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Nicht mein Kind: Wie ich meinen Sohn vor einem Triebtäter beschützt habe

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MOTHER HOLDING SON
Wie Eltern ihren Sohn vor einem Triebtäter beschützten | Thanasis Zovoilis via Getty Images
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Vor einigen Jahren freundete meine Familie sich mit einem Bekannten aus unserer Gemeinde an, mit dem wir ab und zu auch privat etwas unternahmen. Mit der Zeit begann dieser Mann (den ich jetzt einfach mal Bob nenne), sich mehr und mehr für meinen zweijährigen Sohn zu interessieren.

Er wollte, dass mein Sohn ihm ein High Five gibt oder dass er ihn umarmt. Wenn mein Sohn bei Veranstaltungen unruhig wurde, bot Bob an, mit ihm spazieren zu gehen.

Bei einem Sommerpicknick fragte er, ob er meinen Sohn mit zum Spielplatz nehmen dürfe. "Damit du jederzeit bei uns vorbeischauen kannst", sagte er. Da ich ihn nicht gut kannte, lehnte ich höflich ab.

Hin und wieder kam Bob mit seinem Enkelkind bei uns vorbei, um im Garten ein wenig mit uns zu plaudern. Er fragte mich mehr als einmal, ob mein Sohn sie beide in den Park begleiten dürfe. Ich erfand jedes Mal eine Ausrede, um meinen Sohn bei mir zu behalten.

Bob klopfte eines Tages an meine Haustür

Als mein zweites Kind erst wenige Wochen alt war und mein Mann tagsüber in der Arbeit war, klopfte Bob eines Tages an meine Haustür. Er unterhielt sich ein wenig mit mir über das Baby und fragte mich, ob ich mich schon gut von der Geburt erholt hatte oder ob ich etwas brauchte.

Schließlich fragte er mich, ob er meinen zweijährigen Sohn mit zu sich nach Hause nehmen dürfe, damit dieser sich einen Kinderfilm aus seiner Sammlung aussuchen könne, den er sich dann bei uns zu Hause anschauen könne. Ich lehnte erneut ab. Er blieb hartnäckig, obwohl ich ständig neue Ausreden erfand. Ich gab nicht nach.

An diesem Abend unterhielt ich mich mit meinem Mann über Bob und ich erzählte ihm, dass ich das Gefühl hatte, dass irgendetwas nicht stimmte. Bob war einfach zu interessiert an unserem Sohn. Er hatte mir schon allzu oft angeboten, "ihn mir mal abzunehmen".

Wir hatten keinerlei Beweise, die es gerechtfertigt hätten, ihn von uns fernzuhalten. Doch wir einigten uns darauf, dass wir von nun an besonders aufmerksam sein würden, wenn Bob sich in der Nähe unserer Kinder befand.

"Wir werden herausfinden, dass da mehr dahintersteckt"

"Ich kann nicht genau sagen, was es ist", sagte ich. "Doch eines Tages werden wir herausfinden, dass da mehr dahintersteckt als wir momentan sehen."

Einige Monate später funktionierte Bobs Computer nicht mehr richtig und er bat meinen Ehemann, ihm zu helfen, den Computer wieder zum Laufen zu bringen. Bob ließ uns den Computer da und eines Abends sah mein Mann ihn sich an, als wir beide zusammen im Wohnzimmer saßen.

"Ohhh, nein", sagte mein Mann – ich werde seinen Gesichtsausdruck niemals vergessen.

Mir war sofort klar, dass meine Vermutungen sich bestätigt hatten. Die Ordner auf Bobs Computer waren voll mit Kinderpornografie.

Wir übergaben den Computer der Polizei und die entdeckte darauf 64 pornografische Bilder und 7 Sexvideos mit kleinen Jungen. Außerdem fand man Internet-Chats, in denen Bob andere Triebtäter um Fotos von kleinen Jungen und Mädchen gebeten hatte.

Bob wurde verurteilt

Bob wurde zu einer Gefängnisstrafe von neun Monaten verurteilt und danach war er fünf Jahre lang auf Bewährung. Mittlerweile ist er als registrierter Triebtäter in unsere Gemeinde zurückgekehrt.

Ich habe in den vergangen fünf Jahren dutzende Male über Bob und die Erfahrungen, die meine Familie mit ihm gemacht hat, nachgedacht. Meine Reaktionen reichten von Panik bis hin zu Mitleid, von Verachtung bis hin zu Angst, von extremer Wut bis hin zu tiefer Traurigkeit darüber, dass er ein so kaputter Mensch ist.

Was macht man als Mutter in so einem Fall?

Was macht man als Mutter in so einem Fall? Was können Eltern aus so einem Vorfall lernen? Wie gehen wir am besten damit um, damit uns unsere Wut und unsere Angst nicht auffressen?

Ich fange gerade erst damit an. Es hat Jahre gedauert, bis ich bereit war, unsere Erfahrungen aufzuschreiben, damit ich allen anderen Eltern – ja, wirklich allen Eltern – deren Kinder ebenfalls Gefahr laufen, sexuell missbraucht zu werden, die folgenden Ratschläge geben kann.

1) Hört auf euer Bauchgefühl

Im Nachhinein betrachtet ist es logisch, dass ich Bobs zahlreiche Versuche, meinen Sohn aus meiner Obhut zu locken, konsequent abgelehnt habe. Doch wie war das eigentlich beim ersten Mal? Oder beim zweiten Mal? Was, wenn ich ihm erlaubt hätte, einfach mal mit meinem Sohn um den Block zu spazieren?

Hätte ich ihm dadurch Tür und Tor geöffnet, damit er sich meinem Sohn immer weiter nähern kann? Hätte meine Wachsamkeit nachgelassen, wenn ein Ereignis ganz normal abgelaufen wäre? Hätte mein Kind Missbrauch zum Opfer fallen können?

Darüber nachzudenken, was alles hätte passieren können, ist eine schreckliche Vorstellung.

Doch ich habe nicht ja gesagt. Ich habe nicht zugelassen, dass sich ihm Tür und Tor öffnen, weil mein Mutterinstinkt mir von Anfang an gesagt hat: "Oh, oh. Pass gut auf deinen Sohn auf."

Natürlich weiß ich nicht, welche Absichten Bob wirklich hatte. Ich werde jedoch für immer und ewig dankbar dafür sein, dass mein Bauchgefühl mich dazu gezwungen hat, meinen kleinen Sohn niemals aus den Augen zu lassen. Denn so musste ich mich gar nicht erst fragen, ob wohl irgendetwas passiert ist, wenn ich mal nicht dabei war.

Liebe Eltern, wenn euer Bauchgefühl euch sagt, dass ihr euch von einer Person oder einer Situation fernhalten solltet, dann gibt es vermutlich einen guten Grund dafür.

Es ist gut möglich, dass euch dieser Grund erst Jahre später klar wird. Möglicherweise versteht ihr ihn sogar nie. Doch euer Kind ist euer Schatz und ihr habt immer das Recht, nein zu sagen.

2) Sprecht mit euren Kindern

Da mein Sohn gerade mal zwei Jahre alt war, als dieser Vorfall sich ereignete, konnte ich noch nicht wirklich gut mit ihm über mögliche Gefahren sprechen. Doch ich habe ihm schon lange bevor die Wahrheit ans Licht gesagt, dass ich nicht wollte, dass er mit Mr. Bob mitgeht.

Er durfte Hallo zu ihm sagen und ihm ein High five geben. Doch wenn Mr. Bob ihn irgendwohin mitnehmen wollte, sollte er immer bei seiner Mama bleiben.

Inzwischen sind meine Kinder älter und wir versuchen sie über gewisse Grenzen aufzuklären, um dadurch sexuellem Missbrauch durch Erwachsene oder auch durch andere Kinder vorzubeugen.

Außerdem erklären wir ihnen, dass es auf der Welt auch Böses gibt. Sie wissen, dass manche Menschen psychisch krank sind und dass ihre Erkrankung sie dazu bringt, anderen Menschen zu schaden. Und wir sagen ihnen, dass man oft erst im Nachhinein erfährt, wer gut ist und wer nicht.

3) Vergesst eure Klischeevorstellungen

Ehrlich gesagt war mein Bild von Triebtätern vor diesem Erlebnis rein von Filmen und vom Fernsehen geprägt. Doch offensichtlich lauern die meisten Täter nicht in Lieferwägen mit getönten Scheiben vor dem Schulhof darauf, ein Kind zu entführen.

Dieser Mann ging in die Kirche, er hatte einen Job, er war verheiratet, er hatte zwei eigene Kinder und er nahm gemeinsam mit unserer Familie an ganz normalen Aktivitäten teil.

Triebtäter können überall lauern. Man kann sie in seiner Kirchengemeinde antreffen oder in der Schule seines Kindes. Sie können Trainer oder Musiklehrer sein. Sie können Babysitter sein. Sie können Familienmitglieder sein.

Wenn wir uns klarmachen, dass Triebtäter mitten unter uns leben und arbeiten, dann bemühen wir uns wahrscheinlich mehr, uns selbst und unsere Kinder aufzuklären, um dadurch sexuellem Missbrauch vorzubeugen.

4) Achtet auf eure eigenen Schwachstellen

Hört mir jetzt bitte gut zu. Triebtäter beobachten uns sehr genau. Sie sind Teil unseres Lebens. Sie beobachten uns und versuchen, unsere Schwachstellen herauszufinden.

Als Bob sich unserer Familie näherte, war ich noch eine sehr unerfahrene Mutter. Ich musste mich erst an das Leben mit einem Kleinkind und einem Neugeborenen gewöhnen. Ich war erschöpft. Bob bot an, mich zu entlasten – er wollte mir helfen.

Er tauchte immer genau zum richtigen Zeitpunkt auf und übernahm freiwillig Aufgaben, die mir sonst keiner abnahm.

Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass ein Triebtäter an eure Haustür klopft und eure Kinder mitnimmt. Triebtäter lassen sich Zeit und dringen immer weiter in unser Leben ein. Sie bauen Beziehungen auf und erkämpfen sich Vertrauen, bevor sie irreparable Schäden anrichten.

Ich misstraute Bob, doch was, wenn ich das nicht getan hätte? Was, wenn ich unter noch stärkerem Druck gestanden hätte? Was, wenn ich eine alleinerziehende Mutter gewesen wäre, oder wenn ich nicht genug Hilfe von anderen bekommen hätte? Was, wenn ich krank oder pleite gewesen wäre? Hätte ich dann vielleicht doch schneller nachgegeben?

Es stimmt, dass Missbrauch sich über alle sozioökonomischen Grenzen hinwegsetzt. Doch Menschen, die nicht genug Unterstützung bekommen und denen zu wenig Mittel zur Verfügung stehen, könnten schneller zum Opfer werden.

Wenn man sich seiner eigenen Schwachstellen bewusst ist, kann man sich durch erhöhte Aufmerksamkeit vor potenziellen Gefahren schützen.

Ich will etwas bewegen

Ich will diesen Vorfall nicht einfach nur als eine Situation sehen, aus der wir mit einem blauen Auge davongekommen sind – damals, als wir gerade noch verhindern konnten, dass unser Kind sexuell missbraucht wird.

Ich will dieses Ereignis zum Anlass nehmen, um meine Familie aufzuklären und sie vor anderen Triebtätern zu schützen. Und ich will, dass auch ihr das für eure Familie tut.

Ganz egal, wie unbequem das auch sein mag. Wir Bezugspersonen müssen gegenseitig Augen und Ohren offen halten. Wir müssen auf Menschen oder Situationen achten, die möglicherweise eine Gefahr für unsere Kinder darstellen könnten.

Wir müssen bereit sein, aufeinander zuzugehen. Wir müssen bereit sein, zuzuhören und die Bedenken anderer mit einem Gefühl von Offenheit und Zusammengehörigkeit aufzunehmen.

Nicht alle Fälle von Kindesmissbrauch können von Erwachsenen verhindert werden. Doch wenn die Bezugspersonen der Kinder auf der Hut sind und gut aufpassen, können sie das Zuhause und das Umfeld ihrer Kinder sicherer machen.

***

Ich sehe meinen ältesten Sohn an, der nun fast sieben Jahre alt ist. Er ist freundlich, wissbegierig und unschuldig. Er hat lange Wimpern und wenn er lacht, strahlt er bis über beide Ohren.

Ich sehe ihn noch immer vor mir, damals, als er zwei Jahre alt war. Er hatte eine rote Baseballmütze auf und er rannte bei diesem Sommerpicknick unbeholfen über die Hackschnitzel am Spielplatz.

Ich sehe auch mich selbst noch vor mir, wie ich dastand und mein Baby in einer Trage umgeschnallt hatte. Ich war müde und schwitzte. Meine Kaiserschnittwunde war noch nicht richtig verheilt. Doch ich liebte meine Jungs über alles.

Ich sehe meinen Sohn, wie er sich nach vorne beugt und etwas auf dem Boden betrachtet. Er hebt ein dickes Hackschnitzel auf und dreht es zwischen seinen langen Fingern herum. Dann lässt er durch die Luft schwirren und macht dabei mit seinen feuchten Lippen Brummgeräusche.

Ich kann mich nicht daran erinnern, ob in diesem Augenblick jemand neben mir stand – ob ich mich mit einer anderen Mama unterhalten habe oder ob ich allein dastand. Ich weiß nicht mehr, wohin ich mich gesetzt hatte, als es an der Zeit war, das Baby zu stillen.

Ich weiß nicht mehr, ob es beim Picknick auch Kartoffelsalat gab oder wer beim hinter mit stattfindenden Hufeisenwerfen gewonnen hatte.

Ich weiß nicht, ob auf diesem lauten Spielplatz sonst noch jemand auf meinen Sohn Acht gab. Doch ich danke Gott jeden einzelnen Tag dafür, dass ich damals auf ihn Acht gegeben habe.

Dieser Blog ist ursprünglich bei Her View From Home erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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