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Willkommensklasse: So bewältigt eine Berliner Schule die Integration von Flüchtlingskindern

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Kassem nimmt einen gelben Stift in die Hand und malt drauf los. Er bemalt das T-Shirt des Jungen auf dem Papier und dessen Arme auch gleich mit. „Halt, du solltest nur das T-Shirt anmalen, Kassem!“ Seine Lehrerin Anna Schuhmacher zeigt ihm, was sie meint.

Schuhmacher unterrichtet eine Willkommensklasse an der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule in Berlin. Die Willkommensklassen sind das Kernstück des Berliner Konzepts, um die vielen Flüchtlingskinder an den Schulen zu integrieren. Das Beispiel der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule soll zeigen, wie gut das in der Praxis funktioniert, welche Probleme sich dabei ergeben können und was Deutschland davon lernen kann.

So leben die Kinder in Schuhmachers Klasse erst seit ein paar Wochen oder Monaten in Deutschland, sie sind etwa sechs, sieben Jahre alt. Die Lehrerin soll sie fit machen für die normale erste Klasse - für den Regelunterricht, wie es im Beamtendeutsch heißt.

„Die Kinder lernen sehr schnell“

Das bedeutet: Die Kinder sollen so viel Deutsch lernen, dass sie zum Beispiel Farben und Gegenstände benennen können.

Und manche müssen neben der fremden Sprache auch noch lernen, was Kinder in dem Alter sonst schon können. Wenn sie Kind sein dürfen.

"Auf der langen Flucht haben manche nie lernen können, wie man ein Bild malt", sagt Schuhmacher.

Die Lehrerin geht dabei nicht ins Detail. Aber es schwingt so viel mit in diesem Satz. Mitgefühl für die Kinder, die die oft beschwerliche Flucht aus ihrer Heimat überstehen mussten. Sorge, wie die Kinder das wegstecken werden. Und Hoffnung, weil die Kinder sich so unglaublich schnell entwickeln - denn "sie lernen sehr schnell", sagt Schuhmacher.

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Maddin aus der Willkommensklasse zeigt stolz das Bild, das er ausgemalt hat

Fließender Übergang in die Regelklassen

Die Bruno-H.-Bürgel-Grundschule zählt zu den Berliner Schulen mit dem höchsten Anteil an Willkommensklassen: Vier Klassen mit je zwölf Schülern zwischen sechs und vierzehn Jahren werden dort unterrichtet. Die 48 Kinder machen insgesamt zehn Prozent der gesamten Schülerschaft der Schule aus. „Der Durchsatz ist allerdings hoch“, sagt Schuldirektor Jens Otte.

Sobald ein Schüler gut genug sei, um in eine Regelklasse zu wechseln, besuche er in seinen Lieblingsfächern eine passende Klasse und bekomme zusätzlich Unterricht.

Nach ein paar Wochen können die Kinder dann ganz in die Regelklasse wechseln. Ein fließender Übergang ist Otte wichtig, damit die Schüler erst einmal Erfolgserlebnisse in den Regelklassen haben und sich an die neuen Anforderungen gewöhnen können.

„Normalerweise können die Kinder nach einem Jahr ganz in eine Regelklasse wechseln – es kann aber auch sein, dass sie schon viel früher dafür bereit sind", erzählt Konrektor Lutz Bassin.

Katja ist in Mathematik schon besser als die deutschen Schüler

Denn manche Schüler lernen sehr schnell - wie Katja, die erst seit ein paar Wochen in die Berliner Willkommensklasse geht. Trotzdem ist sie in Mathematik schon weiter als ihre deutschen Altersgenossen. Und beim Deutschlernen holt sie sehr schnell auf.

Das Mädchen, das aus der Ukraine stammt, lernt fleißig und kann schon bald komplett in eine Regelkasse wechseln, wie ihre Lehrerin Vesselka Kanchevska stolz berichtet. „Es gefällt mir hier“, bestätigt Katja und lächelt. Sie steht neben ihrer Lehrerin und blickt schüchtern auf den Boden.

Es ist Pause, die meisten Kinder spielen draußen Fußball, aber Katja hält sich von den spielenden Kindern fern und wartet zusammen mit Kanchevska neben dem Spielfeld - bis Christian kommt. Auch er stammt aus der Ukraine, geht aber schon in eine Regelkasse. Er hat Katja geholfen, als sie neu in die Schule gekommen ist.

"In der Pause merkt man, dass die Schüler aus den gleichen Ländern am liebsten miteinander spielen", sagt Lehrerin Kanchevska. Sie unterrichtet die älteren Schüler der Willkommensklassen – sie sind im Schnitt zehn bis 13 Jahre alt.

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Katja lernt schnell - und wird dabei von ihren Mitschülern Iwan und Christian unterstützt, die schon von der Willkommensklasse in eine Regelklasse gewechselt sind

Acht Schüler aus acht Ländern

In Kanchevskas Klasse sitzen acht Kinder aus acht Ländern. Sie wollen zu Beginn des Unterrichts erst einmal ein Lied singen – und das tun sie dann auch voller Eifer. Manche müssen dabei auf den Text schauen – andere können schon alles auswendig.

Danach sollen die Schüler ein Gedicht aufsagen, das sie gestern zum Auswendiglernen bekommen haben. Jeder sagt schnell seine Strophe auf, reiht Wort an Wort aneinander: „Wir wollen einander verstehen, miteinander lernen“, trägt ein Schüler vor, manchmal fallen sie sich gegenseitig ins Wort, wenn einer ins Stocken gerät - sie wollen zeigen, dass sie es schon gelernt haben, wollen sich beweisen. Das Gedicht soll Teil des Programms eines Fests Ende Mai werden, bei dem die Willkommensklassen zeigen wollen, wie gut sie schon Deutsch sprechen können.

„Ich dachte nicht, dass sie das Gedicht auf einen Tag lernen werden“, sagt die Lehrerin stolz. „Die Kinder sind sehr motiviert, muss ich sagen. Sie sind wirklich froh und dankbar, hier sein zu können, in Deutschland."

Die homogene Klasse ist unkonzentrierter

Etwas lauter dagegen ist es in der Parallelklasse: Hier rutschen die Schüler unruhig auf den Stühlen hin und her und tuscheln miteinander. Ein Mädchen flüstert immer wieder etwas auf Arabisch - daraufhin kichert die ganze Klasse und bricht schließlich in Gelächter aus. Ihre Lehrerin Malgorzata Filipiak-Harrison schüttelt verärgert den Kopf: „Sie sind so unkonzentriert, das Problem hatte ich vorher noch nie.“

Sie glaubt auch, den Grund dafür zu kennen: Die Klasse ist nicht so heterogen wie Kanchevskas Klasse, in der die Kinder aus verschiedensten Ländern kommen – bei ihr stammen fast alle Kinder aus einem Land, nämlich Syrien. Um mit ihren Mitschülern sprechen zu können, müssen sie also kein Deutsch verstehen. Sie flüstern auf Arabisch miteinander und schenken Filipiak-Harrison wenig Aufmerksamkeit - sie fühlen sich sicher, weil die Lehrerin ihre Sprache nicht versteht.

Sie zeigt einen Zettel, auf den sie ein paar arabische Wörter geschrieben hat. "Damit ich ein bisschen was verstehe und etwas auf Arabisch sagen kann", erklärt sie. Der Großteil ihrer Schüler ist erst vor Kurzem in Deutschland angekommen und muss viel lernen.

Auf die Mischung kommt es an

Denn so sehr Mitschüler und Freunde aus dem gleichen Land Ansporn sein können - wie bei Katja -, so können sie auch ein Hemmnis sein, die deutsche Sprache zu lernen, wenn sie eine bestimmte Anzahl überschreiten. "Das ändert sich aber, sobald sie in eine Regelklasse kommen", sagt Filipiak-Harrison mit hochgezogenen Augenbrauen. Dann ist die überwiegende Mehrheit der Klassenkameraden deutschsprachig.

Schuldirektor Otte will, dass das auch so bleibt: Er wünscht sich, dass der Anteil der Willkommensklassen nicht übermächtig wird. Dies sei wichtig, damit die Integration gut funktioniere.

Bis dahin muss Filipiak-Harrison ihre Rasselbande bändigen. Die Lehrerin schafft es schließlich, die Klasse zu beruhigen, indem sie ihnen Karten zeigt, auf denen Gegenstände abgebildet sind, die die Kinder benennen müssen – mit dem passenden Artikel. „Der Tisch, der Stuhl, die Schuhe“, rufen die Kinder.

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Lehrerin Filipiak-Harrison lässt ihre Schüler Begriffe raten

„Professionelle Unterstützung wäre wünschenswert“

Insgesamt ist Jens Otte sehr zufrieden mit seinen Willkommensklassen. „Wir erhalten viel Unterstützung, auch finanziell“, lobt der Schuldirektor. Die kann er auch brauchen: Immerhin wird die Integration der mehreren hunderttausend Flüchtlingskindern vor allem über die Schulen funktionieren müssen.

Die Bundesländer unternehmen deshalb gewaltige Anstrengungen, um zusätzlich Personal und Räume zu schaffen - viel Lob von Bundeskanzlerin Angela Merkel erhielt dabei vor allem Berlin mit seinem Konzept der Willkommensklassen. In der Hauptstadt unterrichtet beinahe jede dritte Schule Flüchtlingskinder in den gesonderten Klassen mit intensivem Deutschunterricht.

Bisher mit Erfolg - laut Otte: Die Kinder aus den Willkommensklassen würden sich gut integrieren. “Viele sind mit Begeisterung dabei, ein großer Teil kommt gern und zuverlässig“, sagt Otte. Die Schüler aus den Regelklassen nähmen die Neulinge gut auf und auch die Eltern seien offen.

Allerdings wünscht sich der Schuldirektor mehr personelle Unterstützung. Zum Einen bräuchten sie professionelle Hilfe bei der Verwaltung - denn die Willkommensklassen bedeuten zusätzlichen Aufwand – „Dolmetscher für die Eltern, Extrastunden für die Schüler sowie Überprüfung der Dokumente bei der Einschulung – das alles kostet Zeit, in der ich nicht unterrichten kann“, sagt Konrektor Bassin, der sich um die Verwaltung der Willkommensklassen kümmert.

Aber auch speziell ausgebildete Lehrkräfte, die sich zusätzlich um ältere Schüler kümmern könnten, die „noch nicht alphabetisiert sind“ – also weder lesen noch schreiben können - wären der Schulleitung wichtig.

Die Kinder freuen sich auf die Lesepatin

Immerhin eine Form zusätzlicher Unterstützung kommt in die Klasse von Schuhmacher: Mit leuchtenden Augen begrüßen die jüngeren Schüler eine Dame, die vor Unterrichtsbeginn noch den bunten Klassenraum betreten hat: Evelyn Kulzer. Sie ist ehrenamtliche Lesepatin.

Die Kleinen reißen sich darum, mit ihr lesen zu dürfen. „Ich will, ich will“, betteln sie bei der Lehrerin, um eine kurze Zeit mit Kulzer in einen Extraraum zu gehen und ein Buch zu lesen. „Ich mache das mit Freude“, erzählt Kulzer strahlend. „Die Kinder wollen alle so gerne lesen.“

Die Begeisterung der Kinder ist beeindruckend: Bei soviel Freude an der deutschen Sprache und dem Lesen sieht man den Willen, in der neuen Heimat wirklich ankommen zu wollen.

fussball

Die Schüler der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule beim Fußballspielen


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