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Kinderseelenallein - Die Narben meiner Kindheit und wie ich ins Leben fand

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CHILD AFRAID FILTER
Girl season - copyspace | Martin Dimitrov via Getty Images
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Ich war sechs, als ich jeden Halt verlor. Wir verbrachten einen dreiwöchigen, sonnigen Urlaub am Meer, in dem Dinge geschahen, die mich zutiefst ängstigten und meine kindliche Seele vollkommen erschütterten. Die Bilder von damals verfolgen mich noch immer.

Mit dem Auto waren wir auf der Reise in den Süden. Es gab noch keine Klimaanlage, die die Heftigkeit der Hitze abgemildert hätte. Ida und ich rutschten, mal ungeduldig, mal apathisch, im Hemdchen auf den heißen Rücksitzen hin und her, ein Tuch schützte unsere blassen Schultern vor dem glühenden Gurt. Die Fenster waren mit Stoffen verhangen.

Die durch einen winzigen Spalt sichtbaren, vorbeiziehenden Landschaften veränderten sich stetig und wurden immer fremder. Die Stimmung war angespannt, meine Eltern gereizt, wir Mädchen erschöpft. Einen Tag entfernt von unserem Zuhause machten wir Rast in einer einsamen Bauernhütte in den Bergen, umgeben von düster-bedrohlich wirkenden Tannen, die meine lebhafte kindliche Fantasie anstachelten. Es war tiefdunkle Nacht und wir auf einer Reise nach Irgendwo.

Ich schlief unten im Doppelstockbett. Ida fand es abenteuerlich und spannend, oben zu liegen. Ich war dafür zu ängstlich, es war mir viel zu hoch und ich hatte Sorge, im Schlaf hinauszufallen. Lange lag ich wach und hörte, wie nach und nach ein Wind anhob und pfeifend die Baumspitzen als Instrumente nutzte. Später wachte ich auf und spürte die Kälte der schattenhaften Fremdheit, die mich umgab.

Mein Bauch schmerzte und ich wollte zu meinen Eltern ins Bett.

Barfuß tapste ich zum Zimmer nebenan und öffnete die knarzende Tür. Der Raum war leer, sie waren nicht da, die Laken unberührt. „Wo seid ihr?", wimmerte ich und begann, panisch nach ihnen zu rufen.

Ich bekam keine Antwort. Meine Schwester schlief. Oder sie ist tot, dachte ich. Ich malte mir Grauenvolles aus. Hänsel und Gretel. Allein im tiefen, dunklen Wald. Ich stolperte die enge Stiege hinab und stand vor der Eingangstür.

Ich sah durch eine winzige Luke hoch in den Himmel. Zwei schwarze Vögel zogen vor dem vollen Mond ihre Kreise. Wolkenschlieren vernebelten das Bild. Finstere Tannenspitzen wippten bedrohlich hin und her. Ich nahm die Klinke in meine kleine Hand. Entschlossen drückte ich sie herunter. Doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Verschlossen!

Ich versuchte es wieder und wieder. Eingesperrt! Verlassen! Verloren! Ich stürmte die Treppe hinauf, rutschte ab und blieb mit meinem rechten Fuß zwischen den Stufenbrettern hängen. Das Dunkle, das meine Eltern geraubt und uns gefangen hatte, griff nach mir.

Ich zerrte an meinem Fuß, panisch, und als ich ihn endlich befreit hatte, robbte ich auf allen vieren bis nach oben. In aller Eile hin zum Fenster, ich riss es auf und schrie, hinaus in diese gewaltige Nacht.

Dort unten auf der Wiese sah ich zwei schwarze Gestalten, die lange Schatten im Mondlicht warfen und die sich nun in Bewegung setzten und immer schneller auf die Hütte zueilten. Ich konnte die Schattenrisse nicht erkennen, jedoch hörte ich sie meinen Namen rufen. Und schon machte sich jemand an der Tür zu schaffen, rüttelte kräftig daran. Dann öffnete sie sich und mein Vater stand atemlos vor mir. Er und meine Mutter waren spazieren gewesen, die Tür hatte einfach nur geklemmt.

Plötzlich steht mein Gedächtnis still, es hat den Faden verloren.

Ich weiß nicht mehr, ob sie mich trösteten, ob sie mich auslachten oder ob sie mit mir schimpften. Es ist, als hätte ich einige Tage in Trance verbracht, ich entsinne mich erst wieder an die Stunden am Meer.

Tagtäglich gingen wir bepackt mit unserem Strandspielzeug, mit Hütchen und Schirm den langen Weg durch ein dunkles Wäldchen zum Meer. Trotz meiner Erschütterung, an die mich die aufgereihten Nadelbäume erinnerten, schritt ich tapfer hindurch. Der intensive Geruch der Pinien, gemischt mit salziger Luft, beruhigte meine überspannten Nerven.

Endlich am Strand angekommen, warfen wir uns in die Wellen, plantschen, bis unsere Lippen blau waren. Ich entsinne mich an die Reifenschaukel, an den „Cocco-bello-rocco"-Mann, von dem wir Kokosstückchen kauften, an das viele Eis, von dem wir so viel essen durften, wie wir wollten. Entspannt lagen Mama und Papa auf ihren Sonnenliegen, während wir Mädchen über den Strand tobten.

Lächelnd denke ich heute daran, wie unsere Eltern uns vorflunkerten, dass es eines Abends grüne Pommes gäbe, nachdem wir einige Tage lang das uns fremde Essen verschmähthatten. Ida und ich stürzten uns begierig darauf, bis wir erfuhren, dass es sich um Zucchinistreifen handelte.

Vor dem Gebäude, in dem auch unsere Ferienwohnung war, gab es ein kleines Bäumchen, das mit einem Rund von Steinen eingefasst im Kies stand. Um diesen Baum rannten wir Kreise, immer und immer enger. Auch als ich einmal fiel und mir, mal wieder, die Knie aufschlug, ging es weiter, im fröhlichen Wettstreit mit den beiden etwa gleichaltrigen italienischen Mädchen von nebenan. Wir verstanden kein Wort voneinander, aber wir lächelten uns an. Das genügte.

Es waren schöne Tage, angefüllt mit Licht und Wärme, voller Freiheit, ohne Druck.

Allerdings war mir alles sehr fremd und nach dem nächtlichen Erlebnis in der Holzhütte sehnte ich mich danach, beschützt zu werden, in Sicherheit zu sein. So hing ich bei jedem Ausflug am Rockzipfel meiner Mutter. Immer wieder schaute ich, ob meine Eltern noch da waren, misstrauisch, sorgenvoll.

Vielleicht hätte ich diesen Vorfall in der Holzhütte bald vergessen, langsam wäre er verblasst, wenn mein Bedürfnis nach Geborgenheit gestillt worden wäre. Doch meiner Mutter wurde es schließlich zu viel und sie schüttelte mich ab, wie lästigen Schmutz vom Rocksaum.

Drei Wochen Urlaub gingen zu Ende. Eines Abends, es war schon fast dunkel und Ida und ich lagen im Bett, verließen meine Eltern die Ferienwohnung, um im Geschäft nebenan letzte Souvenirs zu kaufen. Sie hatten uns abermals nicht Bescheid gesagt. Und so wachte ich wieder auf, in einem fremden Land, umgeben von Menschen in einer fremden Sprache. Ida schlief tief und fest.

Doch ich stand da und war ohne Mutter und Vater. Allein.

In meinem rosa Nachthemdchen lief ich durch die Wohnung, immer kopfloser, immer stürmischer, und hinaus auf die Straße. Ich fürchtete mich in dieser unbekannten, quirligen Dämmerung, sah die vielen Lichter der vorbeifahrenden Autos, hörte die unzähligen Geräusche, roch den Gestank der Abgase und spürte die leicht kühlere Brise auf meiner Haut.

Ich stand am Straßenrand und taumelte umher, mal nach links, mal nach rechts, das rote Leuchten der Bremslichter warnte mich, das Hupen der Motorroller schreckte mich auf. In Tränen aufgelöst wankte ich und schrie: „Wo seid ihr? Lasst mich nicht alleine!", bis ich sie endlich fand. Oder sie mich.

Vor Panik war ich völlig verschwitzt. Meine Mutter stellte mich unter die Dusche. Nur konnte ich mich nicht beruhigen, weinte und jammerte unentwegt, machte ihr Vorwürfe, fragte nach dem „Warum" und vergoss unendliche Tränen. Bloß und nackt stand ich unter dem Wasserstrahl und fror vor Angst. Ich wollte sie umarmen, griff nach ihr, nach ihren Armen, wollte mich an ihr wärmen, ihre Nähe spüren, sicher sein. Sicher, dass sie mich nie wieder verlässt.

Mit einem Mal wurde es ihr zu bunt. Ihr Blick verdunkelte sich, wurde messerscharf und kalt. Sie wehrte mein Flehen ab und brüllte los: „Stell dich nicht so an!" Dieser Ausdruck in ihren Augen. Ich sah, wie sehr sie mich hasste. Ich hatte solche Furcht vor ihr und schämte mich. „Mama, Mama, nein, es war doch keine Absicht. Ich wollte dich nicht ärgern. Bitte, nein, es tut mir so leid! Mama!"

Ich bettelte und flehte, doch dann schlug sie zu.

Ich hob die Arme vor den Kopf und schützte mein Gesicht. Mit beiden Händen prügelte sie hemmungslos auf mich ein. So viele Hände auf meiner Haut. Sie schnellten überall auf meinen Körper. Sie schlug zu, bis ich im nassen Duschbecken keinen Halt mehr fand.

Ich glitt im rutschigen Schaum aus, verlor das Gleichgewicht, wieder und wieder. Ich kämpfte mich hoch, bis der nächste Hieb mich niederdrückte, stürzte auf das aufgeschlagene Knie, das erneut zu bluten begann.

Das Blut rann schlängelnd über die weiße Bodenfläche bis hin zum Abfluss. Sie drosch auf mich ein, für mich gab kein Entkommen. Ich hatte die Prügel ja auch verdient, ich weinerliches Kind, das sich anstellt. Alles hatte ich falsch gemacht. Alles war nur meine Schuld.

Es wurde still. Die Schläge hatten aufgehört. Meine Mutter saß vor mir auf dem Boden und weinte. Ich wagte kaum, aufzublicken und sie anzusehen. Mit gesenkten Lidern schaute ich langsam an ihr hoch. Sie massierte zaghaft ihre Hände, die rot und leicht geschwollen waren.

Ich kauerte in der kleinen Wanne und wusste plötzlich sicher, es wäre gut, nicht mehr zu sein. Wie sollte es nun weitergehen? Werden wir uns je wieder ansehen können? Nichts könnte je wieder gut werden. Alles war verloren.

Ich war sechs Jahre alt und hatte keine Hoffnung mehr.

Dann war alles taub, wie ein Film, der abrupt endet. Was mir bis heute davon bleibt, ist Angst. Angst, nicht geliebt und nichtsahnend verlassen zu werden. Vor Dunkelheit und Tannen. Die Angst vor der Angst. Was bleibt, ist die Scham, das Misstrauen gegenüber meinen eigenen Gefühlen und diese unermesslich große Schuld. Und schließlich auch die Sicherheit, dass es keine Sicherheit gibt.

Der Beitrag ist ein Auszug aus Kinderseelenallein - Die Narben meiner Kindheit und wie ich ins Leben fand von Ann Helena Neudek

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