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"Ende der Traumrenditen" - Zehntausende Jobs in Flüchtlingsheimen gefährdet

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FLCHTLINGE
Immer mehr Flüchtlingsunterkünfte werden geschlossen. | dpa
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  • Bislang bringt die Unterbringung von Flüchtlingen Firmen oft gigantische Renditen
  • Doch das Geschäft droht wegzubrechen. Immer mehr Einrichtungen werden geschlossen
  • Auch bei gemeinnützigen Wohlfahrtsverbänden gehen wohl viele tausend Jobs verloren

Es dürfte kein schlechtes Geschäft gewesen sein: 125.000 Euro pro Monat kassierte die Firma Comtact laut NDR für den Betrieb einer Schweriner Flüchtlingsunterkunft seit Oktober vergangenen Jahres vom Land Mecklenburg-Vorpommern.

Das Pikante: Die Unterkunft steht seit November leer. Und: Unternehmens-Betreiber Jörg Heydorn sitzt für die in dem nordöstlichen Bundesland regierende SPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern.

Die Frage danach, wie viele Personen noch in der leeren Flüchtlingsunterkunft beschäftigt sind, ließ Heydorn gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk offen. Auch eine telefonische Anfrage der Huffington Post ließ Heydorn am Montag unbeantwortet.

Astronomische Umsatzrenditen

Doch die Überweisung an Steuermitteln hat bald ein Ende. „Wir haben den Vertrag mit Comtact fristgerecht gekündigt“, sagt ein Sprecher des Schweriner Innenministeriums auf Anfrage der Huffington Post. Die Zusammenarbeit laufe damit Ende Juni aus. Grund sei die zuletzt stark zurückgegangene Zahl der nach Mecklenburg-Vorpommern gekommenen Flüchtlinge.

So wie Heydorn geht es derzeit vielen Betreibern von Flüchtlingsheimen in der Republik - viele Einrichtungen werden dichtgemacht, weil kaum mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen.

Und das hat Folgen: In den kommenden Monaten könnten viele tausend Angestellte in den Unterkünften arbeitslos werden. Und auch die Goldgräberstimmung, die die Flüchtlingskrise bei manchen Geschäftsleuten ausgelöst hatte, ebbt bereits ab.

Vielerorts in der Republik machten eifrige Geschäftsleute mit dem Flüchtlingszustrom viel Geld. Von „Flüchtlingslagern als Goldgrube“, schrieb sogar die liberale „Badische Zeitung“. Die Unterkünfte würden „Traumrenditen für die Betreiber abwerfen“.

Da ist etwa die Essener Firma European Homecare, die dem Blatt zufolge unter anderem in Freiburg die Erstaufnahmestelle des Landes betreibt. Schon 2014 – also noch vor dem ganz großen Andrang der Flüchtlinge – habe deren Geschäft geboomt.

Der veröffentlichte Umsatz habe binnen eines Jahres um 134 Prozent auf 38,9 Millionen Euro zugelegt, der Gewinn nach Steuern sich auf 5,3 Millionen Euro fast vervierfacht.

Die Umsatzrendite belief sich demnach nach Steuern auf 13,6 Prozent. Zum Vergleich: Mittelständische Maschinenbauer sind oft schon mit einer Umsatzrendite von einigen Prozent zufrieden. Mit Flüchtlingen lässt sich aber problemlos ein Vielfaches auf Kosten des Steuerzahlers verdienen.

Die Zahl der Mitarbeiter soll 2014 bei European Homecare von 241 auf stolze 412 angestiegen sein. Ob es angesichts der bundesweit zuletzt massiv gesunkenen Flüchtlingszahlen zuletzt noch so gut lief, ist unklar – die Firma reagierte am Montag nicht auf eine telefonische Anfrage der Huffington Post.

Auf wackligen Beinen

Auch anderswo wurden zum Teil mit den Flüchtlingsunterkünften gute Geschäfte gemacht. Mancherorts, wo die Mieten besonders hoch sind, hatten die Städte und Gemeinden kaum eine Wahl, mit wem sie zusammenarbeiten. "Ich denke aber, dass die Traumrenditen bald ein Ende haben", prophezeit ein Münchner Immobilienmakler, der sagt, viele seiner Kollegen hätten zuletzt "prächtige Geschäfte gemacht".

Doch die größten Verlier sind andere. Bundesweit arbeiteten, wie es bei einem Wohlfahrtsverband heißt, zuletzt mehrere zehntausend Menschen in den Flüchtlingsunterkünften.

Auch einer Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge lag der Beschäftigungszuwachs durch den Flüchtlingszustrom im mittleren fünfstelligen Bereich. Sprachlehrer, Wachleute, Sozialarbeiter – viele verdanken ihre Jobs der großen Zahl von Schutzsuchenden, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland kamen.

Sie könnten in den kommenden Wochen und Monaten ihre Arbeitsplätze verlieren.

Ein Beispiel: Anfang September wird eine der größten niedersächsischen Notaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Celle geschlossen.

Für die meisten der 131 Mitarbeiter war die Meldung ein Schock: Die erst im September vergangenen Jahres hochgezogene Einrichtung beherbergte zur Hochzeit des Flüchtlingszustroms 1300 Schutzsuchende, war zuletzt jedoch nur noch schwach belegt.

In Hessen bleibt nicht einmal ein Drittel der Flüchtlingsunterkünfte geöffnet

Viele Einrichtungen in ganz Deutschland haben bereits den Betrieb eingestellt, bis zum Herbst wird sich die Zahl der Schließungen vervielfachen. Denn nachdem die Balkan-Route weitgehend dicht ist und die Zahl der hierzulande ankommenden Asylsuchenden zuletzt massiv sank, besteht vielerorts schlicht kein Bedarf mehr an den oft teuren Einrichtungen.

In Hessen etwa sollen von den ursprünglich 62 Flüchtlingsunterkünften des Landes wegen der sinkenden Zahl von Asylsuchenden künftig nur noch 19 Standorte mit rund 20.000 Plätzen zur Verfügung stehen. Das ist nicht einmal ein Drittel der bisherigen Kapazitäten.

Zusätzlich soll es dem dortigen Innenministerium zufolge eine Reserve von 20 Standorten mit rund 15.000 Plätzen geben, die bei Bedarf aktiviert werden können. Allerdings benötigen Reserve-Unterkünfte deutlich weniger Mitarbeiter als reguläre.

Auch in Norddeutschland werden derzeit überall Unterkünfte für Asylbewerber geschlossen. Und viele Flüchtlingshelfer stehen auch in Nordrhein-Westfalen längst vor einer ungewissen Zukunft.

Im Landkreis Mettmann etwa hat das Rote Kreuz bereits sämtliche seiner zwischenzeitlich 14 Flüchtlingsunterkünfte laut „RP Online“ wieder geschlossen – das letzte Heim machte Ende April dicht.

Bei gemeinnützigen Verbänden sind viele tausend Jobs in Gefahr

Häufig werden die Einrichtungen von den großen gemeinnützigen Wohlfahrtsverbänden betrieben. Tausende, wenn nicht zehntausende Jobs, sind bei Organisationen wie den Johannitern, den Maltesern, der Arbeiterwohlfahrt und dem Roten Kreuz deshalb in Gefahr.

Zudem hängen an den Flüchtlings-Einrichtungen auch örtliche Jobs – Bäckereien, Metzgereien, Wäschereien oder externe Sicherheitsdienste profitierten von dem Flüchtlingsboom.

Doch die meisten neuen Arbeitsplätze entstanden in den Unterkünften selbst. Alleine der größte deutsche Betreiber von Flüchtlings- und Asylbewerberheimen, das Deutsche Rote Kreuz (DRK), hat Sprecher Dieter Schütz zufolge im Zuge des Flüchtlingszustroms 5000 Arbeitsplätze in den von DRK-Ablegern betriebenen Unterkünften geschaffen.

490 Einrichtungen mit 140.000 Flüchtlingen zählte der Verband allein Anfang dieses Jahres. „Der Großteil dieser Stellen ist natürlich befristet“, sagt Sprecher Dieter Schütz im Gespräch mit der Huffington Post.

Viele Verträge sind befristet - sie laufen einfach aus

Das Rote Kreuz muss vielerorts Einrichtungen schließen – Zeitverträge werden bei einem Teil der Mitarbeiter deshalb nicht verlängert.

Wie viele Mitarbeiter ihre Jobs verlieren oder bereits verloren haben, konnte Schütz jedoch nicht sagen: „Wir versuchen aber den betroffenen Mitarbeitern eine andere Beschäftigung zu geben.“ So würden etwa Dolmetscher händeringend für Intergrationskurse gesucht.

Auch ein Sprecher des Malteser-Bundesverbands geht davon aus, dass in den kommenden Wochen und Monaten weitere Einrichtungen schließen müssten. Wie viele der dort ebenfalls zumeist befristeten Verträge deshalb nicht verlängert würden, wollte er auf Anfrage nicht sagen.

Die Johanniter führen deutschlandweit mehr als 100 Flüchtlingsunterkünfte, oder sind zumindest daran beteiligt. Über 2000 Helfer hat der Orden zur Bewältigung der Flüchtlingskrise eingestellt, doch da nach der Schließung der sogenannten Balkanroute immer weniger Migranten nach Deutschland kommen, stehen auch bei den Johannitern viele Notunterkünfte leer.

„Doch um für einem möglichen erneuten Flüchtlingsansturm gewappnet zu sein, würden daher etliche Unterkünfte weiterhin geöffnet bleiben“, erklärt Verbandssprecherin Therese Raatz im Gespräch mit der Huffington Post.

Manche Mitarbeiter kommen in anderen Bereichen der Flüchtlingshilfe unter

Andere Erstaufnahmestellen würden die Johanniter zu Gemeinschaftsunterkünften umwandeln. Die Sprecherin räumte allerdings ein, dass es in der aktuellen Situation nicht für alle Angestellten eine Möglichkeit zur Weiterbeschäftigung gebe: "Wir versuchen, so viele Helfer wie möglich in anderen Unterkünften unterzubringen. Entlassungen sollen nur die Ausnahme sein.“

In Niedersachsen haben die Johanniter gerade zwei von fünf ihrer Flüchtlingsheime geschlossen.

Dass es aber um einen befristeten Einsatz geht, sei beim Start der Notunterkünfte klar gewesen, betont der Verband. Für die Organisation ist klar: „Es liegt in der Natur der Sache, dass Notunterkünfte geschlossen werden, wenn die Flüchtlinge nicht da sind.“

Wie viele Mitarbeiter der Unterkünfte ihren Job verlieren, ist derzeit noch nicht sicher - sicher ist aber, dass es viele sein werden.


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(br)