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"Intellektueller Sprengstoff": Wie die AfD vom Rechtsruck unter deutschen Denkern profitiert

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GAULAND
dpa
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Viel prominenter kann man einen politischen Vordenker der AfD nicht präsentieren: In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung “Die Zeit” hat Marc Jongen eine ganze Seite im Feuilleton, um die Philosophie zu erklären, die hinter dem politischen Kurs der AfD steckt.

Philosophie und AfD, mag sich jetzt mancher in Hinblick auf die platten Äußerungen mancher Parteigranden denken? Das passt auf den ersten Blick so gut zusammen wie ein Opernbesuch in Springerstiefeln.

Aber auf den zweiten Blick steckt mehr dahinter.

Denn in Deutschland hat sich in den vergangenen Monaten eine breite Bewegung von Intellektuellen formiert, die - teils absichtlich und teils nicht - die Thesen der AfD unterstützen und ihr ganz neue Wählerschichten erschließen.

Zu den Intellektuellen, die die AfD aktiv unterstützen, gehört auch Marc Jongen. Er lehrt Philosophie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und war wissenschaftlicher Mitarbeiter des Starphilosophen Peter Sloterdjik. Zudem ist Jongen auch Mitglied der AfD in Baden-Württemberg und ihr stellvertretender Sprecher und Programmkoordinator.

Klammer zu Rechtspopulisten

Im Interview mit der “Zeit” - wohl dem bildungsbürgerlichen Dampfer in der Presselandschaft - spricht Jongen darüber, was Wutbürger motiviert, wie sich “Metaphysik des Volkes” erklärt und die Notwendigkeit, die Identität eines Volkes zu schützen.

Das klingt alles sehr elaboriert und die Reaktionen der Zeit-Journalisten zeigen, dass man diese Argumente nicht einfach abkanzeln kann: Sie geben wenig Kontra, sondern scheinen selbst erstaunt, wie viel Denkarbeit sich hinter den teils platten Parolen der AfD verstecken lässt.

Freilich, die Massen lockt man mit Referenzen auf Nietzsche und Schopenhauer nicht auf die Straßen. Aber Intellektuelle wie Jongen erfüllen einen ganz anderen Zweck.

Vor allem für das Bildungsbürgertum, das sich nach 1945 von nationalistischem Denken verabschiedet hat, sind Männer wie Jongen eine Klammer zu den Rechtspopulisten.

Nationalkonservative Mode, die bei deutschen Denker ausgebrochen zu sein scheint

Damit schafft die AfD etwas, das rechten Parteien in Deutschland sehr lange nicht gelang: nämlich weit in die Mitte des Bürgertums hineinzugreifen. Die Publizisten Liane Bednarz und Christoph Giesa beschrieben diesen Prozess kürzlich als “Infiltrierung”.

Zu den Intellektuellen in der Partei lassen sich durchaus auch Mitglieder wie der AfD-Vizechef Alexander Gauland zählen, ein Publizist, der lange Jahre Mitglied der CDU war und als ein Vordenker der Nationalkonservativen gilt (auch er bekam in der “Zeit” kürzlich viel Raum, um über die AfD und deutsche Geschichte zu philosophieren).

Mit Gauland, der gerne britischen Tweed und Lederschuhe trägt, kann sich jeder Hamburger Villenbesitzer identifizieren. Kein Wunder, dass Jongen erzählt, dass es “sehr vermögende Leute” gebe, die die Partei unterstützten.

Ein geistig anregendes Gespräch bei einem exzellenten Glas Cognac am Kamin ist mit diesen Männern gut zu machen.

Vielleicht noch entscheidender für den Einfluss von AfD-nahem Denken auf das Bürgertum ist die nationalkonservative Mode, die bei vielen prominenten Deutschen Denkern inzwischen ausgebrochen scheint. Jedenfalls, wenn man dem Politikwissenschaftler und Publizisten Abrecht von Lucke glaubt.

Er sprach in einem Interview mit dem Radiosender “Deutschlandfunk” kürzlich von einen “Tabubruch” der deutschen Intellektuellen, wie er in “unserer postnationalen Republik seit 1945" nicht mehr vorgekommen sei.

Überraschend düstere Töne zum Zustand Deutschlands

Lucke hatte dabei besonders Intellektuelle wie den Philosophen Peter Sloterdijk und den Schriftsteller Botho Strauß im Auge. Sloterdjik hatte in einem vielbeachteten Interview mit dem Magazin “Cicero” von der “Überrollung” durch Flüchtlinge gesprochen und davon, dass "es keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung" durch die Flüchtlinge gebe.

Aber auch bekannte Intellektuelle wie die Schrifstellerin Monika Maron oder der Publizist Rüdiger Safranski hatten zuletzt überraschend düstere Töne zum Zustand Deutschlands von sich gegeben.

Lucke glaubt, dass sich diese Denker an die Spitze einer konservativen Revolution setzen wollten, die in Form der AfD gerade die Landtage erobert und in Form von Pegida die Straßen. Die Äußerungen der Intellektuellen würden vermitteln, dass sich Deutschland in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand befinde - in den man sich notfalls mit Gewalt eingreifen müsste.

Aber nicht nur in Hinblick auf die Flüchtlinge decken sich die Ansichten der Rechtspopulisten von der AfD und die der Edelfedern.

Sie äußern auch harte Medienkritik, die nicht weit vom “Lügenpresse-Vorwurf” der Pegida-Anhänger weg ist. Sloterdjik zum Beispiel sprach im “Cicero” davon, dass "der Lügenäther so dicht ist wie seit den Tagen des Kalten Kriegs nicht mehr.”

Hochtrabende Worte mit schmutzigen Folgen

Selbst der als Linker bekannte Soziologe Wolfgang Streeck sprach zuletzt davon, dass sich das “System Merkel” langsam zu einer Meinungsdiktatur entwickle.

Luckes Fazit im Hinblick auf die Äußerungen von wichtigen Denkern in den vergangenen Monaten: “Wir haben (damit) den intellektuellen Sprengstoff für eine Selbstbewaffnung des Volkes.”

Die hochtrabenden Worte könnten also noch ziemlich schmutzige Folgen haben.

Für Jongen hatten seine Worte schon Folgen. Die Hochschule entband ihn wegen seines Engagements für die AfD und wegen seiner umstrittenen Aussagen von allen Leitungsfunktionen. Den Mund verbieten lässt sich Jongen dadurch aber nicht, wie das Interview mit der “Zeit” zeigt.


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