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Engagement gegen Extremismus: 5 Experten erklären, was funktioniert

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RADICALIZATION
| Dado Ruvic / Reuters
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Junge Menschen überall auf der Welt radikalisieren sich und schließen sich extremistischen Gruppen an. Die neusten Zahlen des International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR) zeigen, dass rund 20.000 Ausländer in die Krisengebiete im Irak und Syrien gereist sind, um zu kämpfen. Ein Fünftel von ihnen stammt aus westlichen Ländern.

Außerdem erschüttern Terroranschläge die Welt, allein 2015 gab es mehr als 300 Vorfälle.

Gleichzeitig kämpfen Menschen und Organisationen in aller Welt erfolgreich gegen Extremisten – mit erstaunlichen Erfolgen.

Warum werden junge Menschen radikal?

Die Gründe für die Radikalisierung junger Menschen sind vielfältig. Die politische Instabilität, das aggressive Einmischen des Westens im Nahen Osten, das Fehlen einer Plattform zum Meinungsaustausch und fehlende Arbeitsplätze gehören dazu.

Man sieht: Radikalisierung ist kein rein religiöses Phänomen.

“Wer sich von Terror angezogen fühlt, leidet an sozialer Entfremdung“

Im Westen glauben manche auch, dass Radikalisierung die Folge eines Kampfes um die eigene Identität sein kann. Aminul Hoque, Pädagogik-Dozent an der Goldsmith University in London, schreibt in einer Kolumne auf der Website „The Conversation“: Junge britische Muslime lebten „inmitten einer moralischen Panik“, die von der Regierung und der Klatschpresse geschürt werde. Sie würden „als die nicht-britischen, gewalttätigen, irrationalen ‚anderen’“ beschrieben. „Der britische Islam ist gleichermaßen friedlich, spirituell und sehr britisch“, schreibt Hoque.

„Die große Mehrheit der Menschen, die sich von der Ideologie des Terrorismus, der Gewalt und des Mordes angezogen fühlt, leidet an einer tiefen sozialen Entfremdung und ist psychologisch von der allgemeinen Gesellschaft abgeschnitten.“

Rückkehrer wieder in die Gesellschaft aufnehmen

Dänemark versucht, diese Menschen wieder zu resozialisieren. Und so der Radikalisierung entgegenzuwirken. Das Pilotprojekt Aarhaus Model läuft über drei Jahre und soll Rückkehrern aus dem Nahen Osten helfen, sich zu integrieren – vorausgesetzt, sie achten die dänischen Gesetze.

Das Projekt ist eines von vielen. Wir haben mit fünf Experten gesprochen, die auf diesem Gebiet forschen; mit Aktivisten, die Basisarbeit verrichten und mit Personen, die aus erster Hand über Radikalisierung berichten können.

1. Professor Lee Marsden: Dekan für Politik an der University of East Anglia, Großbritannien

„Informiert die Öffentlichkeit und die Politiker, ändert den politischen Kurs!“

Um die Radikalisierung zu bekämpfen, muss die westliche Politik ihren Kurs ändern. Sie verfolgt immer noch militärische und politische Interventionen in mehrheitlich muslimischen Ländern. Das ist der erste und wichtigste Schritt.

Zweitens braucht es eine bessere religiöse Information, damit die westliche Bevölkerung und besonders die Medien und Politiker ein besseres Verständnis davon entwickeln.

Drittens müssen wir Maßnahmen gegen Islamophobie und Antisemitismus im Westen ergreifen.

Viertens muss der interreligiöse und religiös-säkulare Dialog intensiviert werden, um den Konzepten gewalttätigen Extremisten die Stirn zu bieten.

Fünftens sollte man sich an dem dänischen Modell ein Beispiel nehmen und es IS-Rückkehrern ermöglichen, sich in die Gesellschaft zu integrieren und sie unterstützen.

Derzeit gibt es Hindernisse für all diese Initiativen: Westliche Regierungen streiten ab, dass ihre Politik Radikalisierung fördert. Viele finden, alle Radikalisierten gehörten ins Gefängnis oder getötet statt resozialisiert. Es fehlt Vertrauen zwischen Regierungen und durchschnittlichen Muslimen und deren Organisationen. Es fehlt Vertrauen zwischen Moscheegemeinden, wenn es darum geht, gemeinsam mit der Regierung Anti-Terrorismus-Initiativen zu ergreifen – diese werden oftmals so aufgefasst, als zielten sie allein auf muslimische Gemeinden ab.

Lee Marsden konzentriert sich in seiner Forschung vor allem auf Religion, Sicherheitspolitik und die Außenpolitik der USA. Er hat sechs Bücher geschrieben, darunter „For God’s Sake: The Christian Right and US Foreign Policy“ (2013, Zed Books).

2. Samar Samir Mezghanni: Mitbegründerin der Young Arab Voices in Tunesien

„Gebt den Menschen Raum, um sich mitzuteilen“

In Tunesien haben wir jahrelang unter Diktatur und Zensur gelitten. Die Menschen hatten keinen sicheren Raum zum Meinungsaustausch. Manche Menschen wenden dann der Gewalt zu. Das ist ihre Art, sich auszudrücken. Sie sind leicht zu manipulieren.

Nach meinem Studium in Großbritannien entschloss ich mich 2011 dazu, wieder nach Hause, nach Tunesien, zurückzukehren. Ich wollte meinen Teil zur Gründung des Debattierprogramms Young Arab Voices beitragen, dem ersten seiner Art. Es ist immer noch das größte Debattierprogramm im arabischen Raum.

Wir wollten die Meinungsfreiheit in logische, tolerante und friedliche Bahnen leiten, in denen auch andere Meinungen akzeptiert werden. Debattiert man, so treffen unterschiedliche Sichtweisen aufeinander, das jedoch in sicherer und respektvoller Manier.

In den vergangenen vier Jahren haben wir in ganz Tunesien Workshops veranstaltet – in Universitäten, Schulen, Jugendklubs und Kulturzentren. Wir haben die Teilnehmer in Diskussionstechniken eingeführt und sie als Mentoren dabei unterstützt, das zu debattieren, was ihnen am wichtigsten ist.

Manchmal fordern wir sie dazu auf, eine Position einzunehmen, die von ihrer eigenen abweicht. Wir ermutigen sie, eine Haltung zu verteidigen, die nicht mit ihrer eigenen übereinstimmt. Wir veranstalten auch Debattierwettbewerbe und wöchentliche öffentliche Debatten.

Samar Samir Mezghanni ist eine tunesische Kinderautorin und Doktorandin in Middle Eastern Studies an der University of Cambridge.

3. Haras Rafiq: Geschäftsführer der Quiliam Foundation

„Wir brauchen eine Koalition der Zivilgesellschaft gegen die Radikalisierung“

Wir bekämpfen Radikalisierung und Extremismus auf so vielen Ebenen wie nur möglich. Eines der aufregendsten Projekte, an dem wir momentan arbeiten, wird von unserer Abteilung für Kunst durchgeführt.

Unsere #notanotherbrother-Kampagne ging viral und hat in den ersten sieben Tagen rund eine halbe Milliarde Interaktionen auf Youtube, Twitter und Facebook gehabt. Ein enormer Erfolg.

Dieses Jahr planen wir eine sechswöchige kreative Phase bei Quiliam. All unser Wissen zur Bekämpfung des Extremismus und zum Aufbau von Widerstand soll mittels aller uns zur Verfügung stehender künstlerischer Mittel, Marketing- und Kampagneninstrumente den Massen zugänglich gemacht werden.

Wir werden das Theaterstück „Generation Jaded“ („Generation abgestumpft“) aufführen, das von einem preisgekrönten Autor verfasst wurde. Außerdem wird es rund um London Veranstaltungen geben: Konferenzen mit Experten auf diesen Sachgebieten, ein Konzert und der Quiliam-Sommer-Ball als Abschluss. Für uns ist das ein wichtiger Teil bei der Bildung einer Koalition gegen Radikalisierung mit der Zivilgesellschaft.

Quiliam ist ein britischer Thinktank, der Extremismus, insbesondere den Islamismus, mit Politik, Engagement, Information und Forschung bekämpfen will. Die Organisation berät die britische Regierung und verfasst regelmäßig Berichte und Studien.

4. Tanya Silverman: Koordinatorin bei Against Violent Extremist Network

„Opfer von Radikalisierung können helfen, diese zu stoppen“

AVE ist für viele ehemalige Extremisten zu einem Zufluchtsort geworden. Hier helfen sie, den Fluss von Menschen, die sich extremistischen Gruppen anschließen wollen, aufzuhalten. Oder sie unterstützen jene, die sich noch in diesen Gruppen befinden und jetzt den Absprung schaffen wollen.

Unsere Mitglieder arbeiten quer durch verschiedene Kulturen, von den USA bis Indonesien und auch überall sonst.

In unserem Schulprogramm „Extreme Dialogue“ schauen sich Schüler Videogeschichten von ehemaligen Extremisten an und diskutieren anschließend unter der Leitung der Lehrer die nicht selten schwierigen Fragen der Radikalisierung.

Andere Mitglieder nutzen Facebook, um gefährdete Personengruppen mittels Schlüsseldaten wie Ort, Interessen und Gruppenmitgliedschaft zu identifizieren. Sie haben Rechtsextremisten und Islamisten ausgemacht und per Facebook-Messenger angeschrieben. Über 60 Prozent der Nachrichten wurden gelesen und es gab in vielen Fällen ein großes Engagement. Das Projekt hat gezeigt, dass eine Veränderung des Verhaltens auf lange Sicht möglich ist, wenn man nur Vertrauen aufbauen kann.

Beim Kampf gegen Radikalisierung hilft die Erfahrung früherer Extremisten enorm. Sie waren dort, sie waren dabei, sie waren Zeuge. Sie wissen, was funktioniert.

Against Violent Extremism ist ein Online-Netzwerk ehemaliger Extremisten die daran arbeiten, gewalttätigen Extremismus weltweit zu bekämpfen.

5. Todd C. Helmus: Behaviourismus-Experte der Rand Corporation


„Unterstützt Gemeinden dabei, Alternativen anzubieten“

Wir bei Rand führen Untersuchungen und Analysen durch, die helfen sollen, Operationen gegen gewalttätigen Extremismus zu verbessern.

Bei jungen Menschen, die sich dem IS oder Al-Kaida anschließen, gibt es eine sehr starke ideologische und theologische Komponente. Ich glaube nicht, dass sich junge Menschen dem IS anschließen, weil sie eine anti-amerikanische Sichtweise haben oder es ihre Antwort auf die US-Außenpolitik ist.

Sie schließen sich diesen Gruppierungen an, weil sie das, was der Islamische Staat ihnen augenscheinlich bietet, attraktiv finden: eine utopische islamische Gesellschaft.

Manche von ihnen fühlen sich in der westlichen Gesellschaft auch fremd. Weil die USA keinen effektiven oder glaubwürdigen Dialog über islamische Theologie führen können, ist es schwierig, diese Message in diesem Rahmen erfolgreich zu vermitteln.

Hier liegt die Verantwortung jetzt bei lokalen Gruppen und Organisationen. Die USA können diesen Organisationen helfen – wenn sie diese Hilfe oder auch internationale Hilfe annehmen wollen. Auch internationale Organisationen wie der Global Community Engagement and Resilience Fund der UNO und Hedaya in Abu Dhabi und können lokalen Organisationen in diesem Rahmen helfen.

Todd Helmus‘ Forschung konzentriert sich auf die Bekämpfung militanter Rekrutierung und die Eindämmung der Unterstützung für Terrorismus sowie die Aufstandsbekämpfung. Er war als politischer Berater für die USA im Irak und in Afghanistan tätig.


Dieser Artikel erschien zuerst auf "Positive.news" und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt und von Susanne Klaiber bearbeitet.


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