Huffpost Germany

Udo Lindenberg: So rockt er die Bühne

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Udo Lindenberg gibt auf der Bühne alles

Er ist wieder ganz groß da. Udo Lindenbergs Album "Stärker als die Zeit" steht auf Platz 1 der Album-Charts - und Panikrocker Udo Lindenberg schwebt durch die Münchner Olympiahalle. In einem offenen Käfig saust er, nur von fast unsichtbaren Drahtseilen gehalten, über die Köpfe der rund 10.000 Fans, stilecht mit Hut, Sonnenbrille, Nietengürtel und einer glimmenden Cohiba-Zigarre im Mund. Der Auftakt des gigantischen Drei-Stunden-Spektakels, mit dem der Altrocker gerade durch Deutschland tourt. Die Macher haben an nichts gespart: perfekte Soundtechnik, Akrobaten, starke Background-Sänger, Rapper und stimmgewaltige Co-Sängerinnen. Nicht zu vergessen: Das perfekt aufeinander eingespielte Panik-Orchester liefert solide deutsche Rock'n-Roll-Wertarbeit. Besonders imposant neben dem begehbarem "Rockliner", einem Ozeandampfer: Mächtige LED-Wände illuminieren die Bühne und zeigen einen fast süchtig machenden Mix aus optischen Spielereien, Filmchen aus Udos Leben und Comics.

Eine Mischung, die unter die Haut geht

Sehen Sie hier kostenlos alle Musikvideos von Udo Lindenberg

Und Udo? Cool wie immer, nuschelig wie immer und stimmlich ebenso aufgestellt, wie er es schon immer war. Er behauptet ja selbst nicht einmal von sich, besonders gut singen zu können. Aber seine whiskyraue Stimme hat mit den Jahren eine Patina angesetzt, die dem 70-jährigen Altmeister einfach gut steht. Und wenn er im Duett z.B. mit der erstklassigen Josephin Busch Balladen wie "Gegen die Strömung" anstimmt, dann ist das eine Mischung aus kraftvoll-dynamisch und lässig-dröhnig, der unter die Haut geht.

Udo hat es nicht nur nicht verlernt, er hat es auf seine Weise perfektioniert, sich als einen der größten Markenartikel des deutschen Musik-Business in Szene zu setzen und sich dabei gleichzeitig auf die Schippe zu nehmen. Während der musicalartigen Inszenierung von "Bunte Republik Deutschland" erscheint auf den LED-Leinwänden immer wieder eine grotesk verfremdete Karikatur seiner legendär geschürzten Nuschellippen. Großes Kino, bei dem man sich fragt, wer da welche Drogen eingeschmissen hat.

Powervoll, drahtig und perfekt choreographiert

Lindenberg selbst macht ja keinen Hehl daraus, dass er nichts ausgelassen hat ("Ich hab' alles eingeschmissen, was mir in die Finger kam"). Selbstverständlich bereut er nichts, wie es sich für einen echten Panik-Rocker gehört. Aber in seinem Kult-Song "Mein Body und ich" hat er immerhin die Größe, sich bei seinem geschundenen Körper zu entschuldigen ("Ey, das tut mir ziemlich leid"). Sein Body hat seinen Lebenswandel jedoch offenkundig gut verkraftet. Es erstaunt, wie powervoll, drahtig und perfekt durchchoreographiert Udo die Show auf seinen Streichholzbeinen absolviert.

Musikalisch stimmt die Mischung auch. Gekonnt wechselt Lindenberg zwischen harten Stücken ("Rock'n'Roller", "Mein Ding"), Gassenhauern ("Reeperbahn", "Bodo Ballermann") und sanften Balladen. Dabei klingen manche Songs des neuen Albums, wie "Durch die schweren Zeiten" schon jetzt so eingängig, wie Klassiker á la "Cello" oder "Hinterm Horizont". Emotionaler Höhepunkt ist der friedensbewegte Song "Wozu sind Kriege da?", den er mit einem 10-jährigen Mädchen singt. Als Lindenberg den Song 1981 mit dem damals 11-jährigen Pascal Kravetz sang, richtete er sich gegen die Nato-Nachrüstung, heute gibt es neue Konfliktherde in Syrien, Irak und der Ukraine. Der Junge, der diesen Song berühmt machte, sitzt heute am Keyboard des Panikorchesters - mittlerweile 45 Jahre alt.

Udo ist für alle da

So imposant das Spektakel auch ist. Zuweilen driftet es ins Alberne ab und mutiert zum Musical. Bei "Der Greis ist heiß" fetzen die sogenannten "Lindenzwerge", Kinder und Teens des Ensembles, als Senioren verkleidet über die Bühne, beim "Sonderzug nach Pankow" rattert eine Polonaise über die Bühne, in die sich ein kleiner "Darth Vader" einreiht. Für hartgesottene Rock'n'Roller sind solche Einlagen wohl eher abschreckend, aber der Udo ist ja für alle da - und diese Show ist tatsächlich etwas für die ganze Familie. Ein Kunststück, so etwas mit 70 Jahren noch hinzubringen.

Allerdings: Bei der After-Show-Party fehlte der Panikrocker. Es hieß, sein Arzt habe ihm das Feiern verboten. Der Greis ist zwar noch heiß, aber keine 17 mehr. Bis zum 26. Juni ist Lindenberg noch auf Tour.