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Sie ist eine der schnellsten Läuferinnen der Welt - obwohl sie ihr Augenlicht verloren hat

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Terezinha Guilhermina ist nicht zu stoppen. | JONNE RORIZ/GETTY IMAGES
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Terezinha Guilherminas Sehverlust schreitet langsam immer weiter fort. Die brasilianische Sprinterin leidet seit ihrer Geburt an Retinitis Pigmentosa, einer degenerativen Erkrankung, die zu einem graduellen Schwinden der Sehkraft führt. Als sie sich vor rund 20 Jahren zum ersten Mal mit der Idee befasste, sich ihren Traum zu verwirklichen und an Laufwettkämpfen teilzunehmen, ließ ihre Sehkraft bereits allmählich nach.

Doch was ihr damals wirklich Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass sie zu wenig Geld hatte – ein Problem, das viele Brasilianer kennen. Um an sportlichen Wettkämpfen teilnehmen zu können, brauchte sie gute Laufschuhe. Doch diesen Luxus konnte sich Guilhermina von den 1990ern bis zum Anfang der 2000er Jahre nicht leisten. Sie begann zu schwimmen – was nicht ihre erste Wahl war, doch sie fasste diesen vernünftigen Entschluss, weil sie bereits einen Badeanzug besaß.

Zwei Goldmedaillen und der Weltrekord im 100-Meter-Lauf

Doch zum Glück für den brasilianischen Sport und die Geschichte der Paralympischen Spiele schaffte Guilherminas Schwester es letzten Endes doch noch, Schuhe für die leichtfüßige Sprinterin aufzutreiben.

Bei den bevorstehenden Sommerspielen zählt Guilhermina zweifelsohne zu den eindeutigen Favoritinnen im Kampf um die Herzen und um die Unterstützung der leidgeprüften brasilianischen Öffentlichkeit. Nachdem sie auf ihrem Weg zum Gewinn von zwei Goldmedaillen bei den Paralympics 2012 in London nebenbei auch noch den Weltrekord im 100-Meter-Lauf gebrochen hatte, ging Guilhermina als schnellste blinde Frau in das Guinness-Buch der Rekorde ein.

Sie hat jedoch keinesfalls vor, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen.

"Ich bin fest überzeugt, dass ich es in die nächste Runde der Paralympics schaffen werde", sagte sie der Huffington Post Brasilien.

Ich habe mich mit dem Wenigen, das ich besaß, nie zufrieden gegeben. Ich wusste, dass mein Leben sich verändern könnte, wenn ich es an die Weltspitze schaffen würde.

Guilhermina schwört, dass sie auch noch an den Spielen 2020 mit höchstem Kampfgeist teilnehmen wird, auch sie für den Wettkampf schon alt ist (wenn die Paralympics in Tokio stattfinden, ist sie bereits 42).

Wie alle anderen erfolgreichen Athleten zieht auch die 37-Jährige ihre Kraft daraus, dass sie die Hürden überwindet, die ihr im Weg stehen. "Ich weiß, dass viele Menschen, die gar nichts haben, es schaffen können", sagt sie. "Und ich habe mich mit dem Wenigen, das ich besaß, nie zufrieden gegeben."

Die Huffington Post Brasilien hat sich mit Guilhermina getroffen und mit ihr über die bevorstehenden Spiele in Rio gesprochen - und über das, was sie ganz zu Anfang inspiriert hatte. Außerdem erzählte sie, was wir in Zukunft noch von der Olympionikin erwarten können.

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Wie kamen Sie zur Leichtathletik?

Nachdem ich meine Berufsfachschule im Bereich Verwaltung abgeschlossen hatte, fand ich in diesem Beruf keinen Job. Deshalb wollte ich versuchen, mich fürs Schwimmtraining [für behinderte Athleten] anzumelden, weil ich bereits einen Badeanzug besaß. Doch ich wollte schon damals lieber laufen. Damals wollte ich an einem Rennen für behinderte Athleten in Betim [im Ballungsraum von Belo Horizonte] teilnehmen. Deshalb bat ich meine Schwester, mir Laufschuhe zu besorgen, und ich begann zu laufen. Und die Laufschuhe waren nicht einmal für Wettkämpfe geeignet, denn es waren ganz normale Turnschuhe.

Nachdem ich mit dem Training begonnen hatte, konnte ich bald fünf Kilometer am Stück laufen. Kurz darauf schaffte ich den Pampulha-Lauf [ein traditionelles Rennen über eine Distanz von 18 Kilometern] in eineinhalb Stunden, was eine sehr gute Zeit ist. Und noch ein wenig später konnte ich 21 Kilometer [die Distanz des internationalen Halbmarathons] schon ziemlich gut bewältigen.

Wie haben Sie sich auf die Olympischen Spiele vorbereitet?

Ich trainiere momentan in São Caetano [in Grande São Paulo]. Ich verbringe meine Zeit eigentlich nur mit essen, trainieren und schlafen. Sonst habe ich tagsüber für nichts anderes mehr Zeit.

Wenn ich mein Leben noch einmal von vorne beginnen müsste, würde ich alles wieder ganz genau so machen wie bisher.

Sie sind Leistungssportlerin. Wie bereiten Sie sich mental auf die Spiele vor? Inwiefern ist die innere Einstellung wichtig für Sprinter?

Ich arbeite speziell am Umgang mit meiner Angst. Ich glaube, dass die psychische Komponente einem helfen kann. Sie kann sich jedoch auch negativ auswirken. Je besser man seine Psyche im Griff hat, desto mehr kann man auch auf physischer Ebene leisten. Anders geht es nicht.

Ich kenne mich selbst sehr gut und habe mich auch schon ziemlich weiterentwickelt. Meine aktuellen Zeiten sind so gut wie noch nie zuvor in meiner ganzen Karriere. Ich glaube, dass ich es in die nächste Runde der Paralympischen Spiele schaffen werde. In Rio bin ich dann 37 und bei den nächsten Paralympics bin ich 42. Doch ich würde niemals mit angezogener Handbremse in ein Rennen starten. Und momentan denke ich noch nicht ans Aufhören. Ich will an den Paralympics teilnehmen und zwar mit Höchstgeschwindigkeit!

Sie mussten in Ihre Vergangenheit schon in sehr jungen Jahren Hindernisse überwinden – erst haben Sie Ihre Mutter verloren, dann hat Ihr Vater Sie verlassen und schließlich haben Sie auch noch Ihre Sehkraft komplett verloren. Wie haben Sie es in der Welt des Sports bis ganz nach oben geschafft?

Ich weiß, dass viele Menschen, die gar nichts haben, es schaffen können. Ich habe mich mit dem Wenigen, das ich besaß, nie zufrieden gegeben. Ich wusste, dass mein Leben sich verändern könnte, wenn ich es an die Weltspitze schaffen würde. Ich war immer schon ein Mensch, der mit halben Sachen nichts anfangen konnte.

Müssten Sie während Ihrer Karriere Entscheidungen treffen, die Sie bereut haben?

Wenn ich mein Leben noch einmal von vorne beginnen müsste, würde ich alles wieder ganz genau so machen wie bisher. Ich würde alles wieder so machen. Ich bereue nichts.

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Wie sieht die Beziehung zwischen einer Athletin und ihrem Begleitläufer aus? Ich kann mir vorstellen, dass diese Zusammenarbeit sehr eng ist.

Das ist sie in der Tat. Meiner Meinung nach gleicht unsere Arbeit der Formel 1. Man braucht einen hervorragenden Piloten für ein hervorragendes Auto, damit alles klappt. Es ist eine gemeinschaftliche Leistung und die Beziehung sollte vor allem von Respekt geprägt sein. Ich hatte letztes Jahr zwei Begleitläufer, Rafael Lazzarini und Rodrigo Chieriadatto. Sie haben mir gezeigt, dass ich noch besser werden kann. Für diese Paralympics musste ich beispielsweise meine Technik und meine Taktik verbessern. Mich stets zu verbessern steht für mich immer im Mittelpunkt.

Was denken Sie über die Entwicklung der sportlichen Infrastruktur der Paralympics? Kann Brasilien stolz darauf sein, bei der paralympischen Leichtathletik zur Elite zu gehören?

Seit 2012 bis heute übertrifft die vom Paralympischen Komitee zur Verfügung gestellte Infrastruktur zweifelsohne unsere Erwartungen für unser Training. Das professionelle Training, die Ausstattung, die Trainingseinheiten, die Trainer ... es ist praktisch alles besser geworden. Die Bundesregierung vergibt Stipendien an Athleten, damit sie eine professionelle Laufbahn einschlagen können. Ich bin seit 16 Jahren Athletin und ich kann mit Sicherheit sagen, dass wir noch nie zuvor so bereit für den Wettkampf waren wie jetzt.

Und wie sieht es Ihrer Meinung nach mit der nächsten Generation aus? Kann Brasilien diese Wettbewerbsfähigkeit beibehalten und sogar noch weiterkommen?

Es gibt mittlerweile die Paralympic Student Leagues mit über 1000 Athleten im Alter von 13 bis 18 Jahren. Es handelt sich dabei um die weltweit besten und größten Wettkämpfe dieser Art. Sie beinhalten Schwimmen, Leichtathletik, Fußball, Basketball und vieles mehr. Die Wettkämpfe sind sehr umfassend. Hier in Brasilien wird mit dem paralympischen Sport in allen Disziplinen und Arten ganz neu begonnen. Nur so kann man gute Ergebnisse erzielen. Ich glaube, dass wir auch dem richtigen Weg sind.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der Huffington Post Brasilien. Er wurde ins Englische übersetzt und zur besseren Verständlichkeit überarbeitet. Die englische Version wurde von Susanne Raupach ins Deutsche übersetzt.


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