Huffpost Germany

Rätselhafter Absturz von AirEgypt-Flug MS804: Welche Indizien für einen Terroranschlag sprechen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
EGYPTAIR MS804
Rätselhafter Absturz von AirEgypt-Flug MS804: Welche Indizien für einen Terroranschlag sprechen | Reuters
Drucken

Als Flug MS804 mitten in der Nacht vorm Radar verschwindet, gibt es zunächst noch Hoffnung. Irgendwann werden daraus Zweifel, dann Furcht und schließlich wohl traurige Gewissheit.

Die ägyptische Regierung teilt mit, Suchtrupps hätten Wrackteile und Schwimmwesten im Mittelmeer gefunden. Die griechische Seite dementiert diese Berichte zum jetzigen Zeitpunkt - dass die Maschine abgestürzt ist, bezweifelt fast niemand mehr.

Der Grund für die Katastrophe bleibt ein Rätsel. Die ägyptische Regierung hält einen Anschlag für plausibler als ein Unglück.

Hier ist alles, was zu dem Absturz bisher bekannt ist - und alle Rätsel, die noch ungeklärt sind. Außerdem der Versuch einer Antwort auf die Frage, welche Folgen das Unglück für Ägypten haben wird.

Vor der ägyptischen Küste verschwand die Maschine mit der Flugnummer MS804 plötzlich vom Radar. Das war eine halbe Stunde vor der für circa 3 Uhr geplanten Ankunft in Kairo. Das Flugzeug war zu dieser Zeit südöstlich der griechischen Insel Kreta und etwa 280 Kilometer vom ägyptischen Festland entfernt.

Noch kann ein technisches Versagen nicht ausgeschlossen werden. Die Blackbox, die Aufklärung verschaffen könnte, wurde bislang nicht geortet.

Zwei Indizien sprechen aber zum jetzigen Zeitpunkt dafür, dass es sich nicht um ein Unglück handelte, sondern um einen Terrorakt.

1. Das Flugzeug geriet ins Trudeln. Das geschah etwa zehn bis fünfzehn Seemeilen im ägyptischen Luftraum in einer Höhe von 37.000 Fuß (knapp 11.300 Meter), sagte der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos in einer Pressekonferenz nach Verschwinden der Maschine.

“Dann machte es eine Drehung von 90 Grad nach links und danach eine andere Drehung von 360 Grad nach rechts und fiel auf eine Höhe von 15.000 Fuß. Sein Radarbild verschwand auf einer Höhe von 10.000 Fuß”, sagte Kammenos.

Ein Flugzeug gerät ins Trudeln, wenn der Auftrieb an den Tragflächen abreißt. Das Flugzeug dreht sich dann unter schnellem Höhenverlust immer wilder um die eigenen Achse.

2. Die Piloten setzten keinen Notruf ab. Das und das starke Trudeln vor dem Absturz sprechen für ein plötzliches Ereignis an Bord wie eine Explosion, das die Cockpit-Crew daran hinderte, Hilfe zu rufen.

Es ist das bisher schwerste Flugkatastrophe dieses Jahres.
Dass einer der 66 Passagiere (darunter 30 Ägypter und 15 Franzosen) den Absturz überlebt hat, ist extrem unwahrscheinlich. Angehörige der Passagiere harrten am Donnerstag am Flughafen Kairo aus und wurden dort betreut. Betroffenen Familien im Ausland bot Ägypten an, sie kostenlos nach Kairo zu fliegen.

… und es trifft schon wieder Ägypten.

In der Hauptstadt Kairo sollte der Airbus A320 eigentlich landen. Erst vor rund einem halben Jahr war ein russischer Ferienflieger mit 224 Menschen an Bord nach dem Start im Badeort Scharm el Scheich über der ägyptischen Sinai-Halbinsel abgestürzt.

Die russischen Behörden gingen von einem Anschlag aus, zu dem sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte. Ende März entführte ein Mann mit Sprengstoffattrappe eine Maschine der Fluggesellschaft Egyptair nach Zypern. Und nun das.

Auch wenn die genauen Hintergründe am Donnerstag zunächst unklar blieben und die Maschine dieses Mal nicht in Ägypten, sondern in Paris startete: Die Folgen für das Image des Landes dürften erneut schwerwiegend sein.

Das Land am Nil war gerade dabei, seine in die Kritik geratene Flugsicherheit zu verbessern. Und damit den wichtigen Tourismus wiederzubeleben.

Die kriselnde Wirtschaft des Landes ist maßgeblich von Urlaubern abhängig. Der Tourismus macht mindestens elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Fast 2,9 Millionen Arbeitsplätze sind nach jüngsten Angaben direkt oder indirekt vom Tourismus abhängig - und damit etwa jeder neunte Beschäftigte.

Die Zahl der Gäste war bereits 2013 deutlich zurückgegangen: Es kamen 9,2 Millionen Menschen. 2010 - vor den Umbrüchen durch die arabischen Aufstände und politischer Instabilität - waren es noch mehr als 14 Millionen gewesen.

Nach dem Bombenanschlag auf das Flugzeug über dem Sinai im Herbst 2015 brachen die Buchungen dann dramatisch ein. Der Gouverneur des Südsinai sprach Anfang des Jahres von monatlich 230 Millionen Euro, die dem Land durch ausbleibende Buchungen verloren gingen.

Zuletzt jedoch äußerten sich Hotel- und Restaurantbesitzer wieder positiver. "Wir haben das Licht am Ende Tunnels gesehen", sagte Peter-Jürgen Ely, der ehemalige deutsche Honorarkonsul in der deutschen Urlauberhochburg Hurgada am Roten Meer, der dpa.

Denn die unter massivem Druck stehenden Ägypter handelten und investierten in die Flugsicherheit. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte diese noch vor wenigen Wochen als "stark verbessert" bezeichnet.

Russland sendete zuletzt Signale, dass es die momentan bestehenden Verbote für Direktverbindungen in die beliebten Urlaubsorte des Landes aufheben werde. Ob das Schicksal des Fluges MS804 diese positive Tendenz wieder zunichte machen wird, ist zunächst nicht abzusehen. Doch das Image des Landes wird auf jeden Fall darunter leiden.

Genauso wenig ist klar, ob der Terror gegen die westliche Welt nach diversen großen Anschlägen der vergangenen Monate in eine neue, tödliche Runde geht. Zweitrangig ist das vor allem für die Angehörigen der mehrheitlich ägyptischen und französischen Insassen des Flugzeugs. Einige von ihnen harrten Donnerstag verzweifelt am Kairoer Flughafen aus, auch wenn die Maschine aus Paris dort niemals ankommen sollte.

mit Material der dpa

(gw)