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4 Arten, wie Kindergärten und Grundschulen unsere Kinder unter Druck setzen

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KINDERGARTEN
Kinder stehen unter Lerndruck | Mika/Fuse via Getty Images
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Sam kam in dem Jahr mit dem Kindergarten, in dem er im Oktober sechs wurde. Er war eines der ältesten Kinder in seiner Gruppe und er konnte noch nicht lesen. Als er mit fast sieben Jahren in die erste Klasse kam, konnte er immer noch nicht lesen.

Sam hatte Glück, denn er kam 1999 in die erste Klasse. Und seine Lehrerinnen Mrs. Gantt und Mrs. Floyd gerieten nicht gleich in Panik, wenn ein Kind im Kindergarten noch nicht Lesen gelernt hatte. Sie gingen sogar davon aus, dass die meisten Kinder erst in der ersten Klasse Lesen lernen. (Sie förderten und ermutigten jedoch auch die Kinder, die bereits im Kindergarten leicht Lesen gelernt hatten, so wie Sams Bruder Ben.)

Kindergartenkinder sollen frei spielen

Wenn Sam jedoch in diesem Jahr mit der Schule angefangen hätte, wäre er wahrscheinlich als "langsam" oder "entwicklungsverzögert" bezeichnet worden. Denn mittlerweile ist es zur Norm geworden, dass Kinder bereits im Kindergarten Lesen lernen sollen.

Obwohl die meisten Erzieher wissen, dass viele Kinder vor dem ersten Schuljahr noch gar nicht in der Lage sind, Lesen zu lernen. Obwohl in Ländern wie Finnland Kindergartenkinder dadurch erzogen werden, dass sie frei spielen dürfen und ihnen nicht bereits im Kindergarten akademische Fähigkeiten beigebracht werden. Und obwohl diese neue Norm dazu führt, dass Lehrer, Eltern und auch die Kinder selbst sich Sorgen machen, dass etwas "nicht stimmt", wenn die Kinder an ihrem ersten Schultag noch nicht lesen können.

Doch wisst ihr was? Sam ist nicht "langsam" oder "entwicklungsverzögert". Ebenso wie die meisten anderen Kinder, die im Kindergarten noch nicht lesen können. Sam konnte am Ende des ersten Schuljahres bereits relativ gut lesen und am Ende des dritten Schuljahres konnte er sogar schon richtig gut lesen.

Als er schließlich auf die Highschool kam, war er ein ausgezeichneter Schüler. Und letztes Wochenende hat er sein Studium abgeschlossen und sein Notendurchschnitt lag im Bereich zwischen "gut" und "sehr gut".

Unterschiedliche Erziehungsstandards

Was passiert also, wenn die neuen Erziehungsstandards es erfordern, dass Kinder wie Sam bereits im Kindergarten Lesen lernen müssen und dass Lehrerinnen wie Mrs. Gantt und Mrs. Floyd dafür zu sorgen haben, dass dies auch geschieht? Viele Erzieher sind der Meinung, dass dieses Vorgehen ineffektive und kontraproduktive Unterrichtsmethoden zur Folge hat. Das bedeutet, dass viele Kinder im Endeffekt viel weniger lernen und behalten, als sie es tun würden, wenn die Erziehungsmethoden im Kindergarten auf ihren Entwicklungsstand ausgerichtet wären.

Deshalb möchte ich euch folgenden Rat geben (ihr könnt euch natürlich eure eigene Meinung dazu bilden, denn ich bin ja keine Lehrerin. Ich bin jedoch Sams Mutter): Entspannt euch, wenn euer Sohn oder eure Tochter im Kindergarten noch nicht lesen kann. Denn es gibt noch viel, viel schlimmere Dinge, als im Kindergarten noch nicht Lesen zu lernen. Zum Beispiel diese vier:

1. Wenig Zeit für Kreativität

Kindern bleibt weniger Zeit für kreatives Spielen. Kleine Kinder lernen durch Spielen. Sie lernen etwas, wenn sie im Sand buddeln und tanzen und etwas bauen und Sachen umwerfen. Sie lernen nicht, indem sie stapelweise Arbeitsblätter ausfüllen. Und sie lernen etwas, wenn sie in Kontakt mit anderen Kindern sind. Sie lernen Probleme zu lösen, zu teilen und zusammenzuarbeiten. Sie lernen nicht, indem man ihnen Buchstaben eintrichtert.

Mrs. Gantt und Mrs. Floyd haben sich großartige Stuhlkreise und Thementage einfallen lassen, um den Kindern alle möglichen Themen von Häusern über Lastwägen und Haustiere bis hin zu Ozeanen näherzubringen. Und sie haben Lesen lernen und Mathematik so geschickt darin versteckt, dass die Kinder es nicht einmal bemerkt haben, weil sie so beschäftigt damit waren, zu spielen und sich etwas auszudenken!

Heutzutage müssen die Lehrer jedoch die Zeit für Stuhlkreise und Thementage einschränken (oder diese sogar komplett einstellen), weil durch die akademischen Ziele, die unbedingt erreicht werden müssen, keine Zeit mehr für kreatives Lernen bleibt.

Kinder bekommen weniger Bewegung. Es gibt nicht vieles, was so kontraproduktiv ist, wie Kindern weniger Pausen und Zeit zum Spielen und Herumtoben zu gönnen. Kinder können besser lernen, wenn sie sich bewegen. Eltern und Lehrer wissen das schon rein intuitiv, diese Tatsache wurde jedoch auch bereits durch Studien belegt.

Kinder, die mehr Zeit zum Herumtoben und Spielen haben, weisen eine bessere Gedächtnisleistung und eine höhere Gehirnaktivität auf. Und man sollte sich nicht darauf verlassen, dass kleine Kinder von Natur aus sehr aktiv sind und schon ausreichend Bewegung bekommen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass Kinder im Alter von drei bis vier Jahren sich überraschenderweise relativ wenig bewegen. Und dennoch verkürzen viele Schulen sogar bei sehr kleinen Kindern die Pausenzeiten oder schaffen die Pausen sogar komplett ab.

2. Unterricht: Nur noch Prüfungen

Der Unterricht ist nur noch auf Normen und Prüfungen ausgerichtet. Der Druck auf die Lehrer wächst, da sie ihre Schüler auf standardisierte Prüfungen vorbereiten müssen. Das bedeutet, dass sich ihr Unterricht verstärkt darauf konzentriert, die Kinder "für Prüfungen fit zu machen", statt sie anhand von Methoden zu unterrichten, die zum Entwicklungsstand und zum Lernverhalten der Kinder passen.

Ein Lehrer berichtete: "Mir ist aufgefallen, dass es in meinem Job mittlerweile nicht mehr darum geht, mich auf die Kinder, auf ihr individuelles Lernverhalten, auf ihre emotionalen Bedürfnisse und auf die Familien, Interessen und Stärken der einzelnen Kinder zu konzentrieren. Inzwischen geht es nur noch darum, kleine Kinder zu prüfen, zu bewerten und ihnen Noten zu geben ..." Diese Verschiebung der Schwerpunkte führt dazu, dass die Lehrer weniger Zeit haben, den Kindern lebenslanges Lernen nahezubringen und sie dabei zu unterstützen, weil sie sich darauf konzentrieren müssen, dass die Kinder bestimmte Normen erfüllen, die eigentlich unrealistisch für sie sind.

Frustration und Versagensängste. Kinder sind sich bewusst darüber, wenn sie die Erwartungen von ihren Lehrern und anderen Erwachsenen nicht erfüllen. Sie wissen jedoch nicht, dass diese Erwartungen oft unsinnig sind. Und da sie dies nicht wissen, entwickeln sie Frustration und Versagensängste, wenn sie den Erwartungen nicht gerecht werden.

3. Erfahrungsbasiertes Lernen

Ein Junge, der in der Vorschule richtig aufblüht, weil diese Vorschule auf erfahrungsbasiertes Lernen setzt, kann also beispielsweise in einem Kindergarten, der sich nur auf akademische Erfolge konzentriert, so viel Frustration aufbauen, dass er irgendwann "die Schule hasst". Und ein Mädchen, das es nicht schafft, 30 Minuten stillzusitzen und Arbeitsblätter auszufüllen, weiß ganz genau, dass es ihren Lehrer dadurch enttäuscht.

Sie weiß jedoch nicht, dass die Aufgabe für ihr Alter gar nicht geeignet ist. Das bedeutet, dass viele ganz normale Kinder Frustrationen aufbauen und abgestempelt werden, obwohl eigentlich das ganze System völlig unrealistisch ist. Es gibt dazu einen guten Artikel, in dem es klipp und klar heißt, dass "die meisten Kinder zwar bereit sind, hohe Erwartungen zu erfüllen, doch dass ihre Methoden und Fähigkeiten des Lernens sowie ihre Bereitschaft zum Lernen enorm darunter leiden, wenn viel zu hohe Anforderungen an sie gestellt werden."

4. Akademische Fähigkeiten

Gerate bloß nicht in Panik, wenn dein Kind im Kindergarten oder in der ersten Klasse noch nicht lesen kann. Sprich mit seinem oder ihrem Arzt über deine Bedenken, doch geh davon aus, dass er oder sie sich vermutlich ganz normal entwickelt. Wenn in der Schule deines Kindes der Fokus verstärkt auf akademische Fähigkeiten als auf spielerisches Lernen gelegt wird, dann sprich mit der Lehrerin. Es kann gut sein, dass sie frustriert ist und unter enormem Druck steht, weil sie ihre Schüler zu "bestimmten Leistungen" bringen muss.

Wenn dein Kind in einen Kindergarten geht, dessen Bildungspläne dir unrealistisch erscheinen und nicht zu deinem Kind passen (und wir mal davon ausgehen, dass dein Kind nicht den Kindergarten wechseln kann), dann mach deinem Kind klar, dass du nicht beunruhigt bist, wenn es im Kindergarten (oder auch in der ersten Klasse) noch nicht lesen kann. Erzähle deinem Kind von Leuten, die auch erst später lesen gelernt haben (wie Sam!) und dass das völlig in Ordnung ist.

Und dann unternimm Aktivitäten, die das wahre Lernen fördern. Lies deinem Kind zum Beispiel seine oder ihre Lieblingsbücher vor, spiele mit ihm, bring ihm nützliche Fähigkeiten bei und geh so oft wie möglich mit ihm raus, denn dort könnt ihr Spaß haben, aktiv sein und gemeinsam lernen.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)