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Österreich: So kommentiert die deutsche Presse die Schock-Wahl

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Der Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer | Heinz-Peter Bader / Reuters
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Österreich hat sich nicht entschieden. Der Ausgang der Bundespräsidentenwahl ist am Sonntagabend offengeblieben.

Nach Auszählung aller direkt abgegebenen Stimmen lag der Kandidat der rechtspopulistischen FPÖ, Norbert Hofer, mit 51,9 Prozent vor dem Grünenpolitiker Alexander Van der Bellen, der auf 48,1 Prozent kam.

Doch Prognosen, bei denen die noch auszuzählenden Briefwahlstimmzettel berücksichtigt wurden, sahen beide Präsidentschaftsbewerber bei jeweils 50 Prozent und Van der Bellen knapp in Führung.

Daher werden die Briefwähler die Wahl entscheiden. Die rund 700 000 Briefwahlstimmen sollen am Montag ausgezählt werden. Sie dürften letztendlich entscheiden, wer das Rennen gewonnen hat. 4,48 Millionen Wähler hatten ihre Stimme am Sonntag direkt abgegeben.

So kommentierten die deutschen Zeitungen das Wahlergebnis:

"Österreich ist ein in zwei Hälften gespaltenes Land"

Die "Stuttgarter Zeitung" sieht das Land vor einer Spaltung - unabhängig vom endgültigen Wahlausgang:

Hofer oder Van der Bellen? Der Ernst der Lage, den Hofer angekündigt hatte - schließlich sieht er sich im Falle der Wahl, trotz verpflichtender Überparteilichkeit im Amt, als Wegbereiter eines möglichen Bundeskanzlers Strache (FPÖ) -, wurde den Mainstream-Parteien jedenfalls viel zu spät bewusst. Die fast panische Auswechslung des Bundeskanzlers Faymann, ersetzt durch den Managertypus Kern, war mit Blick auf die Präsidentenwahl ein Faktor, aber nicht entscheidend. In Wien, wo erst am Montagabend ein Ereignis feststeht, kommt Wind auf, und Kern wird nun gegenhalten müssen: offen, streitbar. Noch ist die Koalition im Amt. Doch Österreich ist schon nach dieser 50:50-Wahl ein in zwei Hälften gespaltenes Land, in dem, wie immer es ausgeht, die Blumen des (auch) Bösen blühen.

"Nase voll von diesem selbstherrlichen Umgang mit der Macht"

Nach Ansicht der "Neuen Westfälischen" ist diese Wahl keine Protestwahl, sondern zeigte einen politische Richtungsänderung in einem großen Teil der Bevölkerung.

Neue Westfälische: Große Teile der Bevölkerung haben die Nase voll von diesem selbstherrlichen Umgang mit der Macht. Es sind nicht kleine Minderheiten, die politikverdrossen geworden sind und die mal Protest wählen wollten. Bei einer Wahlbeteiligung gestern von um die 70 Prozent ist bei diesem knappen Wahlergebnis nicht von flüchtigem Frust, sondern von einer verfestigten Haltung besonders in benachteiligten Bevölkerungsgruppen auszugehen. Das wird kein vorübergehendes Phänomen sein.

"Welch ein Triumph für die politische Rechte"

Trotz des noch ungewissen Ausgangs der sieht die "Neue Osnabrücker Zeitung" in der Wahl schon jetzt einen Triumph für die Rechte.

Welch ein Triumph für die politische Rechte, welch ein Desaster für die Regierungsparteien in Österreich: Sozial- oder Christdemokraten standen gar nicht mehr zur Wahl, während FPÖ-Kandidat Norbert Hofer sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Alexander Van der Bellen von den Grünen lieferte. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise war dies auch eine Abstimmung über die Willkommenskultur. Zwar hat die große Koalition aus sozialdemokratischer SPÖ und konservativer ÖVP bereits einen radikalen Kursschwenk vollzogen, doch reicht dies vielen Wählern offenbar nicht aus. Um auf Nummer sicher zu gehen, stimmten sie massenhaft für Hofer, der klare Prioritäten setzt: "Österreich zuerst".

"Ein Nein zur Großen Koalition"

"Spiegel online" sieht die Wahl als Abrechnung mit der Großen Koalition.

Ein Kreuz auf dem Wahlzettel beim FPÖ-Kandidaten Hofer war auch ein Nein zu den etablierten Parteien - und vor allem ein Nein zur Großen Koalition, in der es sich zu Sozialdemokraten (SPÖ) und Christdemokraten (ÖVP) jahrelang gemütlich eingerichtet hatten, ehe sie immer stärker in Bedrängnis gerieten. So gesehen war dieser Wahlabend ein neuerliches Warnsignal für die beiden Parteien, ein sehr lautes noch dazu

"System der Mauscheleien kommt an sein Ende"

Nach Ansicht der "Welt" hat die Große Koalition eine undurchsichtige Politik der Mauscheleien betrieben. Die Tageszeitung kann der Wahl etwas Positives abgewinnen: Sie könne "das Ende einer bleiernen Zeit" darstellen.

Diese beiden Parteien hatten über die Jahrzehnte ein System der Mauschelei und Entscheidungsfindung hinter verschlossenen Türen etabliert, bei dem man sich im Austausch "Zuckerl" für die eigene Wählerschaft zuschob. Sie nannten das "Sozialpartnerschaft", und aus unerfindlichen Gründen waren sie sogar stolz darauf und nannten dieses System "erfolgreich." Jetzt aber, da sich angesichts zahlreicher Krisen die zu verteilenden Töpfe leeren, kommt dieses System an sein Ende, und es zeigt sich, dass diese beiden Parteien auf drängende Fragen keine Antworten wissen. ...
... Wer immer es von ihnen beiden am Ende werden wird, er muss ein Angebot an die andere Hälfte der Bevölkerung in der Hand halten. Denn ein Wunsch ist auf der einen wie der anderen Seite gleichermaßen stark: Dass dieses ewig Hickhack ein Ende nehme und die Parteien zum Wohle des Landes zusammenarbeiten. So könnte diese Wahl am Ende vielleicht sogar etwas Positives hervorgebracht haben: Das Ende einer bleiernen Zeit.

Dazu passend: Österreichs Wahlkrimi ist ein Weckruf für die Demokratie

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