Huffpost Germany

Liebe AfD, dir steht ein beschissener EM-Sommer bevor

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BOATENG
Getty Images
Drucken

Die AfD hat Fußballspieler mit Migrationshintergrund als neues Ziel entdeckt. HuffPost-Autor Sebastian Christ sagt den Rechtspopulisten in einem offenen Brief einen furchtbaren EM-Sommer voraus.

Liebe AfD-Anhänger unter den deutschen Fußballfans,

Euch steht ein verdammt beschissener Sommer bevor. In Frankreich tritt das DFB-Team an, um den EM-Titel nach Deutschland zu holen.

Und Ihr müsst für Euch aus ideologischen Gründen eine entscheidende Frage beantworten: Bleibt die Deutschlandfahne im Schrank oder jubelt Ihr einer Mannschaft zu, die so gar nichts mehr mit dem Jägerzaun-Deutschland in Euren Köpfen gemeinsam hat?

Man muss sich das mal vorstellen: Ihr wählt eine Partei, die auf Flüchtlinge schießen lassen will. Die gegen Muslime Wahlkampf macht und den Moscheebau wahlweise einschränken oder ganz verbieten lassen will.

Und dann müsst Ihr einer Mannschaft die Daumen drücken, die wie keine zweite Institution in Deutschland die Vielfalt dieser Republik sichtbar macht. Man mag sich nach all den Debatten der Jahre 2015 und 2016 nicht ansatzweise vorstellen, was für eine Gewissensqual Euch nun vor der Europameisterschaft plagt.

Schon Sanés Vater wurde einst in deutschen Stadien beschimpft

Wahrscheinlich wünscht Ihr Euch, wie in so vielen Dingen, in die gute, alte Zeit zurück. Sagen wir: Ins Jahr 1982, als Bundeskanzler Helmut Kohl nach seinem geglückten Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt noch wider jeder Realität getönt hatte, dass Deutschland "kein Einwanderungsland" sei und in der Nationalmannschaft solch Spieler mit Namen wie Schumacher, Förster, Müller und Fischer den Ton angaben.

Ehrlich gesagt freue ich mich auf den Moment, in dem ihr die Nationalmannschaft des Jahres 2016 in Euer krudes Weltbild integrieren müsst.

Ein Team, in dem ein Deutscher mit ghanaischen Wurzeln souverän die Abwehr organisiert - Jérôme Boteng ist derzeit einer der besten Verteidiger der Welt. Ein Deutsch-Tunesier (Sami Khedira besitzt eine doppelte Staatsbürgerschaft, und ist somit auch – Ihr mögt es kaum glauben - "Nordafrikaner", liebe AfD-Anhänger) wird das Mittelfeld orchestrieren, und den Sturm treibt ein gläubiger Muslim namens Mesut Özil an, der gerade noch eine Pilgerreise nach Mekka gemacht hat.

Ein Deutsch-Spanier namens Mario Gomez könnte sein großes internationales Comeback als Angreifer erleben.

Und dann wäre da noch Leroy Sané, ein Fußballtalent aus dem Ruhrgebiet, dessen senegalesischer Vater Souleymane einst mit bewundernswerter Würde die Affenlaute ertrug, die Euresgleichen von den Stadionrängen gebrüllt haben. Der junge Herr Sané gehört nun zum erweiterten DFB-Kader und hat in diesem Jahr einen überzeugenden Einstand in der Nationalmannschaft gegeben.

Eure Partei lebt zeitgleich in einer anderen Welt.

Özils Pilgerreise ein "antipatriotisches Signal"

Die AfD in Sachsen kritisierte am Montag Özils Pilgerreise nach Mekka als ein „antipatriotisches Signal“. „Wenn Özil vor Länderspielen regelmäßig nicht die Nationalhymne mitsingt, soll das der Bürger für eine normale Privatsache halten", jammerte die mittelsächsische Kreisvorsitzende Andrea Kersten. "Wenn Özil hingegen zur Pilgerfahrt nach Mekka reist, erklärt das der 'Tagesspiegel' dem Bürger als 'Zeichen für mehr Verständigung und Integration'."

Kersten verstieg sich gar zu der Feststellung, dass Özil mit seiner Pilgerreise eine "Ideologie" hofiert habe.

Man darf diese Äußerung wohl als Sympathiebekundung für den brandenburgischen AfD-Chef Alexander Gauland verstehen, der im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gesagt hatte, dass sich viele Deutsche Jérôme Boateng als Nationalspieler, nicht aber als Nachbarn vorstellen könnten.

Boateng ist nicht nur deutscher Staatsbürger und gebürtiger Berliner, er ist auch Christ. Der Schluss liegt nahe, dass Gauland ein Problem mit Boatengs Hautfarbe sieht. Später wollte Gauland sich nicht mehr an diese Aussage erinnern können.

Die AfD hätte vor 30 Jahren mit den Eltern der Nationalspieler kurzen Prozess gemacht

Beatrix von Storch meinte damals ja auch auf der Maus ausgerutscht zu sein, als sie via Facebook geflüchete Frauen und Kinder zum Abschuss freigegeben hatte.

Das Muster der Rechtspopulisten in Deutschland ist klar erkennbar: Immer wieder verletzen sie Grenzen der Menschlichkeit – und später heben sie in aller Unschuld die Hände und wollen von nichts gewusst haben. Das Dementi besteht freilich nur auf dem Papier – die Botschaft ist zu diesem Zeitpunkt schon in Euren köpfen angekommen.

Dass da Leute Politik machen, die sich nicht um Menschenrechte und das ganze Gedöns scheren, wenn es um das vermeintliche Wohl des "Volkes" geht.

Solche Menschen wählt Ihr. Politiker, die – wenn sie vor 20 oder 30 Jahren schon Einfluss gehabt hätten – mit den Müttern und Vätern unserer DFB-Spieler kurzen Prozess gemacht hätten. Bei "Ausländern" geht der AfD ja generell schnell die Alarmlampe an.

Überprüft endlich Euer Weltbild!

Man will sich gar nicht vorstellen, ob sich heute in der AfD nicht der ein oder andere Irre herumtreibt, der Souleymane Sané im Hamburger Volksparkstadion während des Achtelfinals im DFB-Pokal 1990/91 mit Bananen beworfen hat. Für ausgeschlossen halte ich das nicht.

Tut Euch selbst einen Gefallen, liebe AfD-Anhänger: Nutzt diesen Sommer, um Euer Weltbild zu überprüfen.

Tja, und wenn nicht: Dann gönne ich Euch von Herzen die Bauchschmerzen, die Ihr haben werdet, wenn Ihr einem Team zujubeln müsst, in dem fast die Hälfte der Spieler einen Migrationshintergrund haben.

Das wird für mich der eigentliche Höhepunkt des Turniers werden. Wenn Euer lächerlicher Patriotismus-Popanz verpufft wie eine schwarz-rot-goldene Staubwolke.

Ich kann es ehrlich gesagt kaum erwarten, bis das Turnier endlich anfängt.

Auch auf HuffPost:

Frauke Petrys Ex-Lehrer: Warum ich sie nicht mehr sehen will

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen nehmen kein Ende. Auch, weil es viel zu wenig Rettungskräfte auf dem Mittelmeer gibt. Hier versucht die Mannschaft des Schiffes Sea Watch 2. zu helfen. Spenden benötigt die Crew für Nahrung, Schwimmwesten und Medikamente.

Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

(bp)