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Warum die Diskussion um die Glyphosat-Zulassung auf ein viel größeres Problem verweist

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GLYPHOSAT
Glyphosat-Skandal: Wer regiert uns eigentlich - die Politik oder die Konzerne? | Getty Images
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Es ist eine Urangst vieler Bürger: Mächtige Großkonzerne entwickeln Produkte, die weltweit im Einsatz sind - und die der menschlichen Gesundheit massiv schaden.

Diese Angst hat viele Namen - einer davon ist Glyphosat. Das Pflanzenschutzmittel beschert dem umstrittenen US-Multi Monsanto seit Jahren Milliardengewinne.

Das Problem: Glyphosat steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Um es klar zu sagen: Es ist ein Verdacht, mehr nicht. Die wissenschaftlichen Studien widersprechen sich. Das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) zum Beispiel hält das Mittel für unbedenklich.

Bürger haben das Vertrauen verloren

In Deutschland kommt Glyphosat auf rund 40 Prozent der Felder zum Einsatz. Aber dort bleibt es nicht: Über die Nahrungsmittel gelangt es in den Körper. Selbst im Urin von Kindern haben Experten des Landesumweltamtes in NRW kürzlich Rückstände von Glyphosat nachgewiesen.

Jetzt entscheidet die europäische Kommission, ob das Pflanzenschutzmittel in der EU weiter verwendet werden darf. Auch die Bundesregierung muss ihre Zustimmung geben. In einer ersten Sitzung konnte sich die Kommission nicht über eine Zulassung einigen - die Entscheidung ist vertagt.

Passend zum Thema: "Es darf kein 'Weiter so' geben" - 5 Dinge, die ihr jetzt über Glyphosat in deutschem Bier wissen müsst

Die Entscheidung ist aber nicht nur eine Abstimmung über ein Pflanzenschutzmittel - sondern in der Diskussion um Glyphosat geht es eigentlich um ein viel größeres Problem.

Ist der Monsanto-CEO mächtiger als Angela Merkel?

Denn viele Bürger stellen sich in Hinblick auf die Zulassung des Mittels die Frage, wer eigentlich regiert: Sind es die Großkonzerne, die globalisierten Multis oder sind es die gewählten Politiker?

Seit Jahren zeigen Umfragen immer wieder, dass die Bürger einen zu großen Einfluss der Unternehmen auf die Politik beklagen. In einer älteren Forsa-Umfrage beklagten Dreiviertel der Deutschen, dass die "Wirtschaft derzeit den größten Einfluss auf die Entwicklung im Land hat". Vor allem die Arbeit der Lobbyisten sehen viele Bürger kritisch. Eine Mehrheit sprach sich jüngst dafür aus, dass die Namen aller Lobbyisten, die im Bundestag ein und aus gehen, veröffentlicht werden.

Die Bürger wollen mehr Transparenz über die Verbindung von Wirtschaft und Politik. Auf der anderen Seite fühlen sich die Menschen mit ihren Sorgen und Ängsten von der Politik nicht ernst genommen. Immerhin 80 Prozent der Deutschen geht es laut einer Umfrage so.

All das verdichtet sich bei den Bürgern zu einem Gefühl der Machtlosigkeit. Im vergangenen Jahr fand eine Studie im Auftrag der Freien Universität Berlin heraus, dass 60 Prozent (!) der Deutschen glauben, dass das Land keine echte Demokratie mehr ist. Der Grund für die Zweifel: Der zu starke Einfluss der Wirtschaft auf die Politik, die mehr zu sagen habe als der Wähler.

Die Antwort vieler Bürger auf die Frage, wer eigentlich regiert, lautet derzeit: Es sind die Konzerne. Es sind Bosse wie Monsanto-CEO Hugh Grant. Grant schlägt Merkel, denken viele. Glyphosat sei schädlich und Politiker, die das Mittel weiter zulassen wollen, kuschen vor dem mächtigen US-Konzern.

Laut einer Emnid-Umfrage sind drei von vier Deutschen für ein Verbot von Glyphosat.

Noch einmal: Wissenschaftlich belegt ist die Angst der Menschen nicht.

Gefühle zählen mehr als Fakten

Aber bei dem Glyphosat-Streit geht es auch weniger um eine konkrete Bedrohung. Wir erleben eher ein Gefühl der Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins.

Und dieses Gefühl hat eine lange Geschichte. Zu lange haben Politik und Unternehmen sich durch undurchsichtige Regeln und Ausnahmeregelungen von den Verbrauchern entfernt.

Deshalb spielen Argumente oder wissenschaftliche Erkenntnisse in der Debatte über den Unkrautvernichter auch gerade kaum eine Rolle.

Die Menschen wollen den abstrakten, undurchsichtigen politischen Regelwerken nicht mehr vertrauen. Und das zu Recht.

Millionen-Boni trotz Abgas-Schummelei

Zu oft haben Konzerne das Vertrauen der Bürger enttäuscht. Der VW-Skandal, Gammelfleischfunde beim Discounter, windige Investmentangebote der Banken für kleine Sparer und kreative Steuergestaltung bei internationalen Konzernen wie Amazon und Google sind nur einige Beispiele. TTIP-Verhandlungen werden im Geheimen geführt.

In all diesen Fällen hat die Politik zu spät oder gar nicht reagiert. Die Industrie, so erscheint es vielen Bürgern, steht über dem Gesetz. Für sie gelten andere Regeln.

Wie sollte man auch zu einem anderen Schluss kommen?

Obwohl sie ihr Unternehmen in die Katastrophe getrieben haben, streichen VW-Manager Millionenboni ein. Und das ist nur das aktuellste Beispiel.

Politik muss zum Beispiel das Vorsorgeprinzip ernst nehmen

Die Bürger sind wütend, denn die CEOs können sie nicht wählen, die bestimmen die Aufsichtsräte und die Aktionäre.

Aber die Politiker. Und die spüren den Vertrauensverlust heute schon. Erst im Januar zeigte eine Studie, dass das Vertrauen der Bürger in die Politik auf einem Tiefpunkt angekommen ist.

Dabei wäre so einfach, wieder Vertrauen zu schaffen.

Als ersten Schritt, der sich im Fall von Glyphosat schnell umsetzen ließe, muss die Politik zum Beispiel das Vorsorgeprinzip ernst nehmen. Es dürfen nur noch Produkte auf den Markt kommen, die wirklich für die Verbraucher unbedenklich sind oder über deren Risiken Warnhinweise aufklären. Das klappt in vielen Fällen ja auch schon - aber zu oft leider auch nicht.

Im Fall von Glyphosat bedeutet das: Das Mittel muss so lange vom Markt, bis seine Unbedenklichkeit endgültig geklärt ist. Lässt sich das nicht klären, muss das Unternehmen über Alternativen nachdenken.

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