Huffpost Germany

Junge Alternative: Der gefährliche Partei-Nachwuchs der AfD

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MARKUS FROHNMAIER
Markus Frohnmaier, Bundesvorsitzender der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative (JA) | dpa
Drucken
  • Der Parteinachwuchs der AfD, die Junge Alternative (JA), wird zunehmend zum politischen Rückgrat für Petry & Co.
  • Experten sind besorgt über die rechten Umtriebe beim JA-Nachwuchs
  • Es gebe Schnittmengen mit "extrem rechten Bewegungen", sagt ein Extremismusforscher

Es war eine Drohung. Eine Art Kriegserklärung an Deutschlands Polit-Elite. Als die AfD im vergangenen Oktober bei einer Kundgebung in Erfurt wieder einmal gegen "Volksverräter" und die "Lügenpresse" wetterte, fiel eine Rede ganz besonders auf.

Es sprach Markus Frohnmaier, Chef der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA). Der 25-Jährige gilt in AfD-Kreisen als Shootingstar der Partei, viele trauen ihm Großes zu. Seit 2015 führt er die JA zusammen mit Sven Tritschler an.

Auf seinem Facebook-Profil zeigt sich der aus Rumänien stammende Schwabe gern staatsmännisch in Anzug und mit dem Smartphone am Ohr. Mit seinem akkurat gestutzten Dreitagebart und dem runden bubenhaften Gesicht wirkt Frohnmaier wie eine Mischung aus Bruce Willis und dem Jungen auf der Zwieback-Packung.

Medien stürzten sich auf Frohnmaiers Umsturzparole

"Wenn wir kommen, wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet", sagte Frohnmaier damals in Erfurt unter dem Gejohle Tausender AfD-Anhänger. YouTube-Videos zeigen, wie der JA-Chef das Mikrofon umklammert, als ginge es um Leben und Tod. Die Medien stürzten sich später auf die Umsturzparole, die selbst großen Teilen der AfD-Spitze zu plump gewesen sein dürfte.

Doch genau das ist der Masterplan des AfD-Nachwuchses. "Wir müssen Politik machen, wie die 'Bild'-Zeitung schreibt", hatte Frohnmaier einmal gesagt.

Seine Organisation beherrscht Hau-Drauf-Polemik wie keine andere. Die JA macht Stimmung gegen Ausländer, hetzt gegen Spitzen-Politiker und startet Online-Kampagnen gegen Feminismus . "Wir lehnen Political Correctness und Denkverbote ab", heißt es auf der Webseite der Jungen Alternative.

Was auf dem Papier noch recht harmlos klingt, sieht im Alltag mitunter anders aus. Ein paar Beispiele:

1. Anfang des Jahres postete die JA Thüringen auf ihrer Facebookseite ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem eine Hand mit einer Pistole zu sehen war. Der Kommentar dazu: "Wenn die Politik nicht handelt, halten die Menschen in Zukunft vielleicht in Zukunft wirklich eine 'Armlänge Abstand', Frau Reker.“

Damit spielte die JA auf die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht an. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (CDU) hatte im Nachgang empfohlen, als Frau in Zukunft eine „Armlänge Abstand“ zu halten, um möglichst nicht belästigt zu werden.

2. Frohnmaier, früher CDU-Mitglied, postete nach den sexuellen Übergriffen in Köln ein Foto von Grünen-Politikerin Caudia Roth mit dem hineinmontierten Spruch: "Ach wäre ich Neujahr nur nach Köln gefahren."

Roth reichte Klage ein, nachdem der JA-Chef in der ARD-Sendung "Kontraste" zum Thema Silvester-Übergriffe noch einmal nachgelegt hatte: Leute wie Roth hätten "hier mittelbar mitvergewaltigt". Die Klage der Grünen-Politikerin wurde abgewiesen.

3. Christian Kühner, Ex-Schatzmeister der hessischen Jungen Alternative, soll am Abend des WM-Halbfinal-Sieges der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien in einem internen AfD-Forum geschrieben haben: "Erst Brasilien abgeschossen und dann auch noch dieses faschistische Islamistenpack: Was für eine großartige Nacht!“ Wenige Stunden zuvor hatte Israel damit begonnen, den Gazastreifen zu bombardieren.*

4. Bei Kundgebungen treten führende JA-Funktionäre regelmäßig mit Mitgliedern der Identitären Bewegung auf - eine der derzeit erfolgreichsten rechten Jugendbewegungen Europas, die für eine Gesellschaft ohne Einwanderer kämpft.

Laut einem Bericht von "Zeit Online" sind sowohl der Chef des JA-Landesverbandes Baden-Württemberg, Moritz Brodbeck, als auch der Schatzmeister der Berliner JA, Jannik Brämer, Aktivisten der Identitären Bewegung.

Wer googelt, findet weitere solcher Meldungen.

Soziologin ordnet Frohnmaier der "völkischen Linie" um Höcke zu

Die rechten Umtriebe der Nachwuchs-AfD'ler, vor allem ihre Kontakte zu rechten Burschenschaften, beobachten einige Experten schon länger mit Sorge. Eine davon ist Anna-Lena Herkenhoff von der der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Münster. Die Soziologin und JA-Expertin ordnet Frohnmaier "klar der völkischen Linie um Björn Höcke" zu.

"Die Junge Alternative ist so gefährlich, weil sie das gesamtgesellschaftliche Klima nach rechts verschiebt, indem sie rassistische Positionen und auch entsprechende politische Lösungsvorschläge ein Stück weit gesellschaftsfähiger macht", sagt Herkenhoff der Huffington Post.

Die Dominanz des "völkisch-nationalistische Parteiflügels" in der Mutterpartei habe sich nach Ansicht von Herkenhoff bereits zuvor in den Strukturen der JA abgezeichnet.

Bisher haben sich nur wenige Extremismusforscher mit dem AfD-Nachwuchs beschäftigt. Lange Zeit galt die JA als eine Art freie Radikale, als diffuse Facebook-Community mit politischer Narrenfreiheit, die im Windschatten der AfD auf "Gefällt mir"-Jagd ging.

Und lange schien es tatsächlich so, als würde sich die AfD für ihre Nachgeburt genieren. Ex-AfD-Chef Bernd Lucke soll sogar einst versucht haben, eine eigene Jugendorganisation aufzubauen.

Petry macht JA-Chef Frohnmaier zu ihrem Pressesprecher

Erst im vergangenen Jahr hat sich die Junge Alternative zum politischen Rückgrat der AfD entwickelt. Vor einem halben Jahr erkannte die AfD die JA auf Bundesebene als Jugendorganisation an. Vor kurzem machte Petry Frohnmaier zu ihrem persönlichen Pressesprecher.

Eine Adoption mit Verspätung, wenn man so will.

Rund 1000 Mitglieder hat die JA derzeit, die meisten gehören auch der AfD an. Petry weiß, wie wichtig der umstrittene Parteinachwuchs für die AfD ist.

Wäre es nach den Wählern unter 30 gegangen, säße die Partei schon seit 2013 im Bundestag. Und auch bei den Landtagswahlen in diesem Jahr war auffällig: Ein überraschend großer Teil der AfD-Wähler ist in den Zwanzigern.

Das zeigt vor allem eins: AfD und JA kommen bei einem nicht unerheblichen Teil junger Menschen in Deutschland an - bei Menschen, so scheint es, die die Bundesrepublik in die Zeit des Schwarz-Weiß-Fernsehens zurückwünschen.

"Schnittmengen mit extrem rechten Bewegungen"

"Die JA ist Sprachrohr des Rechtsaußenflügels innerhalb der Gesamtpartei", konstatiert der Düsseldorfer Rechtsextremismus-Forscher Alexander Häusler. Dort ließen sich inhaltliche personelle Schnittmengen mit extrem rechten Bewegungen feststellen, sagt Häusler der Huffington Post.

"Besonders am rechten Burschenschafts-Milieu und Gruppierungen wie der 'Identitären Bewegung' sind Schnittstellen zwischen der Partei-Jugendorganisation und völkisch-nationalistischen Bewegungen im deutschen Rechtsaußenspektrum festzustellen", sagt Häusler.

Und was sagt die JA selbst zu ihrem Image des radikalen Unterbaus der AfD?

Klar ist: Wer bei der Jungen Alternative um ein Statement bittet, muss Geduld haben. Über die Versuche des Autors dieser Zeilen, die JA zu sprechen, könnte man fast einen eigenen Text schreiben. Interview-Zusage, Interview-Absage, SMS-Kontakt nach Feierabend, vielleicht ein Statement am Wochenende - nein, doch nicht.

JA-Vize-Chef streitet Rassismus-Vorwürfe ab

Am Mittwoch dann eine Mail von Krzysztof Walczak, dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der JA. Den Vorwurf, die Junge Alternative vertrete rassistische Positionen und sei radikaler als die AfD, streitet Walczak ab.

Die JA sei weder rassistisch noch radikal, schreibt der JA-Funktionär. "Der Vorwurf des 'Rassismus' wird vielmehr von vielen so genannter Extremismusforscher, die auf unwissenschaftliche Art und Weise vorgehen und häufig linksideologisch voreingenommen sind, als pauschaler Kampfbegriff gegen demokratische Positionen rechts der Mitte instrumentalisiert."

Die Verachtung linker Intellektueller - ein Feindbild, das sich wie ein roter Faden durch die Strukturen der JA zieht. Als "Freiburger Bionade-Bourgeoisie" hatte Frohnmaier kürzlich all die Politiker, Professoren und Journalisten bezeichnet, die die JA so sehr verachtet.

Süffisant fügt Walczak in seiner Mail hinzu: "Nach den absurden Maßstäben deutscher Extremismusforscher, Soziologen und Politikwissenschaftler wäre vermutlich auch die Republikanische Partei in den USA rassistisch und radikal." Die JA formuliere wie jede Jugendorganisation die Kernforderungen ihrer Mutterpartei klarer und deutlicher, erklärt er.

Facebook-Kritik an "Spiegel"-Meldung über Russland-Kontakte

Den Kontakt zu Walczak hatte JA-Sprecher Julien Wiesemann hergestellt, auch er sitzt im aktuellen Vorstand der Jung-AfD'ler.

Wiesemann war früher stellvertretender Landeschef der rechtspopulistischen Anti-Islam-Partei Die Freiheit. Auf einem Parteitag soll er einmal gesagt haben: "Was ist aus Deutschland geworden, wenn Zuwanderer mittlerweile in Ballungsgebieten ihren Hass auf Deutsche ungehindert ausleben?"

Wie penibel die JA heute um ihre Außendarstellung bemüht ist, hatte zuletzt ein Bericht des "Spiegel" gezeigt, nach dem die JA Kontakte zur Jugendorganisation der Putin-Partei Einiges Russland pflege.

Auf Facebook veröffentlichte die Junge Alternative anschließend ein Bild von Baron Münchhausen, darunter war das hineinmontierte "Spiegel Online"-Logo zu sehen. Dazu der Kommentar: "Märchenbuchjournalisten sind keine seriösen Gesprächspartner".

Wenige Tage später gratulierte die JA auf Facebook dem österreichischen Rechtspopulisten und FPÖ-Politiker Norbert Hofer, der bei der Wahl zum Bundespräsidenten knapp gescheitert war.

"Obwohl Presse, Rundfunk und das linke Parteienkartell nahezu geschlossen die FPÖ hysterisch diffamiert haben, konnte Hofer weite Teile des Volkes für sich gewinnen", schreibt die JA.

Und weiter: "Jetzt heißt es: Nicht verzagen und entmutigen lassen, sondern weiter machen!"

Wieder klingt es irgendwie nach einer Drohung...

*UPDATE, 26. Mai 2016, 13:55 Uhr: In einer schriftlichen Stellungnahme verteidigt sich Kühner inzwischen: Seine Aussage von damals habe sich "konkret auf eine Nachrichtenmeldung über die gezielte Tötung von 5 Terrorführern des sogenannten 'Islamischen Dschihad'" bezogen, so Kühner.

Auch auf HuffPost:

Frauke Petrys Ex-Lehrer: Warum ich sie nicht mehr sehen will


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen nehmen kein Ende. Auch, weil es viel zu wenig Rettungskräfte auf dem Mittelmeer gibt. Hier versucht die Mannschaft des Schiffes Sea Watch 2. zu helfen. Spenden benötigt die Crew für Nahrung, Schwimmwesten und Medikamente.

Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

(lk)