Huffpost Germany

An die Frau im Schwimmbad, die mich in dem Moment ansprach, als ich als Mutter komplett versagte

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PREGNANT POOL
Pregnant mother holding toddler girl (21-24 months) underwater | Stuart Westmorland via Getty Images
Drucken

THE BLOG

Ich werde diesen einen Sommer nie vergessen.

Es war heiß, ich war im neunten Monat mit unserem dritten Kind schwanger und ich sollte mich eigentlich schonen. Mein Gynäkologe hatte mir verboten, mehr als fünf Kilo zu heben.

Allein über den Gedanken, sich zu schonen, können Mütter nur lachen. Ganz zu schweigen von einer Mutter, die im neunten Monat schwanger ist und bereits ein 19 Monate altes Kind sowie ein dreijähriges Kind hat, bei dem sich später herausstellen sollte, dass es an einer Wahrnehmungsverarbeitungsstörung leidet.

Ich konnte meinem Arzt nicht erzählen, dass ich meine Tage meist damit verbrachte, mit meinem dreijährigen Kind unter dem Arm von öffentlichen Plätzen zu fliehen, und zwar mit einer Wickeltasche über der Schulter, mit der Hand meiner Tochter in meiner Hand und mit Tränen in den Augen. Die ständigen öffentlichen Wutanfälle und all die Augen, die wieder einmal auf mich gerichtet waren, machten mich völlig fertig. Damals dachte ich noch, dass meine Erziehung am Verhalten meines Sohnes schuld war.

Ich sollte mich mit meinem schwangeren Körper ins Kinderbecken knallen und mich "ausruhen"

In diesem Sommer kaufte mein Mann uns eine Dauerkarte fürs Schwimmbad. Der Plan dahinter war, dass die Kinder sich im Kinderbecken und bei den Wasserspieltischen austoben sollten. Ich sollte mich mit meinem schwangeren Körper ins Kinderbecken knallen und mich "ausruhen".

Die Realität hingehen sah jedoch so aus, dass ich meine kleinen Kinder mit unseren ganzen Badesachen ins Auto scheuchte und zum Schwimmbad fuhr. Dort musste ich alle durch die komplette Anlage bis ganz nach hinten zerren, wo sich das Schwimmbecken befindet. Und das alles nur, damit mein Ältester wieder einen Wutanfall bekommt und wir ihn sofort wegbringen müssen. Wieder zurück durch die ganze Anlage und ab nach Hause.

Die anderen Mütter sahen höflich weg. Sie wühlten in ihren Wickeltaschen herum oder unterhielten sich leise mit ihren Kindern, was so wirken sollte, als würden sie uns nicht bemerken. Doch man konnte uns gar nicht übersehen.

An einem grausam schwülen Tag fuhren wir wieder ins Schwimmbad. Mein Sohn bekam sofort wieder einen Wutanfall und alle anderen Mütter taten auch dieses Mal so, als würden sie nichts davon mitbekommen. Ich redete beruhigend auf ihn ein, doch es wirkte nicht. Meine Wangen waren rot angelaufen und mein Herz raste. Ich versuchte, mich selbst zu beruhigen. Ich hatte mich bereits geschlagen gegeben, doch ich wollte es mir nicht anmerken lassen. Deshalb biss ich meine Zähne zusammen und sammelte unsere Sachen ein. Mein Sohn tobte weiterhin. Ich bewegte mich so schnell mir das als hochschwangere Frau nur irgendwie möglich war.

Bravo, liebe Mama! Bra-vo!

Die Mamas im Becken sahen noch immer weg, als ich mich mit meinem hochschwangeren Körper zu ihm herabbeugte und ihn auf den Arm nahm. Als ich ihn hochgehoben hatte, schnappte ich mir die Hand meiner Tochter und unsere Taschen.

"Entschuldigen Sie bitte!" hörte ich eine Frauenstimme von der gegenüberliegenden Seite des Schwimmbeckens zu mir herüber rufen. Ich zögerte. Ich versuchte, nicht zu weinen. Widerwillig blickte ich nach oben und sah ihr in die Augen. Die Frau kam voller Elan mit schwingenden Armen auf uns zu.

"Bravo, liebe Mama! Bra-vo! Das werden Sie hier zwar sonst von keinem zu hören bekommen", sagte sie und deutete mit einem Arm auf mein schweigendes Publikum, "doch Sie tun genau das Richtige. Sie haben es drauf! Toll gemacht, liebe Mama!" Und plötzlich begann sie zu klatschen. Sie klatschte mir für meine Erziehungsmethoden Beifall, obwohl ich selbst in diesem Moment so sehr das Gefühl hatte, als Mutter versagt zu haben, wie nur selten zuvor.

Ich dankte ihr. Sie hatte meine mütterlichen Fähigkeiten gelobt, als ich diese bezweifelte und mich klein fühlte.

Ich formte noch einmal ein lautloses "Danke" mit meinen Lippen, weil mir die Worte fehlten. Sie nickte mir zu, drehte sich um und ging.

An diesem Tag fühlte ich mich unterstützt

Als ich endlich wieder bei meinem Auto angekommen war und meine Kinder in ihren Sitzen festgeschnallt hatte, legte ich meinen Kopf auf das Lenkrad und bekam einen dieser unschönen Schwangerenheulanfälle. Mir wurde klar, dass ich mich mit meinem temperamentvollen und trotzigen Dreiährigen ziemlich alleingelassen gefühlt hatte. Doch an diesem Tag fühlte ich mich unterstützt und ich war für die Worte dieser Frau extrem dankbar. Ich wollte noch einmal umkehren und mich richtig bei ihr bedanken, doch mein Sohn tobte noch immer in seinem Kindersitz und ich war viel zu emotional, um mich logisch zu verhalten.

Hast du eine Ahnung, wie oft ich an diese fremde Frau denke und daran, wie freundlich sie zu mir war? Das Ganze ist jetzt fünf Jahre her, doch ich denke immer noch ständig an sie.

Ich denke an sie, wenn ich im Supermarkt bin und ein fremdes Kind "ausflippt".

Ich denke an sie, wenn ich in einem Lebensmittelgeschäft an der Kasse stehe und hinter mir eine Mama mit vier "quengelnden" Kindern im Schlepptau steht. Ich nehme den Blick der Mutter wahr und ich weiß, dass sie darum kämpft, alles im Griff zu behalten.

Ich denke jedes Mal an sie, wenn ich eine Schwangere sehe, die mit Kleinkindern unterwegs ist.

Ich denke an sie, wenn eine erschöpft wirkende Mutter in einem Minivan mir auf der Straße die Vorfahrt nimmt und sich mit einem Winken entschuldigt. Ich nehme das Chaos wahr, das hinter ihr auf dem Rücksitz herrscht. Ich weiß, wie laut es in ihrem Auto sein muss und wie schwierig es sein muss, sich dabei zu konzentrieren, geschweige denn zu fahren.

Ich denke an sie, wenn ich mitbekomme, wie eine Mama ihr weinendes Kind am Sonntag aus dem Gottesdienst herauslotst.

Ich denke jedes Mal an sie, wenn ich ein Kind sehe, das gerade "richtig aufdreht" oder wenn ich eine Mutter sehe, die erschöpft aussieht.

Wir kennen das doch wirklich alle, oder etwa nicht? Und manche von uns mussten solche Situationen schon öfter durchmachen als andere.

Ich weiß, dass freundliche Worte ansteckend sind.

Und soll ich euch mal was sagen? Ich sage jetzt immer etwas. Jedes Mal. Und wenn ich gerade nichts sagen kann, weil ich zu weit weg bin oder aus sonst irgendeinem Grund, dann nehme ich wenigstens Blickkontakt auf und schenke dieser Mutter ein aufrichtiges "Du-hast-es-drauf-Lächeln". Ich weiß jetzt nämlich, wie viel einem ein freundliches Wort in einem schwierigen Moment bedeuten kann. Und ich weiß, dass freundliche Worte ansteckend sind. Sie können dein Verhalten komplett verändern.

Ich weiß nicht, wie es der Frau aus dem Schwimmbad heute geht. Ich wünschte, ich könnte mich bei ihr bedanken. Ich wünschte, ich könnte sie wissen lassen, dass die Worte, die sie damals zu mir gesagt hatte, mein eigenes Verhalten nachhaltig verändert hatten. Dank ihr fummle ich nicht mehr in meiner Geldbörse herum und tue so, als würde ich den Elefanten, der mitten im Zimmer steht, nicht sehen. Denn jetzt bin ich klüger.

Als Kinder wurde uns beigebracht, dass wir den Mund halten sollen, wenn wir nichts Nettes zu sagen haben. Ich möchte diesem Spruch für alle Mamas da draußen noch etwas hinzufügen:

Wenn ihr freundliche Gedanken im Kopf habt, dann sprecht sie ruhig aus. Wenn ihr etwas Nettes zu sagen habt, dann sagt es auch.

Stellt euch nur vor, wie schön diese Welt sein könnte, wenn wir alle die freundlichen Gedanken und Beobachtungen einfach herauslassen würden, die ansonsten nur in unseren Köpfen verborgen bleiben.

Dieser Blog ist ursprünglich bei The Mighty erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Mehr von Caitlin Fitzpatrick Curley könnt ihr auf ihrem Blog "My little Poppies" lesen.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V.“ möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen.”Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.