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Boualem Sansal: Über die Thesen dieses Autors redet ganz Europa

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BOUALEM SANSAL
Boualem Sansal polarisiert mit seinen Aussagen. | JOEL SAGET via Getty Images
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Es gibt Themen, die sind Selbstläufer. Und dann gibt es Themen, die sind gar Selbstsurfer.

Sie stürzen sich auf eine Welle und werden von ihr getragen. Die Welle kann schnell in sich zusammenfallen. Oder sie trägt den Surfer weit und wie von selbst.

In der Literatur gibt es derzeit solch eine Welle: den Islam. Wer sich in einem Roman, einem Sachbuch oder einem Gedicht mit dem Islam auseinandersetzt, kann sich des Ritts auf der Welle der Empörung, der Zustimmung, der Aufmerksamkeit, ziemlich sicher sein.

Der 66-jährige algerische Schriftsteller Boualem Sansal reitet seit Monaten auf dieser Welle. Er schreibt auf Französisch. Sein neuestes Buch: "2084”. Untertitel: “Das Ende der Welt."

Glaubensdiktatur des Islams

Sansal thematisiert darin die Glaubensdikatur eines radikalen Islams, der die Macht übernimmt, Regeln und Normen setzt – gesellschaftlich, politisch, religiös. Weltweit.

Das mag bekannt vorkommen: Die Islamisierung behandelte auch Michel Houellebecq in seinem Roman “Unterwerfung”. Der Roman war am am 7. Januar 2015 erschienen, dem Tag des Anschlags auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo.

Und es gibt eine zweite literarische Parallele: “2084” – das erinnert an “1984”, dem berühmten Roman von George Orwell. Der Sozialist beschrieb ebenfalls eine Diktatur – die des totalitären Überwachungsstaats, des “Big Brother”. Boualem Sansal sieht seinen Roman als dessen Fortsetzung.

Kein Dschihad, keine Attentate

Sansal beschreibt einen fiktiven Staat, Abistan, in dem es keine Vergangenheit und keine Geschichte gibt – nur das Hier und Jetzt: 2084.

Es gibt keinen Dschihad, keinen Salafismus, keinen Terrorismus und keine Attentate.

Was bleibt ist eine Religion, der sich die Menschen anders als bei Houellebecq freiwillig unterwerfen. Es gibt einen Propheten, eine umma, die Gemeinde. Monotheismus, Atheismus oder Pluralismus hat es nie gegeben, wird es nicht geben.

"Islamisierung kein lokales Phänomen"

Sansal selbst ist Muslim, kommt aus Theniet El Had in Algerien, der gleichen Stadt wie der berühmte Literat Albert Camus, war Staatsbeamter im Wirtschaftsministerium von und zählt zu den bekanntesten Personen des Landes.

Seine Buch wurde allerdings erst nach Monaten in seinem Heimatland gedruckt, seine Meinung ist selten gefragt.

Das liegt an seiner Kritik an den algerischen Verhältnissen und dem Islam, der er etwa auch in einem Essay mit dem Titel “Allahs Narren” Luft macht. Er handelt von den Welteroberungsplänen des Islam.

In Europa und vor allem in Frankreich ist Sansal hingegen einer der erfolgreichsten Schriftsteller und einer der gefragtesten und streitbarsten Interviewpartner, wenn es um den Islam und seine Rolle in der Welt geht.

Im Interview mit der “Welt” erklärt Sansal den Erfolg seines Buchs "2084", das allein in Frankreich mehr als 300.000 Mal verkauft wurde, durch ein Aufwachen der Menschen: “Sie machen sich klar, dass die Islamisierung kein lokales Phänomen ist, sondern ganz Europa betrifft. Wir haben alle Angst – auch wenn es nicht alle zugeben wollen.”

Gewalt von Muslimen gegen Muslime

Angst hätten auch die Muslime, denn sie seien besonders vom Terror betroffen. Den Großteil ihrer Attentate verüben islamistische Milizen in muslimischen Ländern. Anschläge wie die in Paris oder Brüssel sind nur ein Bruchteil der Aktionen der Dschihadisten – ihre Gewalt richtet sich nach wie vor hauptsächlich gegen Muslime.

In den Attentaten des sogenannten Islamischen Staats (IS) wie der auf das Bataclan in Paris im November vergangenen Jahres – sieht Sansal eine Provokation und ein Plan mit großem Kalkül: “Sie wollen die Gesellschaft spalten, und sie wissen: Wenn ihnen das gelingt, fällt sie ganz von allein in sich zusammen.”

"Kampf der Kulturen"

Aufgrund von Anschlägen auf westliche Kultureinrichtungen wie das Bataclan oder die Redaktion von Charlie Hebdo sieht Sansal den “Kampf der Kulturen” in einer neuen Phase. Der US-Wissenschaftler Samuel Huntington hatte den "clash of civilizations" vor über 20 Jahren in seinem gleichnamigen Werk beschrieben.

Der Inhalt des Klassikers wird oft aus dem Kontext gerissen und missbraucht, um Hetze gegen Muslime zu betreiben und Schreckensszenarien unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Kenntnis zu malen.

So macht es auch Sansal im Interview: Er glaubt, Frankreich islamisiere sich. Allerdings nicht in Form einer Verdrängung des christlichen Abendlandes, wie es etwa Pegida für Deutschland durch ankommende muslimische Flüchtlinge fürchtet, sondern durch eine “Fusion”: die Verschmelzung von Zivilisationen – von Orient und Okzident.

Sansal sieht Deutschland besonders gefährdet

So romantisch das aufs erste klingen mag, so drastisch beschreibt Sansal diesen Gedanken weiter: “Als Demokrat sehe ich unsere Zivilisation mit großem Bedauern untergehen, denn sie hat die Menschheit vorangebracht – auch wenn uns ihre Exzesse längst schaden.”

Besonders bedroht sei Deutschland. Die Aufnahmen von einer Million Flüchtlingen sein “komplett naiv” gewesen. Langfristig sei “Deutschland das Land, das am meisten bedroht ist”.

Deutschlands Toleranz werde von Flüchtlingen – unter anderem aus Algerien – ausgenutzt, um Unterschlupf zu finden, so Sansal. Unter ihnen seien radikale Islamisten, mutmaßt der Schriftsteller. Konkrete Belege führt er dafür nicht an.

Europa am Ende?

Sansal behauptet, die anderen europäischen Staaten “träumen von nichts anderem als dem Absturz Deutschlands”, denn Europa sei am Ende: “Es hat keinerlei Zukunft mehr.”

Der Schriftsteller sieht den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als konkrete Bedrohung. Der Politiker stelle sich vielleicht vor, “sein Reich nach Europa auszudehnen”.

"Islamisten kämpfen mutig"

Sansal vermisst bei den Europäern Überzeugung und Entschlossenheit, für ihre Werte einzustehen. Anders sehe das bei den Islamisten aus. "Die Islamisten kämpfen sehr mutig für das, woran sie glauben", sagte er der "Welt". "Allein das muss man ihnen zugutehalten."

Die Solidaritätsbekundungen der Europäer nach den Anschlägen in Paris und Brüssel waren für ihn “nichts als eine spontane Gefühlsreaktion [...]. Allen voran dieser arme Hollande, der keiner Fliege etwas antun würde.”

Zur Erinnerung: Paris weitet unter Präsident François Hollande seine Präsenz in Afrika im Kampf gegen grenzüberschreitend agierende Islamisten seit 2014 deutlich aus. Wenige Tage nach den Anschlägen in Paris begann Frankreich Luftangriffe gegen den IS zu fliegen.

Ein "fanatisches Lauffeuer"

Aber nicht nur für Europa, sondern auch für den Islam findet Sansal drastische Worte: “Ich mag den Islam nicht, ich glaube nicht daran, und ich stelle fest, dass er nicht nur eine Gefahr, sondern eine enorme Gefahr ist. Er wird unsere Gesellschaft aufsprengen.”

Was Sansal mit seinen steilen Thesen bezwecken möchte, beantwortet er selbst: Sie sollen sich wie ein “fantastisches Lauffeuer” verbreiten.

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(sk)