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Nordafrika: Studie stößt auf einen Grund für Flüchtlingsströme, mit dem niemand rechnet

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STUDENTS LIBYA
Schulbücher werden an libysche Kinder verteilt | Esam Al-Fetori / Reuters
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  • Flüchtlinge suchen sich immer neue Routen, um nach Europa zu kommen
  • Vor allem junge Menschen machen sich auf den Weg
  • Forscher sehen den Grund in einer besseren Bildung der Menschen

Ein neuer Zustrom von Flüchtlingen kündigt sich an - diesmal aus Libyen über das Mittelmeer. Internationale Rettungskräfte haben am Dienstag erneut etwa 3000 Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet. Schon am Montag wurden 2000 Menschen aufgegriffen. Am Samstag zuvor waren es 4300 gewesen.

Nach Ansicht von Forschern des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung wird diese Entwicklung sich auch in der Zukunft fortsetzen. Denn die sogenannte Mena-Region (eine Abkürzung für "Middle East and North Africa"), die Nordafrika, den Nahen Osten und die Golf-Staaten um das Arabischen Meer umfasst, gehört zu den instabilsten der Welt.

Aber warum?

Die Autoren der Studie "Krisenregion Mena" wollen jetzt ein Paradoxon als den Grund für die wirtschaftliche und politische Instabilität ausgemacht haben.

Demnach führt eine Entwicklung zu mehr Instabilität, die in anderen Regionen eigentlich zu Wirtschaftswachstum und Frieden führt: Immer mehr junge Menschen verlassen die Schulen und Universitäten mit einem Abschluss.

Was in anderen Ländern zu Wohlstand führt, löst in Nordafrika Krisen aus

Viele junge Erwachsene mit einer Ausbildung - das ist das, wovon die meisten Regierungen träumen. Mehr Bildung führt zu wirtschaftlichem Wachstum und sozialem Frieden - was wiederum zu mehr Jobs führt. Als Beispiele einer solchen positiven Entwicklung nannten die Autoren die asiatischen Tigerstaaten und Lateinamerika.

In der Mena-Region führt diese Entwicklung jedoch in einen Albtraum. Denn die Länder sind nicht in der Lage, diese Menschen mit Jobs zu versorgen. In diesen Ländern wachse die Bevölkerung im Erwerbsalter schneller als die Zahl der Arbeitsplätze, so die Autoren.

"Der Region fehlt es an einem praxisnahen Bildungssystem und an Privatunternehmen, die ausreichend Arbeitsplätze schaffen könnten", schreiben die Autoren.

"Das versteht man einfach nicht"

Warum die Länder daran scheitern, Bildung in mehr Wohlstand zu verwandeln, können die Autoren auch nicht erklären. "Das versteht man einfach nicht", sagt einer der Autoren der Studie gegenüber der "Welt".

Nach Angaben der Autoren haben nur 40 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter in der Mena-Region eine Arbeit, obwohl oft mehr als ein Drittel einen höheren Schulabschluss oder eine Hochschulausbildung habe.

Eine große Zahl junger, gebildeter Menschen ohne Job und Perspektive - das ist das Rezept für Aufstände, Konflikte und Bürgerkriege. Besonders gefährdet seien die Staaten Algerien, Iran, Irak, Jordanien, Libanon, Libyen, Marokko, Oman, Palästina, Syrien, Tunesien, Ägypten und der Jemen.

Die Studie sieht für die Unfähigkeit dieser Länder, Bildung in Wirtschaftswachstum zu verwandeln, drei Gründe.

Erstens:
Zwar haben mehr junge Menschen in diesen Ländern einen Abschluss - doch oft genügt diese Ausbildung nicht, um einen Beruf zu ergreifen. Mathematik-, Lese- oder Problemlösungskompetenzen seien mangelhaft. Praktische Berufsausbildungen spielen oft keine Rolle.

Zweitens: Es fehlt an Unternehmertum. In den Mena-Ländern gebe es kaum erfolgreiche, kleine und mittelständischen Firmen, die als Job- und Wachstumsmotoren dienen.

Drittens: Frauen haben trotz häufig guter Qualifikation am Arbeitsmarkt keine Chance. Nicht einmal jede dritte Frau zwischen 25 und 34 Jahren geht einer bezahlten Arbeit nach oder sucht eine solche. Damit verspielen diese Länder ein enormes wirtschaftliches Potential.

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Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, hält es daher für möglich, dass die sozialen und politischen Konflikte weiter zunehmen: "Laut aktuellen Prognosen drängen in den kommenden 15 Jahren jährlich fast fünf Millionen zusätzliche Kräfte auf den Arbeitsmarkt der Mena-Region."

Die Lösung ist mehr Bildung - aber die richtige

Eine weitere Besonderheit macht diese Entwicklung in den Mena-Ländern so problematisch. In der Regel führt ein höherer Bildungsstand zu einem langsameren Bevölkerungswachstum. Gebildete Menschen entscheiden sich meist dafür, weniger Kinder zu bekommen - nicht so in Nordafrika und dem Nahen Osten.

Klingholz ist der Ansicht, dass diese Entwicklung auch uns in Europa betrifft. Die Antwort sei nicht weniger Bildung, sondern mehr von der richtigen, praktischen Bildung, die es jungen Menschen ermögliche, einen Job zu ergreifen.

"Wenn es nicht gelingt, diesen Menschen eine Perspektive auf einen Arbeitsplatz zu bieten, dürften die Flüchtlingszahlen aus der Region langfristig wieder ansteigen. Schlimmstenfalls könnten sich die Konflikte der Mena-Länder teilweise sogar nach Europa verlagern.“

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