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Mein erstgeborener Sohn: Es liegt nicht an dir, es liegt an mir

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Mein lieber erstgeborener Sohn,

ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich dich zum ersten Mal in meinen Armen hielt. Du wurdest zu einem Sohn und ich wurde zu einer Mutter.

Ich hatte lange Zeit darüber nachgedacht, wie mein Leben als Mutter sein würde. Wie ich sein würde und wie du sein würdest. Und trotzdem war ich nicht genug darauf vorbereitet. Für einen Moment glaubte ich, im Himmel auf Erden zu sein und ich war noch nie zuvor so zuversichtlich und gleichzeitig auch so unsicher.

Ich wusste, dass du und ich gut miteinander klarkommen würden. Doch ich wusste auch, dass ich von jetzt auf gleich erwachsen werden muss, damit ich deine Mama sein kann.

Du hast an mich geglaubt, das spürte ich.

Ich war davon ausgegangen, dass ich einfach wissen würde, wie das geht. Dass ich wissen würde, wie es geht, dich zu lieben und dich in jeder Phase deines Lebens gut zu erziehen. Doch ich wusste es nicht.

Als du erst ein paar Tage alt warst, rief ich um 1 Uhr nachts tränenüberströmt einen Arzt an, weil ich dich nicht füttern konnte. Du hast geschrien und ich habe geweint. Wir waren beide völlig aufgelöst.

Jetzt helfe ich dir, deine Schulzeit gut zu überstehen und ich stehe dir bei deinem Kummer darüber, dass dein bester Freund wegzieht, bei. Eigentlich sollte ich wissen, wie man das am besten macht, mein Sohn, doch manchmal weiß ich es nicht.

Ich erwarte viel zu viel von dir, mein Sohn. Ich versuche, es sein zu lassen, doch ich tue es trotzdem.

Es liegt nicht an dir, es liegt an mir.

Manchmal übertrage ich meine eigenen Unsicherheiten und meine unrealistischen Erwartungen auf dich, und es tut mir unglaublich leid. Wenn du dich fragst, ob du etwas falsch machst, ob du etwas nicht richtig hinbekommst, dann will ich, dass du weißt, dass du alles ganz genau richtig machst.

Auch ich bin ein erstgeborenes Kind, mein Sohn. Und schon als ich selbst noch zur Schule ging habe ich davon geträumt, dich eines Tages zu bekommen und einen Weg zu finden, dich frei von jeglichem Perfektionismus großzuziehen.

Ich wollte nie, dass die strenge Stimme, die aus Angst und Idealismus heraus spricht, dir leise ins Ohr flüstert: "Vermassle es ja nicht!" Doch ich habe meinen Traum nicht umgesetzt. Ich sehe es in deinen Augen, wenn du dir den Kopf über Prüfungen in der Schule zerbrichst oder wenn ich dich wegen Kleinigkeiten anfahre.

Es tut mir so leid, mein Sohn. Es liegt nicht an dir, es liegt an mir.

Es ist nämlich eigentlich so, dass du perfekt bist, mein Sohn. Denn Perfektion bedeutet nämlich etwas ganz anderes, als wir uns darunter vorstellen. Es geht dabei nicht um eine Norm, der wir gerecht werden müssen, oder eine unmögliche Erwartung, die wir erfüllen müssen. Es geht um den Schatz, der bereits in dir verborgen ist. Es geht um den Menschen, der du ungeachtet deiner Fehler oder Erfolge bist.

Ich bin so wahnsinnig stolz auf dich.

Selbst wenn du kein "lieber" Sohn wärst. Selbst wenn du vergessen würdest, auch an andere zu denken und ein "guter Mensch" zu sein. Ich bin auf deiner Seite, und zwar bei jeder einzelnen Gelegenheit. Ich feuere dich an und gemeinsam wir finden für alles eine Lösung.

Du könntest ein richtig schlechter Schüler sein und keine einzige Prüfung in Textaufgaben oder keinen einzigen angekündigten Mathetest mehr bestehen und ich würde dich trotzdem niemals mit anderen Augen sehen oder weniger stolz auf dich sein.

Du könntest Vereinssport doof finden und davonlaufen, wenn du eine Übung machen sollst, so wie du es im Kindergarten getan hast. Ich verstehe das, denn mir ging es genauso. Du brauchst nicht das Gefühl haben, mich zu enttäuschen, denn das tust du nicht.

Du könntest heiraten, oder auch niemals heiraten. Du könntest studieren, oder auch nicht. Du könntest eine tolle Karriere hinlegen oder einfach gar nichts tun. Du könntest extrem erfolgreich sein oder einen Fehler nach dem anderen machen.

Und trotzdem würde ich nicht weggehen. Es gibt keinen Fehler und keine Entscheidung, die mich dazu bringen könnten, wegzugehen – absolut nicht. Ich könnte nicht stolzer auf dich sein oder dich mehr lieben.

Ich habe Angst



Sollte ich dir jemals den Eindruck vermitteln, dass all diese Dinge nicht stimmen, dann musst du wissen, dass es nicht daran liegt, dass du versagt hast, sondern daran, dass ich Angst habe.

Ich habe Angst, dass ich etwas falsch mache oder dass ich dir nicht das geben kann, was du brauchst. Ich habe Angst, dass ich nicht dafür geschaffen bin und dass andere Mütter es vielleicht besser hinbekommen als ich.

Ich denke darüber nach, dass ich dich fernsehen lasse und dass ich nicht jedes Abendessen frisch zubereite. Und ich frage mich, ob ich dich nicht noch ein wenig mehr lieben könnte. Ich denke darüber nach, dass ich immer noch so unglaublich egoistisch bin und dass ich manchmal so sehr mit mir selbst beschäftigt bin, dass ich dich dadurch vernachlässige.

Ich denke darüber nach, dass ich Erwartungen an dich stelle, obwohl ich mir geschworen hatte, das nicht zu tun. Und ich bin besorgt und unsicher, weil ich nicht weiß, ob ich gut genug dafür bin.

An manchen Tagen bin ich auch albern und überdramatisch. Das liegt dann daran, dass meine Hose zu eng sitzt und das Haus zu unordentlich ist und ich das Gefühl habe, komplett versagt zu haben.

Manchmal liegt es auch daran, dass ich versuche, keinen Zucker zu essen und keinen Kaffee zu trinken und dass ich dann an nichts anderes als an Zucker und Kaffee denken kann. Es ist dumm, es ist peinlich, doch es ist die Wahrheit.

Es liegt nicht an dir, mein Sohn, es liegt an mir.

Du bist jetzt neun Jahre alt und manchmal frage ich mich, ob ich schon bald keine Fehler mehr machen darf. Ob du dich eines Tages von mir abwendest, weil ich zu viel von dir verlange. Doch du verzeihst mir immer wieder, du hörst nicht auf, an mich zu glauben, und du vertraust mir immer – genau wie damals, als du noch ein Baby warst und ich nicht wusste, wie ich dich stillen soll.

Durch dich bin ich ein besserer Mensch

Danke, dass du mich liebst, obwohl ich alles andere als perfekt bin. Durch dich bin ich zu einem so viel besseren Menschen geworden und ich bin noch immer am lernen ...

Ich lerne, mich genauso anzunehmen, wie ich dich annehme.

Ich liebe dich, mein Sohn. Mehr als ich mit Worten ausdrücken kann. Danke, dass du zusammen mit mir groß wirst.

In Liebe,

Deine Mama, die für immer für dich da ist.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA und bei Wonderoak erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.


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(glm)