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Nach "Verafake": Ex-RTL-Chef spicht von "Missachtung des Grundgesetzes" in der täglichen TV-Welt

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HELMUT THOMA
Der Medienmanager und Medienberater Helmut Thoma, Ex-Chef von RTL | ullstein bild via Getty Images
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  • Der frühere RTL-Chef Helmut Thoma teilt stark gegen die Privatsender aus
  • Tricksen sei zum "Normalfall" geworden
  • Die Wahrheit zählt da wenig - solange Quote und Einnahmen stimmen
  • Dabei würden manche Praktiken der Fernsehwelt sogar gegen das Grundgesetz verstoßen

Jan Böhmermann hat mit seinem "Verafake" das bewiesen, was die meisten schon befürchtet haben: Einschaltquote geht im Unterhaltungsfernsehen oft über Wahrheit. Nachdem der Satiriker zwei falsche Kandidaten in die RTL-Show „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust hatte und die Produktionsmethoden aufgedeckt hatte, steht das Privatfernsehen besonders mit seinen (Scripted) Reality-Formaten in der Kritik.

Und das zurecht, wenn man den Aussagen des Ex-RTL-Chef Helmut Thoma glaubt. Helmut Thoma war wwischen 1984 und 1998 Geschäftsführer der "RTLplus Deutschland Fernsehen GmbH", auch zu seiner Zeit stand der Privatsender bereits in der Kritik für seine Wahl der Programmformate, die Thoma maßgeblich mitprägte.

Tricksen sei mittlerweile der "Normalfall", sagte er im Interview mit "Focus Online". "Das ist natürlich alles zurechtgezimmert", so Thoma wörtlich. Die Produzenten würden kein Risiko eingehen wollen, was erzählt wird.

Letztlich sei "alles gespielt und nichts wahr". Alles drehe sich nur noch um die Perfektion im Produkt - ungeachtet der realen Verhältnisse der Protagonisten.

Problem ist oft eine mangelnde Kennzeichnung

Doch der Ex-Chef des Privatsenders glaubt, dass das das Publikum nicht stört - solange es unterhaltsam ist: "Die Leute lieben es, wenn sie eine scheinbare Realität vorgespielt bekommen."

Tatsächlich erfreuten sich auch Scripted-Reality-Formate, die als solche gekennzeichnet sind - wie beispielsweise die RTL II-Serie "Berlin - Tag & Nacht" erfreuten sich über Jahre großer Beliebtheit, auch wenn die Quoten zuletzt einbrachen.

Das Problem mit vielen weiteren Formaten, die gescripted - also in Drehbüchern vorgeschrieben oder vom Produktionsteam in ihren Aussagen beeinflusst sind - ist aber: Viele sind nicht als Scripted Reality gekennzeichnet.

Praktiken "nicht mit den Grundgesetz vereinbar"

Das werde laut Thoma zwar versucht, aber die Sender müssten nur zu den Entscheidungsträgern, den Landesmedienanstalten, "nett sein". Dann würde auf die Kenntlichmachung verzichtet oder das Label nur ganz klein im Eck angezeigt, dem Zuschauer wird eine falsche Realität vorgegaukelt.

Er kritisierte gegenüber "Focus Online", dass sich die Länder zu wenig um die Kennzeichnung kümmern. "Da herrscht praktisch völlige Anarchie", was in den Medienanstalten hier passiere, sei "nicht mit dem Grundgesetz vereinbar" und würden dieses völlig missachten, lauten seine schweren Vorwürfe.

verafake
Jan Böhermann lieferte mit "Verafake" den Beweis für die Praktiken bei der RTL-Sendung "Schwiegertochter gesucht"

Die Quoten sinken, doch die Einnahmen bleiben

Doch aus Sicht der privaten Fernsehsender gibt es wenig Anreize, das eigene Programm grundlegend zu verändern. Für Thoma, der mittlerweile ein Medienberatungsunternehmen betreibt und sitzt in mehreren Aufsichtsräten sitzt, ist der Fernsehmarkt einer der kaputtesten Märkte in Europa.

Die Quoten sinken zwar generell, viele junge Leute schauen lieber Serien im Internet als vor der Glotze. Doch: "Die Privaten Sender haben einen Marktanteil von 86 Prozent, da müssen die sich nicht mehr anstrengen." RTL beispielsweise sei eine stabile Marke mit vielen Sendungen, die seit Jahren gutlaufen.

Das liegt auch an den Werbekunden. Die zahlen trotz zurückgehender Reichweiten nach wie vor viel Geld für die Sendeplätze. 30 Sekunden Werbung im RTL-"Dschungelcamp" kosten beispielsweise bis zu 120.000 Euro.

Geringe Kosten machen Scripted Reality zum beliebten Format unter Privatsendern

Thoma glaubt, die beiden großten privaten TV-Gruppen RTL und ProSiebenSat1 Media AG würden sich "dumm und dämlich" verdienen - auch weil die Produktionskosten von Scripted Reality-Sendungen so gering sind. Nicht zuletzt deswegen erfreuen sich die Formate bei den Privatsendern großer Beliebtheit. Wie Jan Böhmermann mit seinem "Verafake" aufdeckte, erhalten die Protagonist oft nur eine minimale Aufwandsentschädigung. Auch muss keine extra Kulisse aufgebaut werden, wenn in den Räumlichkeiten der Bewerber gedreht wird.

Änderungen kann wohl letztlich nur das Publikum erreichen - und abschalten. Dann drehen vielleicht irgendwann auch die Werbekunden den Geldhahn zu.

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(gw)