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Angst vor einen FPÖ-Sieg: So verbissen streiten sich die Menschen in Wien

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NORBERT HOFER
Norbert Hofer: Der wohl meistgliebte und meistgehasste Österreicher derzeit | Dominic Ebenbichler / Reuters
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Die junge Frau hat eine sanfte Stimme. Sie trägt zu ihrer Bluse Perlen-Ohrstecker und ihre aufrechte Haltung wirkt, als hätte sie einst eine gute Erziehung genossen. Gleich kommt der Zug am Wiener Hauptbahnhof an. Vorher aber bekommt sie noch einen Anruf.

Das Thema ist die österreichische Präsidentenwahl am Sonntag.

"Der wählt Hofer, weil er noch nie Sex hatte"

„Und du glaubst, dass K. die FPÖ wählen will?“, sagt sie. So laut, dass der halbe Waggon mithören kann.
„Nicht dein Ernst?“, echauffiert sie sich. „Der wählt doch nur deshalb den Hofer, weil er noch nie Sex gehabt hat.“
„Ahh, geh, mit dem red ich erst gar nicht mehr.“

Es scheint bisweilen, als hätten beide Lager bereits alle Argumente ausgetauscht.

Österreich, die am stärksten organisierte Demokratie der Welt

Österreich ist seit jeher ein Land, in dem Politik eine wichtige Rolle spielt. Die Alpenrepublik gilt mit gut einer Millionen Parteimitgliedern (bei etwa 8,5 Millionen Einwohnern) als die am stärksten durchorganisierte Demokratie der Welt. Wer Mitglied in der ÖVP oder in der SPÖ ist, was ungefähr auf jeden neunten Österreicher zutrifft, der fördert damit nicht selten auch seine Karrierechancen.

Doch seitdem feststeht, dass sich in der Stichwahl um das Bundespräsidentenamt ein Kandidat der FPÖ mit einem der Grünen messen wird, scheint das ganze Land tatsächlich politisiert.

„Gibt es jemanden in diesem Land, der eine Tastatur bedienen kann und noch keine öffentliche Wahlempfehlung abgegeben hat?“, schreibt der Journalist Rainer Nowak in der Samstagsausgabe der liberalen Zeitung „Die Presse“.

Ein Riss durchzieht Österreich

Im Ausland lebende Österreicher beklagen sich darüber, dass ihre Wahlunterlagen zu spät zugestellt wurden. Noch nie wurden so viele Brief-Wahlkarten ausgestellt, insgesamt fast 900.000. Eigentlich geht es am Sonntag nur um die Besetzung eines relativ einflussarmen Staatsamtes – de facto könnte sich aber die politische Marschrichtung des Landes entscheiden. Erstmals in der jüngeren Geschichte könnte ein Rechtspopulist zum Staatsoberhaupt eines westlichen Landes gewählt werden.

Wer dieser Tage in Wien genau hinschaut, der entdeckt die Risse, die das Land durchziehen.

Alle Wahlplakate verunstaltet

Am einfachsten erkennt man das an den Wahlplakaten: In der gesamten Hauptstadt gibt es kaum ein Portrait von Norbert Hofer (FPÖ) oder Alexander Van der Bellen (Grüne), das nicht in irgendeiner Form beschädigt ist. Van der Bellens Plakate wurden im Bereich des Ersten Bezirks beispielsweise flächendenkend mit rot-weiß-roten Stickern Stickern überklebt, auf denen unter anderem vor „Islamisten“ und „Salafisten“ gewarnt wird.

Hofers Plakate dagegen sind oft eingetreten, zerrissen oder mit diversen Bartfrisuren aus verschiedenen Epochen deutsch-österreichischer Geschichte verziert.

Nobert Hofer: Meistgehasst, meistgeliebt

Der 45-jährige Hofer ist derzeit wohl in Personalunion der meistgehasste und meistgeliebte Politiker in Österreich.

Sein Wahlkampfabschluss fand am Freitag auf dem Viktor-Adler-Markt im Zehnten Bezirk statt. Der Namensgeber des Platzes war einst einer der Gründer österreichischen Sozialdemokratie. Doch schon seit einiger Zeit nutzt die rechtspopulistische FPÖ diesen Ort für ihre Wahlkundgebungen im einst so „roten“ Wien.

Dutzende Polizisten mussten darauf aufpassen, dass es im Umfeld der Veranstaltung friedlich blieb. Die etwa 1000 Besucher sammelten sich hinter stählernen Absperrgittern. Hofers Kundgebung wurde mit dem Aufwand eines mittleren Staatsbesuchs geschützt.

Hofer-Fans mit Barbourjacke oder Bierdose

Hofers Zuhörer kamen aus beinahe allen gesellschaftlichen Schichten: Barbourjacken-Träger standen neben Kettensäufern, Hooligans mit „patriotischen“ Tätowierungen auf den Waden fanden sich neben Familienvätern mit ihren Kindern wieder.

Als Hofers Wahlkampflied gespielt wurde, zeigten einzelne Gäste den Hitler-Gruß.

Geimein war vielen Gästen der Veranstaltung die Begeisterung für die Person Hofer. Egal ob Barbourjacke oder Bierbecher: Fast jeder stimmte in die „Hofer! Hofer!“-Sprechchöre mit ein, und es wirkte manchmal so, als fände auf dem Viktor-Adler-Platz keine Politikkundgebung, sondern ein Fußballspiel statt.

Van der Bellen liegt vorne

Der Präsidentschaftskandidat beließ es an diesem Abend bei milden Worten. Er wollte offenbar vermeiden, dass seine Aussagen so kurz vor der Wahl noch skandalisiert werden. Mit tränenerstickter Stimme dankte er seinen Anhängern für deren Unterstützung. Hofer beschwor die Geschichte Österreichs, wiederholte immer wieder den Satz: „Und am Sonntag werde ich Bundespräsident sein!“

Der FPÖ-Kandidat liegt in den jüngsten Umfragen einige Prozentpunkte vor Alexander Van der Bellen. Allerdings nur, wenn man alle Österreicher befragt. Bei denen, die sicher zur Wahl gehen wollen, hat der Grüne knapp die Nase vorn. Anders ausgedrückt: Hofer muss aufpassen, dass er es sich nicht mit den Unentschlossenen verscherzt.

Hofer überlässt das Hetzen kurz einem anderen

Für den authentischen FPÖ-Tonfall sorgte an diesem Nachmittag ein anderer. Der Wiener Vize-Bürgermeister Johann Gudenus war dafür zuständig, bei den Gästen noch vor Hofers Rede das politische Hochgefühl zu erzeugen.

Der sprach von „so genannten Flüchtlingen“ und beklagte sich über die angebliche Verteilung der Finanzmittel: „Alles für die so genannten Flüchtlinge und nichts für die Wiener!“ Seine Freiheitlichen würden darüber hinaus dafür eintreten, die heimischen Frauen und Kinder zu beschützen. Aus dem Kontext war deutlich erkennbar, vor wem: Natürlich vor der Bedrohung durch die angeblich wuchernde Ausländerkriminalität. Und als ob das noch nicht deutlich genug gewesen wäre, zitierte Gudenus gleich mehrmals die in Deutschland von Pegida vereinnahmte Losung: „Wir sind das Volk!“

An die Adresse von Angela Merkel sagte Gudenus: „Wir müssen uns von der Willkommenskultur verabschieden und eine Verabschiedungskultur willkommen heißen.“

Großer Applaus am Viktor-Adler-Markt.

Aus der Zeit gefallen

Einige Straßen weiter haben Wiens Autonome ein Haus angepinselt. „Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten. Nimm dein Leben selbst in die Hand!“

Nie zuvor wirkte die Hausbesetzerszene so aus der Zeit gefallen wie in diesen Tagen.

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