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Schweiz: Historiker sieht gefährlichen Rechtsruck in der Medienbranche

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SCHWEIZ
Mit einem kostenlosen "Extrablatt" wirbt die Schweizerische Volkspartei (SVP) am 08.02.2016 in Basel, für ihre Volksinitiative zur Ausweisung krimineller Ausländer | dpa
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  • Ein Geschichts-Professor beobachtet einen Rechtsruck bei der renommierten "Neuen Zürcher Zeitung"
  • Das Blatt wehrt sich auf Anfrage gegen die Vorwürfe
  • Die Debatte um eine Transformation der Schweizer Medienbranche schwelt schon länger

Der Ton wird rauer in der Schweiz: Während Deutschlands Nachbarland schon seit Jahren einen Rechtsruck in der Gesellschaft durchmacht, ziehen jetzt selbst traditionsreiche Blätter wie die leicht angestaubte "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) nach. Dieser Meinung ist zumindest Philipp Sarasin, Professor für Geschichte in Zürich.

"Die NZZ muss sich fragen lassen, ob sie wirklich zum Sprach­rohr von Positionen werden will, die bislang als rechts­ex­trem galten", schrieb Sarasin kürzlich in einem Beitrag, der auf der Online-Plattform "Geschichte der Gegenwart" erschien.

NZZ veröffentlicht umstrittenen Beitrag zum Thema AfD

Der Anlass des Textes: Die NZZ hatte vor kurzem einen Beitrag des Publizisten Heribert Seifert veröffentlicht, der die politische Distanz deutscher Medien zur AfD kritisiert.

Seifert spottet in seinem Text unter anderem über „Wutjour­na­listen“ und „kommu­ni­ka­tive Rüpelei“. Seifert war publizistisch schon in der Vergangenheit mit fragwürdigen Artikeln aufgefallen, etwa beim rechtsliberalen Online-Portal "eigentümlich frei", wo er etwa über das "sündenstolz[e] Bekenntnis der immer­wäh­renden Schuld an der bösen ‚deutschen Geschichte‘“ schrieb.

Historiker Sarasin erkennt bei der NZZ Strömungen "weit rechts im politischen Spektrum"

Dass die NZZ rechtspopulistische Beiträge wie den von Seifert abdruckt, kritisiert Sarasin - und sieht darin einen Trend: "Schon oft in letzter Zeit mussten die LeserInnen zur Kenntnis nehmen, dass die NZZ sich kaum mehr gegen politi­sche und intel­lek­tu­elle Strömungen weit rechts im politi­schen Spektrum – inner­halb wie ausser­halb der Schweiz – abgrenzen mag", schreibt er in seinem Beitrag.

Damit dürfte Sarasin auch auf die Posse um das NZZ-Schwesterblatt, die "NZZ am Sonntag", anspielen. Das Wochenblatt galt bislang als streng liberal, zuletzt kursierten jedoch Gerüchte, dass auch die "NZZ am Sonntag" nach rechts gerückt sei. Demnach wurde Philipp Gut, stellvertretender Chefredakteur der umstrittenen "Weltwoche", als neuer Inlandschef bei dem Blatt vorgeschlagen. Nach hausinternen Protesten soll die Verlagsleitung von dem Vorhaben abgerückt sein.

Auf Anfrage der HuffPost wehrt sich die NZZ gegen Sarasins Vorwürfe. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es:

"Der Versuch des Historikers Philipp Sarasin, unseren langjährigen Mitarbeiter Heribert Seifert in die braune Ecke stellen zu wollen, ist abwegig. Sarasins Kritik veranschaulicht gerade das, was Heribert Seifert in seinem Artikel kritisiert hat: Die Ausgrenzung und Missachtung der Argumente von Personen, deren Meinung einem nicht in den Kram passt."

Klar ist: Sarasins Kritik richtet sich gegen ein mediales Schwergewicht - und dürfte deshalb auch in politischen Kreisen auf Interesse stoßen. Das konservativ-liberale Blatt, das die Zürcher liebevoll "Alte Tante" nennen, wird wegen seiner Ausgewogenheit weltweit geschätzt, der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger nannte die NZZ einst "eine der großen Zeitungen der Welt".

Doch die goldenen Zeiten sind vorbei. Wie die meisten großen Medienhäuser kämpft auch die NZZ gegen den Leserschwund - und wirft aus Sicht ihrer Kritiker dabei einen Teil ihrer Werte über Bord.

Kritiker beobachten schon länger einen Rechtsruck in der Schweizer Medienlandschaft

“Den meisten Printmedien in der Schweiz geht es schlecht, der wirtschaftliche Druck ist groß. Viele versuchen jetzt, diese Misslage mit einer rechtspopulistischen Agenda auszugleichen", sagt Sarasin im Gespräch mit der Huffington Post.

Dabei ist die renommierte NZZ längst nicht allein. Kritiker beobachten in der Schweiz schon länger einen Rechtsruck in der Medienlandschaft. Die "Zeit" schrieb vor einigen Wochen von einem "koordinierten Angriff von rechts außen auf die Mitte".

Die "Weltwoche" ist dabei das Zugpferd des nationalkonservativen Kurses. Das Blatt des Rechtsintellektuellen Roger Köppel ist bekannt dafür, in regelmäßigen Abständen Hetzschriften gegen den Islam zu veröffentlichen, die Titelseiten und -geschichten des früher linksliberalen Wochenmagazins sorgen im Netz immer wieder für Empörung.

"In der Schweiz gibt es eine ganz klare Rechtsorientierung der Medien", erklärt Sarasin. Das gelte nicht nur für NZZ und "Weltwoche". Auch die "Basler Zeitung" gehöre dazu.

In der Tat gibt es schon lange Kritik an dem Basler Blatt. Der Grund: Ein Drittel der Zeitung gehört Christoph Blocher, umstrittener Milliardär und Rechtspopulist der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), die im vergangenen Herbst mit 30 Prozent erneut als stärkste Kraft aus der Parlamentswahl hervorgegangen war.

Chefredakteur der "Basler Zeitung" ist seit 2010 Markus Somm - der 51-Jährige kam von der "Weltwoche", ist Autor einer Blocher-Biografie und war 2014 engagierter Unterstützer der sogenannte Masseneinwanderungsinitiative zur Beschränkung der Zuwanderung in der Schweiz.

Qualitätseinbußen der Schweizer Medien?

Es überrascht nicht, dass aus der "Basler Zeitung" kein Flüchtlings-freundliches Blatt wurde. “Die SVP hat etwa 30 Prozent der Stimmen. Daran kommt kein Medium in der Schweiz vorbei", konstatiert Sarasin.

Wie es zu dem schleichenden Rechtsruck bei Teilen der Schweizer Medien kommen konnte, beschrieb vor einigen Wochen Linards Udris in der "Zeit" sehr anschaulich. Der Medienwissenschaftler der Uni Zürich und stellvertretende Leiter des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) untersucht seit längerem den Medienwandel in der Schweiz.

Udris beobachtet seit Jahren Qualitätseinbußen der Schweizer Medien, die schlechte finanzielle Situation der Verlage kommt hinzu. Die Folge: Die Schweizer Medienhäuser werden anfällig für politische Einflussnahme.

Der Forscher kritisiert eine zunehmende Boulevardisierung der Schweizer Medienlandschaft - die wiederum den Rechtspopulisten in die Karten spielt. "Medien werden dadurch sehr anfällig für Hypes. Das Thema interessiere die Leute, meinen die Medien, dabei merken sie nicht, dass das der Plan der SVP ist."

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