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Ich schäme mich, Österreicherin zu sein

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AUSTRIA
Ich schäme mich, Österreicherin zu sein | Leonhard Foeger / Reuters
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Ich habe mich immer gerne als Exilpatriotin bezeichnet. Das soll heißen: Ich bin immer dann stolz auf mein Heimatland gewesen, wenn ich nicht dort war.

Seit fast vier Jahren lebe ich in Deutschland und war bisher immer glücklich, Österreicherin zu sein. Nicht nur, dass ich mein Land immer verteidigt habe, wenn mich jemand auf unseren komischen Dialekt, unsere braune Vergangenheit und unseren unwichtigen Platz im Weltgeschehen angesprochen hat. Ich habe sogar immer hervorgehoben, wie toll mein Land doch ist.

Dann kommt der 24. April 2016. Ein Sonntag. Die erste Runde der Bundespräsidentenwahl. Alle Österreicher wissen, dass es noch eine zweite Runde geben wird, mit zwei Kandidaten in der Stichwahl.

Aber niemand – nein, wirklich niemand – hat damit gerechnet, dass Norbert Hofer, der Kandidat der FPÖ, mit 35 Prozent der Stimmen einen beachtlichen Abstand zu allen anderen Kandidaten erzielen wird. Prognosen haben eigentlich Alexander Van der Bellen, der jetzt gegen Hofer in der Stichwahl antritt, als Gewinner gesehen. Er bekommt 21 Prozent der Stimmen.

Mein nächster Präsident ist ein rechter Populist

Es ist der Tag, an dem ich aufhöre, Österreich zu verteidigen. Denn an diesem Tag dämmert mir, dass mein nächster Präsident vielleicht ein rechter Populist ist. Ein Mann, der ...

... von einer „muslimischen Invasion“ fantasiert.

... sich als die „freiheitliche Erneuerungskraft, die mit dem Besen durch das Land fegt“, bezeichnet.

... sich weigert, in der Bundeshymne „Heimat großer Töchter und Söhne“ zu singen und die „Töchter“ einfach weglässt, weil er von Gender nichts hält.

... ankündigt, die Regierung einfach zu entlassen, wenn sie nicht nach seinen Vorstellungen arbeitet.

... Ehrenmitglied der Burschenschaft Marko-Germania ist, welche „die geschichtswidrige Fiktion einer österreichischen Nation ablehnt“ und mit der Vorstellung eines großdeutschen Reiches sympathisiert.

... schon einmal das NS-Verbotsgesetz abschaffen wollte.

... keine Berührungsängste mit dem äußersten rechten Rand hat und Mitarbeiter in seinem Büro beschäftigt, die an Neonazi-Aufmärschen teilnehmen.

Am kommenden Sonntag wird höchstwahrscheinlich mehr als die Hälfte der Wähler diesem Mann ihre Stimme geben.

Ich werde Österreich nicht mehr verteidigen

Und ich werde mein Land diesmal nicht verteidigen. Ich werde nicht sagen, dass ihn nur ungebildete, junge Männer gewählt haben. Denn wir mögen bei Pisa-Tests schlecht abschneiden, aber diese Gruppe macht trotzdem nicht 50 Prozent der Bevölkerung aus.

Ich werde nicht sagen, dass das nur Protestwähler sind. Denn dann würde der Protest schon sehr lange anhalten. Die FPÖ hat bei so gut wie allen Wahlen in den letzten vier Jahren massive Zugewinne eingefahren.

Hofer und die FPÖ alleine sind nicht der Grund, warum ich mich schäme. Hofer ist ein Symbol. Hofer steht für das Österreich, das es immer gab, aber das erst jetzt wieder seine schlimme Fratze zeigt. Er steht für das Österreich, auf das ich nicht stolz bin.

Hofer steht für ein Österreich, das zu schnell vergisst

Er steht für ein Österreich, in dem man sich ganz unverhohlen „einen kleinen Hitler“ zurückwünschen kann – ja, genauso hat es meine Mutter kürzlich auf einem Wochenmarkt gehört.

Für das Österreich, in dem jeder jemandem etwas neidet. In dem man Angst hat, dass ein Ausländer einem „armen Hackler“ (Arbeiter) den Job wegnimmt. Und zwar so große Angst, dass man Menschen, die in ihrer größten Not zu uns gekommen sind, als „Schmarotzer“ oder „Höhlenmenschen“ bezeichnet.

Es ist das Österreich, das einfach nicht aus seiner eigenen Geschichte lernen will. Das jetzt wieder eine Partei wählt, die noch vor zwölf Jahren in der Regierung war – und deren Minister und Abgeordnete sich so korrupt daran bereichert haben, dass der Steuerzahler noch heute tief in die Tasche greift.

Novomatic, Buwog, Eurofighter, Tetron, Telekom. Mensch Österreich, wie vergesslich bist du?

Es ist das Österreich, das schimpft, ohne eine Lösung zu haben. Genauso wie die FPÖ. Genauso wie Hofer.

"Wir haben die höchste Arbeitslosigkeit in der Geschichte der zweiten Republik. Es gibt diese Abstiegsängste und es gibt außer der FPÖ keine politische Kraft in Österreich, die dem Unmut darüber Ausdruck verleihen kann", analysiert der Politologe Benjamin Opratko den Höhenflug Hofers und der FPÖ.

Der Politologe Reinhold Gärtner sieht das ähnlich: „Die FPÖ holt die Leute gut ab. Sie sagt ihnen zuerst, dass sie Angst haben und die Antwort lautet: Ihr habt Angst und wir beschützen euch.“ Aber das wird sie nicht.

Hofer wird Österreich vielleicht nicht ins Chaos stürzen. Er könnte rein theoretisch die Regierung entlassen und seinen Parteikumpanen Heinz-Christian Strache einfach zum Kanzler ernennen. Aber das wird er nicht tun. Er hat als Präsident vor allem ein repräsentatives Amt.

Und die Geschichte wird sich im Kreis drehen. Wahrscheinlich. Hoffentlich. Wieder wird die FPÖ entzaubert werden, wenn sie an der Macht ist. "Der FPÖ fehlen kompetente Fachpolitiker und entsprechende Berater, die wissen, wie man Gesetze vorbereitet und umsetzt", sagt Österreichs bekanntester Politikforscher Peter Filzmaier in der "Zeit". Und er wird Recht behalten.

Aber bis dahin wird Hofer Österreich repräsentieren. Und zwar auf der ganzen Welt. Und damit das Österreich, das ich nicht mag.

Und ich werde mich überall schämen, Österreicherin zu sein. Und ich tue es jetzt schon.


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen nehmen kein Ende. Auch, weil es viel zu wenig Rettungskräfte auf dem Mittelmeer gibt. Hier versucht die Mannschaft des Schiffes Sea Watch 2. zu helfen. Spenden benötigt die Crew für Nahrung, Schwimmwesten und Medikamente.

Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

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(sk)