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Wie ein 29-Jähriger mit dem Grundeinkommen die Armut in Europa besiegen will

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KOVCE
Ralph Boes
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Für seine Kritiker ist Philip Kovce ein Mann, der seit Jahren für eine gefährliche Utopie kämpft. Seine Anhänger glauben, dass Kovce mit seinem Projekt die Armut besiegen kann.

Kovce, Ökonom und Philosoph, gründete eine Initiative in der Schweiz, die eine Volksabstimmung über das Grundeinkommen durchgesetzt hat. Kommt sie durch, wäre es wohl der Start für den größten ökonomischen Bruch auf dem Kontinent seit Einführung der sozialen Marktwirtschaft.

Am 5. Juni stimmt das Land darüber ab, ob jeder Schweizer monatlich einen bestimmten Betrag erhält - ohne dafür arbeiten zu müssen.

Im Gespräch sind 2.500 Franken - im Gegenzug werden alle Sozialleistungen gekürzt. Auf deutsche Kaufkraft umgerechnet wären das etwa 1.500 Euro. Die Kosten eines solchen Grundeinkommens für den Staat: rund 1,3 Billion Euro; selbst wenn Kinder nur die Hälfte erhalten. Ein gewaltiger Betrag.

Kein Wunder, dass viele Experten das Grundeinkommen für das riskante Hirngespinst von ein paar Träumern halten. Es könnte zu einer Hyperinflation führen (also zu einer massiven Geldentwertung), warnen die einen. Es könnte die Menschen auch faul machen, sagen die anderen.

Der Tenor ist dabei immer: Es wäre geradezu töricht, das Grundeinkommen umzusetzen - es würde eine wohlhabende Gesellschaft in Chaos und Armut stürzen.

Allerdings lässt sich weder berechnen noch seriös vorhersagen, was das Grundeinkommen tatsächlich bewirkt. Das machen Experimente in Finnland, wo die Idee bald eingeführt wird, oder eben in der Schweiz, so spannend.

"Wollen Grundlage für die künftige Leistungsgesellschaft schaffen"

Diese Länder machen sich zum Labor für eine Idee, die zumindest theoretisch das Potential hat, Europa grundlegend zum Besseren zu verändern. Und auf die manche Ökonomen schon Jahrhunderte warten; denn die Idee stammt ursprünglich aus dem 16. Jahrhundert.

grundeinkommen
"Freiheit für Geld"

Befürworter wie der Schweizer Kovce sehen im Grundeinkommen ein Allheilmittel gegen fast alle Probleme unserer Zeit: Armut, Hunger, Verschuldung, Stress, Obdachlosigkeit, Unterbezahlung.

“Die Zeit ist reif für das Grundeinkommen. Wir wollen die Grundlage für die zukünftige Leistungsgesellschaft schaffen”, sagt Kovce im Gespräch. Unsere Gesellschaft fuße auf Annahmen des Industriezeitalters, die nicht mehr zeitgemäß seien, glaubt er.

Damit hat er einen Punkt.

Roboter und Computer ersetzen Menschen an ihren Arbeitsplätzen. Sie kosten weniger und können mehr. Das Weltwirtschaftsforum rechnet aus, dass bis 2020 fünf Millionen Jobs weltweit durch die Digitalisierung überflüssig werden.

"Maschinen werden Jobs übernehmen"

Die digitale Revolution vernichte Routinejobs - “alles, was ausgerechnet werden kann, wird automatisiert werden.” Es blieben ausschließlich Jobs, bei denen menschliche Fähigkeiten gefragt seien - etwa in Schulen, Pflegeheimen oder im Krankenhaus.

“Diese Aufgaben werden wir nur dann gut erfüllen, wenn wir sie freiwillig ergreifen. Die Arbeit wird umso besser, je mehr wir uns dafür begeistern. Wer nur arbeitet, um über die Runden zu kommen, ist nicht wirklich leistungsfähig”, sagt Kovce.

Kovce ist mit diesen Ideen kein verrückter Einzelkämpfer. Er hat prominente Fürsprecher. Telekom-Chef Timotheus Höttges und dm-Gründer Götz Werner gehören dazu. SAP-Vorstand Tim Leukert sagt gar, dass ohne das Grundeinkommen die Gesellschaft zusammenbrechen werde.

"Kein Lottogewinn"

Und auch in der Bevölkerung gewinnt das Grundeinkommen immer mehr Anhänger. Sprachen sich laut einer "Yougov"-Umfrage 2015 nur 16 Prozent der Deutschen dafür aus, war es 2016 schon mehr als jeder Vierte. In Europa sind es gar 60 Prozent der Bürger, die ein Grundeinkommen befürworten.

Auf den ersten Blick ist das erstaunlich wenig Zustimmung für eine Idee, die man auch als Megageschenk verstehen kann. 1.500 Euro für lau - wer sagt da nicht nein?

Tatsächlich ist die Idee nicht nur ein Geschenk - “kein Lottogewinn”, wie Kovce sagt. Überraschenderweise sieht er Herausforderungen in seinem Vorschlag, die andere Kritiker sonst nicht nennen.

"Werden Probleme sehen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können"

“Mit einem Grundeinkommen werden wir Probleme sehen, von denen wir heute noch keine Vorstellung haben. Die Frage nach Sinn und Orientierung im Leben wird in den Vordergrund treten”, sagt Kovce.

Das Grundeinkommen bedeute Freiheit in einem Maße, das neu für unsere Gesellschaft sei - als ein “emanzipatorisches Projekt” beschreibt es der Ökonom. Etwa bei der Frage, welchen Beruf man ergreife, wenn man kein Einkommen benötige. Oder, wann man in Rente gehe.

Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit würde sich völlig auflösen. “Wir müssen uns nicht mehr künstlich motivieren - es besteht kein Grund mehr, einen Job zu erledigen - außer, dass er sinnvoll ist”, sagt Kovce.

Dass das Thema mittlerweile nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen westlichen Industrieländern wie Deutschland, Finnland, Kanada oder den USA diskutiert wird - “das ist bereits ein Erfolg. Egal, wie die Schweizer Volksabstimmung ausgeht”, sagt Kovce.


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößern sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder aus sozial schwachen Familien haben niemanden, der sich um ihre alltäglichen Sorgen kümmert. Ein Blick auf die Hausaufgaben, Konflikte mit Freunden - oder Gesundheitsprobleme: In dem Münchner Projekt Lichtblick Hasenbergl unterstützen Pädagogen junge Menschen bei all diesen Fragen. Hier erfahrt ihr mehr zu der Initiative.

In Ruanda haben 400.000 Kinder keine Chance auf einen Platz in der Schule; besonders Waisen und Mädchen sind benachteiligt. Das Projekt "Schulen für Afrika" von Unicef ermöglicht tausenden Kindern den Zugang zu Bildung. Hier könnt ihr die Initiative unterstützen.

Ein zuverlässiges Transportmittel kann für Menschen in einem Entwicklungsland alles verändern. World Bicycle Relief stattet Menschen in ländlichen Regionen Afrikas mit Fahrrädern aus und schenkt ihnen damit ein großes Stück Lebensqualität. Hier geht es weiter zu diesem faszinierenden Projekt.