittlerweile mit.

Nun war auch genug Geld da, um ein stimmiges, langfristiges Konzept zu entwickeln, das auf vier Säulen basiert: Ausbildung, Umweltschutzprojekte, Forschung und gesellschaftliches Engagement. Wissenschaftler, Umweltexperten, Gefängnispersonal, Studenten und Gefängnisinsassen arbeiteten zusammen an dem Plan, der mittlerweile in sechs US-Staaten angewendet wird, sieben weitere haben ähnliche eigene Initiativen gestartet.

map

Eine anspruchsvolle Ausbildung und Training in Zusammenarbeit mit Universitätsprofessoren sollen den Inhaftierten nach Ende ihrer Strafe die Integration in den Arbeitsmarkt erleichtern. Das Interesse an den Angeboten ist laut Kelli Bush groß, viele wollen immer mehr über Wissenschaft und Nachhaltigkeit lernen. Sie hoffen, nach ihrer Entlassung weiter als Bienenzüchter, Gärtner oder Tierpfleger arbeiten zu können.

Häftlingen eine Ausbildung und Berufsperspektive zu bieten, mag aus deutscher Sicht nicht neu sein, die gesellschaftliche Wiedereingliederung hat hier eine hohe Priorität. Die USA hinken hier aber noch deutlich hinterher. Präsident Obama plant zwar seit 2015 eine Reform des vielkritisierten maroden Rechtssystems - doch ob diese noch zu seiner Amtszeit rechtskräftig wird, ist fraglich. Mit dem Verstoß im Umweltbereich machen nun zumindest die teilnehmenden Einrichtungen einen großen Satz nach vorne.

sustainability in prisons project

Auch sollen die Kurse die Atmosphäre im Gefängnis verbessern: Wer während seiner Haftstrafe unterfordert ist und sich langweilt, kommt schnell auf dumme Gedanken. Die Teamarbeit soll der Gewalt und Gruppenbildung entgegenwirken, die in Gefängnissen an der Tagesordnung sind.

"Das Gefängnispersonal berichtet uns davon, dass das Projekt die Konversation in den Gefängnissen verändert", berichtet Projektleiterin Bush. Teilnehmer und Angestellte würden immer mehr über die gemeinsamen Projekte sprechen anstatt gegeneinander zu arbeiten. Schmetterlinge und Blumenkohl statt Drogen und Übergriffen also - eine radikale Kehrtwende.

sustainability in prisons project

sustainability in prisons project

Haftanstalten als Umweltschutz-Testgebiet

Kelli Bush erklärt, das SPP-Programm wolle auch neu definieren, was Haftanstalten für die Gesellschaft bringen können. Schon lange geht es nicht mehr nur darum, die eigenen Kosten zu senken, sondern um eine Wirkung weit über die Gefängnismauern hinaus.

Haftanstalten seien gute Testorte für nachhaltige Ideen - ob für Recycling, Landwirtschaft oder Tier-Aufzucht von bedrohten Tierarten. Durch die Vorreiterrolle in Sachen Umwelt- und Tierschutz würden sie einen wichtigen Beitrag für die Außenwelt leisten - und das würde auch wertgeschätzt: Teilnehmer berichten, dass sie viel positives Feedback bekommen, sich besser fühlen und mehr Sozialkontakte aufbauen.

Ein Fachmann im Kompost-Programm sagt selbst: "Ich habe mich auch fast wie in einem Kompost-Prozess verändert. Ich bin aktiv an meiner eigenen Besserung beteiligt."

Wenn Häftlinge Tieren helfen - und umgekehrt

Besonders große Fortschritte machen laut Bush die Inhaftierten, die mit Tieren arbeiten. Vor allem sozial schwierigen Fällen würde es sehr helfen, auch auf Menschen friedlich zuzugehen. Mittlerweile arbeitet das Programm deswegen mit zahlreichen Zoos und Umweltorganisationen zusammen.

Mit Hilfe des Oregon Zoo konnten so schon 17,000 Schmetterlinge bedrohter Arten gezüchtet und freigelassen werden. Auch 23 gefährdete westliche Sumpfschildkröten genießen seit Kurzem wieder ihre Freiheit, nachdem sie im Schildkröten-Krankenhaus des Larch Corrections Centers gesund gepflegt wurden.

Projekt findet nun auch international Nachahmer

Nachdem schon 20 amerikanische Bundesstaaten Interesse gezeigt haben, schlägt das Programm nun auch erstmals international Wellen: "Wir haben Anfragen von verschiedenen anderen Ländern, die das Modell inspirierend finden und es nachahmen wollen", sagt Kelli Bush.

Wie nachhaltig die Initiative nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Insassen ist, wird sich bald zeigen: Viele der ersten Teilnehmer am Programm, zu denen auch Nick H. zählt, werden derzeit aus der Haft entlassen. Die einzigen, die es nicht so gut haben, sind seine Zöglinge: "Nur die Würmer, die kommen nicht raus", scherzt der Häftling. "Die sind trotz Unschuld zu einem lebenslangen Leben im Gefängnis verurteilt."

Werdet zum Umwelthelfer

Keine Frage: Das Umweltbewusstsein in unserem Land hat sich in den vergangenen Jahren drastisch gewandelt. Viele fragen sich allerdings: Wie kann ich wirklich effektiv helfen?

Das ist gar nicht schwer. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org stellt die Huffington Post Projekte vor, die jeder von Euch unterstützen kann.

Es ist eines der beeindruckendsten Projekte überhaupt: Um der Klimakrise entgegen zu wirken, haben die Kinder von Plant-for-the-Planet das Ziel, bis 2020 weltweit 1000 Milliarden Bäume zu pflanzen. Hier könnt ihr das Projekt unterstützen.

Noch immer werden Elefanten wegen ihrer kostbaren Stoßzähne abgeschlachtet. Zurück bleiben verstörte Jungtiere. Um die kümmert sich die Aktionsgemeinschaft Artenschutz, die ihr hier unterstützen könnt.

Das Projekt OroVerde - Die Tropenwaldstiftung hilft, eines der wertvollsten Regenwaldgebiete Guatemalas zu erhalten - indem Menschen aus aller Welt Bäume kaufen. Hier geht es weiter zum Projekt.

(ca)