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So würde das Grundeinkommen unser Zusammenleben verändern

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GRUNDEINKOMMEN
Das Transparent im Zentrum von Berlin | dpa
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  • Die Schweiz entscheidet in einer Woche über das Grundeinkommen
  • Kommt das staatliche Taschengeld stünden nicht nur wirtschaftliche Veränderungen an
  • Auch die Solidargesellschaft müsste sich umorientieren

Es war ein unübersehbares Signal: "Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?", stand auf Englisch in riesigen Buchstaben auf dem nach Veranstalterangaben längsten Plakat der Welt. Auf 450 Metern rollten Aktivisten den Schriftzug am Sonntag auf der Straße des 17. Juni in Berlin aus.

Die Frage, gestellt an jedermann, war zum einen ein Gruß in die Schweiz: Dort stimmen die Bürger am 5. Juni über ein bedingungsloses Grundeinkommen ab. Eine Idee, über die Anhänger des Konzepts auch hierzulande gern diskutieren würden. Zum anderen war das Transparent daher ein kleiner Anstoß für die politischen Entscheider in Deutschland - die ganz in der Nähe in Reichstag und Bundeskanzleramt verkehren.

Nicht, dass es die Erinnerung gebraucht hätte. Das Konzept Grundeinkommen sorgt schon jetzt für reichlich Gesprächsstoff im politischen Berlin, es gibt Befürworter und Gegner ganz unabhängig von Parteilinien. Es ist ein Thema, über dessen politische und wirtschaftliche Folgen regelmäßig laut geführte Debatten aufbranden.

Das Ende der Solidargemeinschaft?

Was aber geschieht abseits von volkswirtschaftlichen Rechnungen, wenn das Jedermann-Taschengeld kommt? Wenn jedem Bürger ein Einkommen zusteht, das seine Existenz sichert und noch ein bisschen mehr?

Die "Welt am Sonntag" hat darüber mit Daniel Häni geredet, dem Anführer der Initiative, die das Grundeinkommen in der Schweiz fordert. Er glaubt, dass die regelmäßige staatliche Geldspritze auch unser Zusammenleben verändern könnte: "Im Kern geht
es nicht um Geld, sondern um Macht – also um mehr Selbstbestimmung", sagt der 50-Jährige.

Auf den ersten Blick ein Gedanke, der nicht nur positiv sein muss. Wenn sich niemand mehr aufeinander verlassen muss - steht dann das Ende der Solidargemeinschaft ins Haus? Häni glaubt keineswegs, dass es so kommen wird. Schließlich werden bestimmte Aspekte in der politischen Diskussion bisweilen ausgeblendet. Einer davon: Solidarität funktioniert nicht nur über Geld.

"Menschliche Existenzen wären weniger über Geld beeinflussbar"

Darauf stellt auch der Aktivist ab: "Menschliche Existenzen wären weniger über Geld beeinflussbar", sagt er. Geld zwingt in verhasste Jobs, es lässt Freundschaften zerbrechen, Ehepaare streiten, es sorgt für Schuld- und Abhängigkeitsverhältnisse. Der Alltag des Wirtschaftslebens eben - aber mit etwas Abstand betrachtet eigentlich eine Realität gewordene Dystopie.

Die allerdings nur aufzulösen wäre, wenn Geld als solches abgeschafft würde. Das plant aber weder Häni noch sonst ein Befürworter. Er will lediglich die überdominante Herrschaft des Geldes aufweichen. Denn wenn davon genug vorhanden ist, ist sicherlich vorstellbar, dass andere Werte den Franken oder den Euro als Währung übertrumpfen: Hilfsbereitschaft, Partnerschaft, die Fähigkeit, anderen etwas zu gönnen.

Zumindest aber könnte das Einkommen helfen, einen Werteverlust in der Gesellschaft zu bremsen. Der könnte nämlich, zusammen mit Frustration, eintreten, falls die Digitalisierung unsere Arbeitswelt umwälzt. Wenn in einem radikal überholten Jobmarkt plötzlich viele Bürger als Verlierer dastehen.

Was das Grundeinkommen leisten kann

"Wenn wir nicht handeln, um mehr geteilten Wohlstand zu schaffen, wird der Ärger der Menschen zunehmen. Einige werden gewalttätig", fürchtet etwa der US-Wirtschaftsforscher Erik Brynjolfsson.

Selbst, wenn mit einem Grundeinkommen die große gesellschaftliche Revolution ausbleiben sollte, könnten die Aktivisten dann zumindest das für sich verbuchen: Dass sie der Gesellschaft geholfen haben, eine andere ganz große Revolution zu bewältigen.

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