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Künstlerin filmt sich selbst beim Sex mit einem Fremden, um ein Zeichen zu setzen

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SOPHIA HEWSON
Künstlerin filmt sich selbst beim Sex mit einem Fremden, um ein Zeichen zu setzen | Sophia Hewson/Mars Gallery
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In ihren Arbeiten befasst Sophia Hewson sich vorwiegend mit "der Idee, dass es sich bei einer Vergewaltigung nicht nur um einen ungewollten Sexualakt handelt."

Warnung: In diesem Artikel geht es um ein sensibles Thema. Bitte mit Bedacht lesen.

Die neueste Arbeit der australischen Künstlerin Sophia Hewson wird als selbstinszenierte "Darstellung einer Vergewaltigung" beschrieben.

Das Video enthält keine Nacktszenen

Das in New York gedrehte dreiminütige Video zeigt eine nicht fingierte Sexszene zwischen Hewson und einem "Fremden" in ihrer Stadtwohnung. Obwohl die Kamera hauptsächlich auf das Gesicht der Künstlerin gerichtet ist, sind kurzzeitig auch immer wieder die Arme des Mannes zu sehen. Der Mann hält Hewsons Schultern fest oder drückt auf eine bestimmte Art gegen ihr Gesicht, die darauf schließen lässt, dass es sich um einen sexuellen Übergriff handelt. Das Video enthält keine Nacktszenen.

"Bei der Darstellung der Vergewaltigung einer Frau hält diese dabei meist ihren Kopf nach unten gesenkt und sie wendet ihren Blick ab", erklärt Hewson in ihrer Stellungnahme zu dem Werk. "Der eindringlichste Aspekt des Werkes 'Untitled (are you ok bob?)' ist die Tatsache, dass man nicht nur einfach dabei zusieht, wie eine Frau geschlagen oder vergewaltigt wird, sondern dass die Zuschauer der Frau während der Vergewaltigung direkt in die Augen schauen müssen. Gebannt von ihrem starren Blick werden die Zuschauer nicht nur Zeuge ihrer Subjektivierung, sondern sie erleben ihre Verzweiflung auch hautnah."

"Wer benutzt hier eigentlich wen?"

Der Name des Videos lautet "Untitled (are you ok bob?)" und bezieht sich auf die ersten Worte der Künstlerin nach dem "Akt". Diese Aussage war nicht geplant und sie richtet sich an Bob, das Pseudonym des Fremden aus dem Video. "Ich wollte mit diesem Titel verdeutlichen, dass das Ereignis inszeniert worden ist – wer benutzt in dieser Situation eigentlich wen? Außerdem wollte ich darauf aufmerksam machen, dass Frauen noch immer darin bestärkt werden, das emotionale Wohlbefinden anderer vor ihr eigenes zu setzen", fügt Hewson hinzu.

Obwohl die Künstlerin kein Interview geben wollte, hat die Huffington Post von der Mars Gallery in Melbourne eine Stellungnahme der Künstlerin zu ihrem Werk und Standbilder aus dem Video erhalten. Das Video ist noch bis zum 2. Juni im Rahmen einer Ausstellung in der Mars Gallery zu sehen.

Vergewaltigung ist nicht nur ein ungewollter Sexualakt

In ihrer Stellungnahme geht die Künstlerin auch auf Audrey Wollens "Sad girl theory" ein, die davon ausgeht, dass der Schmerz und das Leiden von Frauen als "Instrumente des Widerstands und für politische Aktivitäten" verwendet werden können.

Außerdem nimmt Hewson auch Bezug auf die ökofeministische Autorin Susan Griffin, indem sie deren Bemühungen hervorhebt, sich nicht nur durch Darstellungen von Vergewaltigungen mit dem Thema auseinanderzusetzen, sondern auch, indem man andere Frauen wie Sylvia Plath oder Lana Del Rey würdigt, die den Status quo bewusst zum Bröckeln gebracht haben, indem sie ihren eigenen Schmerz zum Ausdruck gebracht haben".

"Bei dieser Arbeit geht es vor allem um die Idee, dass es sich bei einer Vergewaltigung nicht nur um einen ungewollten Sexualakt handelt, sondern dass Vergewaltigungen die Grundlage für den Erhalt des Patriarchats an sich sind. Und deshalb sind Vergewaltigungen das wichtigste Schlachtfeld im Kampf um die abnehmende Macht der Männer", fährt Hewson in ihrer Stellungnahme fort.

"Wenn Vergewaltigungen die stärkste Waffe im Kampf um die Vorherrschaft der Männer sind, dann kann man die Waffen der Männer unschädlich machen, indem man nicht zulässt, dass man durch dieses Ereignis dauerhaft beeinflusst wird. Die Entscheidung, sich selbst in diese Situation zu begeben und (wenn auch nur symbolisch) darzustellen, wie eine Frau die Szene aus 'Untitled (are you ok bob?) durchstehen muss, ist konzeptionell sehr herausfordernd, weil es eine Gefahr für unsere Annahme, dass die Macht der Männer unantastbar sei, darstellt. Und nach der Ideologie des Patriarchats ist das der schlimmstmögliche Angriff überhaupt."

Die Künstlerin hatte ihr Video gegenüber der australischen Tageszeitung "The Sydney Morning Herald" als "militanten Feminismus" beschrieben. Die Reaktionen auf dieses Video reichten von neutraler Berichterstattung bis hin zu unverhohlener Kritik.

"In unserer heutigen Zeit besteht ein unstillbares Verlangen nach Anzüglichkeiten und Skandalen, oder einfach nach unfassbar traurigen Geschichten", schrieb Kath Kenny als Reaktion auf Hewsons Arbeit für The Sydney Morning Herald. "In diesem Zeitalter, in dem wir uns komplett entblößen, nur um Aufmerksamkeit zu erregen, muss man Geschichten veröffentlichen, die entweder schlüpfrig oder traumatisierend sind oder eine wirre Mischung aus beidem darstellen. Wir haben eine Aufmerksamkeitsökonomie erschaffen, die den Menschen, allen voran jungen Menschen und Frauen, weismacht, dass das Schlimmste, was ihnen jemals passiert ist, zugleich das Interessanteste und Wertvollste an ihnen ist."

Entsetzte Reaktionen

In ihrer ausführlichen Stellungnahme nimmt Hewson auch die "entsetzten" Reaktionen auf das Thema Vergewaltigung vorweg. Sie fügt hinzu, dass es bei dieser Art von Reaktion "nicht nur darum geht, die Seuche auszurotten, denn wenn dem so wäre, würden daraufhin Gesetzesreformen entstehen, in der Politik würde dieses Thema stärker priorisiert werden und es gäbe echte Hilfen für Opfer. Für das Patriarchat ist es äußerst wichtig, dass das Thema Vergewaltigung ein Tabu bleibt, denn wenn der Akt entmystifiziert würde, wäre das Thema weniger mit Scham behaftet und es würde dadurch die Angst verschwinden, die benötigt wird, um die Mehrheit zu unterdrücken."

Ihren Kritikern setzt Hewson die folgenden Anmerkungen zu ihrem Video entgegen (am Ende des Artikels befindet sich ein Link zu den kompletten Anmerkungen der Künstlerin):

1. Die Erfahrung eines Mannes, der vergewaltigt wird, ist deshalb nicht enthalten, weil [ich] durch das Bild einer Frau, die vergewaltigt wird, die Unterdrückung von Frauen darstellen will.

2. Wenn ich mich mit "sich aufopfernden Frauen" auseinandersetze, beziehe ich mich nicht auf alle Frauen. Ich beziehe mich auf den sozialen Druck, der auf Mütter und oft auch auf Frauen ausgeübt wird / Männer können ebenfalls ein "selbstaufopferndes" emotionales Erbe von Generation zu Generation übermittelt bekommen (obwohl dies weniger selten vorkommt und es nicht auch noch zeitgleich durch sozialen Druck verstärkt wird).

3. Ich hatte noch nie Vergewaltigungsfantasien und ich habe die Produktion der Arbeit nicht körperlich genossen.

In den Medien wurden bereits Parallelen zwischen Hewsons Video und dem Projekt "Carry That Weight" der ehemaligen Columbia-University-Studentin und Künstlerin Emma Sulkowicz gezogen.

Das Projekt ist auch unter dem Namen "the Mattress Performance" bekannt. Die Künstlerin hatte eine 50 Pfund schwere Matratze mit sich herumgetragen, weil sie gegen sexuellen Missbrauch auf dem Campus protestieren wollte. Der Künstler Clayton Pettet hatte 2013 angekündigt, dass er echten Sex in einer Galerie inszenieren wolle, um damit das heteronormative Stigma um das Thema Jungfräulichkeit infrage zu stellen (obwohl es bei der Umsetzung des Projektes keinen Analverkehr gab, wie die Interessenten von Pettets Werk womöglich erwartet hatten).

Die Videos der Künstlerin kann man nur in einer Galerie

Die 31-jährige Hewson arbeitet bereits seit fast zehn Jahren als Künstlerin. In dieser Zeit hat sie schon eine polygame Mormonengemeinde besucht, Straßenprediger interviewt und sich für verschiedene Projekte mit Pornostars getroffen. Aufgrund eines sechsmonatigen Stipendiums der Non-Profit-Organisation Residency Unlimited hat sie in New York gelebt. Hier findest du weitere Arbeiten der Künstlerin.

Da Sophia Hewson sich in dieser Arbeit mit einem sehr sensiblen Thema befasst, kann man sich ihr Video nur in der Mars Gallery ansehen und es wird nicht im Internet veröffentlicht. Die komplette Stellungnahme der Künstlerin findest du hier.

Du brauchst Hilfe? In den USA kannst du die von RAINN betriebene National Sexual Assault Online Hotline erreichen. Weitere Informationen findest du auf der Website des National Sexual Violence Resource Center.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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