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Österreich: Das war kein Wahlkampf. Das war ein Kulturkampf

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FEIER FP
Wahlparty des FPÖ-Kandidaten Hofer | Sebastian Christ
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Noch zwei Sekunden. Noch eine. Die Balken.

Fast ein Gleichstand.

Und doch bricht im Wiener Palais Auersperg bei der Wahlparty der Grünen massiver Jubel aus: Laut erster Prognose soll der von den Grünen und großen Teilen der SPÖ unterstützte Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen im zweiten Durchgang der österreichischen Präsidentenwahl 49,8 Prozent bekommen haben. Kaum jemand unter den Gästen im Festsaal hat damit noch gerechnet.

Die Grünen feiern vor prunkvoller Kulisse

Von der Decke hängen zentnerschwere Kronleuchter. Die Wänden zieren Gemälde aus verschiedenen Jahrhunderten, klassizistische Reliefs mit Säulen und Kapitälen ragen bis zur zehn Meter hohen Decke. Es ist eine prunkvolle Kulisse, die sich Österreichs Linke zum Feiern ausgesucht hat.

Es sind vor allem Menschen jüngeren und mittleren Alters, die gekommen sind. Ein Unterstützer Van der Bellens sagt: „Man sieht ja schon recht deutlich, dass sich die Wählerschaft am Bildungsniveau trennt.“ Der Kandidat der Grünen war sowohl bei Frauen als auch bei Wählern mit Matura (Abitur) erfolgreicher.

Patt zwischen Hofer und Van der Bellen

Aber zum Sieg reichte es am Sonntag dennoch nicht.

„Vielleicht wissen wir auch erst morgen, wer gewonnen hat“, sagte Van der Bellen bereits am Vormittag bei seiner Stimmabgabe im Wiener Stadtteil Mariahilf. Die Worte sollten sich als prophetisch erweisen.

Das ORF meldete im Verlauf des Abends immer wieder eine Patt-Situation: Beide Kandidaten kämen auf 50,0 Prozent der Stimmen. Was allerdings ein wenig unklar blieb: In dieser Hochrechnung war eine Prognose für die etwa 900.000 Briefwahlstimmen schon mit eingeschlossen. Die werden aber erst morgen ausgezählt, und niemand weiß, wie sie sich tatsächlich verteilen.

Briefwahlstimmen werden erst am Montag ausgezählt

Grund dafür ist, dass Briefwähler bis Freitag (Poststempel) Zeit hatten, ihre Karte abzuschicken. Da die Ämter am Wochenende nicht arbeiten, können diese Stimmen erst am Montag ausgezählt werden.

Die Fakten, so wie sie Sonntagabend vorlagen, sehen so aus: Laut Auszählung der Wahlurnen (ohne die Briefwahlstimmen) liegt Norbert Hofer mit 51,9 Prozent der Stimmen, Alexander van der Bellen kommt auf 48,1 Prozent. Insgesamt ergibt sich daraus ein Vorsprung für den FPÖ-Kandidaten Hofer von knapp 144.000 Stimmen.

Diesen Vorsprung muss Van der Bellen bei der Auszählung der Briefwahlstimmen aufholen. Der ORF rechnet offenbar damit, und tatsächlich scheint das mit den Stimmen der Auslandsösterreicher möglich. Allerdings müsste Van der Bellen dafür einen Gesamtsieg bei der Briefwahl holen, der etwa so deutlich ausfallen müsste wie das Wahlergebnis in der angeblich so „roten“ Hauptstadt Wien.

Hofer wirkt angefressen

Und so lebt Österreich für einen Abend in einer äußerst paradoxen Situation: Es gibt zwei Männer, die für sich den Wahlsieg reklamieren.

Norbert Hofer wirkte im ORF-Interview reichlich angefressen – er hatte noch bei seiner Abschlusskundgebung am Freitag am Viktor-Adler-Markt gebetsmühlenartig behauptet, dass sein Wahlsieg so gut wie feststehe.

Auf seiner eigenen Wahlparty dagegen sah es so aus, als hätte er sich gefangen. Da teilte er wieder gegen den ORF aus, der seiner Meinung nach völlig zu Unrecht den ganzen Abend über die Mischprognose mit den Briefwahlstimmen verbreitet habe. Und auch gegen seine politischen Gegner, die ihn mit seiner „170-Prozent-Behinderung“ (Hofer hatte vor Jahren einen schweren Gleitschirm-Unfall erlitten und geht seitdem am Stock) beleidigt hätten.

Wahlpartys zeigen: Der Wahlkampf ist ein Kulturkampf

Wer das ganze Ausmaß des österreichischen Kulturkampfes begreifen will, muss nur einmal die beiden Wahlpartys der beiden Kandidaten vergleichen.

Während Van der Bellen sich im Wahlkampf gern mit arrivierten Künstlern wie André Heller umgeben hat, setzte die FPÖ auf Schlagermusik und eine eigens für sie komponierte Bierzelthymne namens „Immer wieder Österreich“.

Folglich feierte die FPÖ auch nicht in einem vornehmen Palais, sondern in einem Biergarten im Wiener Prater. Das Bier war umsonst, ebenso wie die Speisen. Eine Coverband (eben jene, die auch für Hofers Wahlkampfsong verantwortlich zeichnete) spielte Festzelt-Klassiker wie „Country Roads“ oder „Fürstenfeld“ von der steirischen Band „STS“.

Hofer, ein zweifelhafter Kandidat

Insgesamt hat Norbert Hofer sein Ergebnis aus dem ersten Wahlgang um knapp 15 Prozent steigern können. Anders ausgedrückt: Zu den etwa 35 Prozent, die derzeit FPÖ wählen würden, kommen noch einmal 15 Prozent, die keine Skrupel hatten, einen in vielerlei politischer Hinsicht äußerst zweifelhaften FPÖ-Kandidaten ihre Stimme zu geben.

Norbert Hofer war vor allem auf dem Land erfolgreich. Und bei den Arbeitern, die einst den Sozialdemokraten treu waren.

Die SPÖ-Mitglieder feiern an diesem Sonntag mit Alexander Van der Bellen bei Weinschorle und Lounge-Musik. Und nach Norbert Hofers Auftritt spielt die Band die größten Hits von DJ Ötzi.

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(sk)