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Studie: Werden Nebenwirkungen von Antidepressiva verschwiegen?

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DEPRESSION
Junge Frau mit Depression | Jupiterimages via Getty Images
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Depressionen gelten als Volkskrankheit – rund drei Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Depression, Tendenz steigend. Die psychische Erkrankung wird bei schwerem Verlauf oftmals mit Medikamenten therapiert.

Sogenannte Antidepressiva sollen die Stimmung wieder aufhellen, in dem sie den Stoffwechsel im Gehirn beeinflussen. Die Medikamente fördern die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen durch die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Sie heben die Stimmung und helfen den Betroffenen, über die Symptome der Depression hinwegzukommen.

1,27 Milliarden Tagesdosen Antidepressiva

Antidepressiva werden in Deutschland immer häufiger verschrieben: Für das Jahr 2011 listete der Arzneiverordnungsreport 1,27 Milliarden Tagesdosen auf.

Dabei sind die Medikamente nicht unumstritten und ihre Nebenwirkungen oft gravierend: Sie verursachen unter anderem Schwindel, Kopfschmerzen, Schaflosigkeit und reduzieren die Libido.

Jedoch bleiben sie oft das beste Mittel, um mit der schweren Erkrankung fertig zu werden. Seit Jahren wird deshalb an der Wirkung von Antidepressiva und neuen Heilmitteln geforscht – und nun schlägt eine neue Studie Alarm.

Meta-Analyse über Suizidgedanken und Antidepressiva

In dem Fachmagazin „British Medical Journal“ veröffentlichten Wissenschaftler des Nordic Cochrane Center in Kopenhagen eine Meta-Analyse von über 70 Studien zu Antidepressiva, um mehr über deren Nebenwirkungen zu erfahren.

Dabei werteten sie klinische Studienberichte mit 18.526 Patienten aus, die Pharmaunternehmen ihren Zulassungsanträgen beifügen müssen. Diese Berichte sind oft detaillierter und liefern deshalb eine breitere Datenbasis.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Kinder und Jugendliche doppelt so oft Suizidgedanken hatten und aggressives Verhalten zeigten, wenn sie Antidepressiva einnahmen statt Placebos. Keiner der Teilnehmer starb allerdings durch einen Suizid. Bei den Erwachsenen zeigte sich übrigens keiner dieser Effekte.

Die Informationen wurden verschleiert

Die Erkenntnis, dass Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen Suizidgedanken fördern könnten, ist nicht neu – schon frühere Studien wiesen darauf hin. Was jedoch zu Denken geben sollte:

Die Informationen wurden in den Nachträgen der Berichte sprichwörtlich vergraben und die Hälfte der Suizidgedanken und Selbstmordversuche als „sich verschlechternde Depression“ oder „emotionale Labilität“ aufgelistet. Beispielsweise fehlten bei dem Pharmakonzern Elli Lilly diese Hinweise in 90 Prozent der Fälle.

Außerdem fanden die Forscher diese Angaben nur in 32 der 70 Untersuchungen: „Wir haben herausgefunden, dass viele Nachträge nur auf Anfrage bei den zuständigen Personen erhältlich waren und die gaben sie uns nie“, sagte Taran Sharma, Leiterin der Studie dem amerikanischen Wissenschaftsportal „Scientific American“. „Ich bekomme Angst, wenn ich daran denke, wie schlecht die Situation aussehen muss, wenn wir die kompletten Daten hätten.“

Antidepressiva bei Kindern nur unter bestimmten Voraussetzungen

Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Paul Ramchandani bestätigte der britischen Zeitung „Telegraph“: “Es gab schon seit einigen Jahren Bedenken über die Art und Weise, wie manche Prüfungen für Medikamente gegen Depression veröffentlicht wurden, vor allem, wenn es um die Behandlung von Kindern und Jugendlichen ging.“

Auch die britische Gesundheitsbehörde NHS bezeichnet es als „Besorgnis erregend“, dass die Wissenschaftler aufgrund der schlechten Datenlage die genauen Auswirkungen der Antidepressiva nicht analysieren konnten.

Sie empfiehlt, dass nur bestimmte Antidepressiva bei Kindern mit moderaten bis schweren Depressionen in Betracht gezogen werden sollten – und nur, wenn eine Psychotherapie nicht helfen konnte.

Antidepressiva auf keinen Fall absetzen

Eine ähnliche Empfehlung hält die deutsche Webseite „Kinderärzte im Netz“ bereit: Sie argumentiert, dass Antidepressiva höchst unterschiedlich wirken und deshalb nicht über einen Kamm geschert werden sollten. Die Medikamente würden bei mindestens der Hälfte aller depressiven Jugendlichen helfen.

Bei der Behandlung sollten die Ärzte idealerweise auf die Verschreibung von Medikamente verzichten, wenn eine Psychotherapie von Kind und Eltern akzeptiert wird und die Symptome sich bessern.

Auf keinen Fall sollte man Antidepressiva ohne Absprache mit dem Arzt absetzen – da die Betroffenen dann sonst noch tiefer in die Depression abrutschen könnten. Wünschenswert wäre es aber trotzdem, wenn die Nebenwirkungen der Medikamente besser und transparenter untersucht werden würde.

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(gw)