Huffpost Germany

Wie die Hetze in Reden von Trump, Petry und Le Pen Gewalt befördert

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TRUMP PETRY LEPEN
Trump, Petry und Le Pen | Reuters
Drucken
  • Rechte Gewalt gegen Flüchtlinge ist in den vergangenen Monaten massiv angestiegen
  • Forscher glauben, die AfD trage durch Untergangsvisionen und Verschwörungsszenarien zu dieser Entwicklung bei
  • Sie warnen: Manche Menschen interpretierten die AfD-Rhetorik als Handlungsaufforderung zu Gewalttaten

Wenn man Fotos und Videoaufnahmen von rechten Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte sieht, läuft es einem schon mal kalt den Rücken runter.

347 Attacken hat das Bundesinnenministerium in den ersten drei Monaten dieses Jahres bereits registriert. Das sind mehr als dreimal so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres und das Zehnfache der Angriffe zwischen Januar und März 2014.

Das Führungspersonal von AfD und Pegida weist die Schuld an derlei Angriffen weit von sich. Sie? Zu Gewalttaten aufrufen? Nichts liege ihnen ferner, beteuern AfD-Chefin Frauke Petry und Pegida-Anführer Lutz Bachmann.

Klar, sie würden sich hüten, offiziell dazu aufzurufen, ein Flüchtlingsheim niederzubrennen. Untersuchungen von Experten aber legen nahe: Einen Zusammenhang zwischen ihren Hetzparolen und dem Anstieg rechter Gewalt gegen Flüchtlinge gibt es durchaus.

Die AfD benutzt Worte und Wörter, um Ängste zu schüren”

“Es heißt nicht umsonst, Worte seien manchmal gefährlicher als Waffen”, sagt etwa Sascha Michel, Medienlinguist an der Uni Basel im Gespräch mit der Huffington Post. “Die AfD benutzt Worte, um Ängste zu schüren. Petry und ihre Parteikollegen entwerfen mit ihrer Rhetorik Untergangsvisionen und Verschwörungsszenarien, die sie als gegeben hinstellen.”

Dass sie damit bei so vielen Menschen Erfolg haben - die AfD liegt in aktuellen Umfragen bei 12 Prozent - ermögliche eine perfide Vertuschungsstrategie, erklärt der Experte.

“Rechtsradikale Parteien wie die NPD oder die Republikaner hetzen sehr offen, ihre Parolen sind plakativ, dumpf und durchschaubar. Die meisten Bürger fühlen sich davon abgestoßen”, sagt Michel.

Die AfD verstecke den Rassismus und die Islamfeindlichkeit in einer seriösen und verdaulichen Verpackung. “Mimikry” nennt die Wissenschaft das, die Kunst der Täuschung. “Petry besteht ja noch immer darauf, dass ihre Partei nicht rechtspopulistisch sei.”

Rherotik erinnert an die Nazi-Zeit

Das ist umso unglaubwürdiger, bedenkt man, wie oft sich Höcke, Petry oder auch der AfD-Vorsitzende von Sachsen-Anhalt, André Poggenburg, bei politischen Debatten im Ton vergreifen. Dabei verwenden sie eine Sprache, die nicht nur CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz an eine Zeit erinnert, in der die Nationalsozialisten der Demokratie in Deutschland den Kampf ansagten.

Auch nach Ansicht von Joachim Scharloth, Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden, ist eine auffällige Nähe zur Nazi-Rhetorik nicht von der Hand zu weisen. “‘Volksgemeinschaft’ oder ‘Volksverräter’ sind offensichtliche Anleihen und überhaupt die Art und Weise, wie der Begriff "Volk" gebraucht wird (nämlich nicht im Sinne von "Staatsvolk" sondern im Sinne einer biologischen und kulturellen Gemeinschaft)”, sagt er gegenüber der Huffington Post.

Den Begriff der Rasse habe die AfD zwar bislang nicht wiederbelebt, der Begriff der "Kultur" besitze aber im Prinzip die gleiche Funktion. “Die AfD tut so, als sei ‘Kultur’ nicht wandelbar, als sei sie eine Art zweite Natur des Menschen. Und kulturelle Vermischung ist für sie per se etwas Schlechtes”, so Scharloth.

“AfD und Pegida nehmen Stereotypisierungen vor, die bestimmte Handlungen plausibel erscheinen lassen und auch legitimieren”, erklärt der Experte.

Worte führen bei einigen Menschen zu Aktionismus

Wenn jemand sich entschließt, ein Flüchtlingsheim anzuzünden, macht er das demnach nicht, weil ihn Petry oder Bachmann dazu aufgefordert haben - möglicherweise aber, weil er das Gefühl hat, sein Handeln sei die logische Konsequenz aus der fremdenfeindlichen, angstschürenden Rhetorik der Anführer.

“Es ist völlig logisch”, gibt auch Michel zu Bedenken. “Den Menschen in München hat auch niemand gesagt ‘Geht zum Hauptbahnhof und begrüßt die Flüchtlinge mit Geschenken’. Das war die positive Stimmung der Willkommenskultur, die die Politik damals vermittelt hat.”

Wenn die AfD genau die gegenteilige Stimmung verbreite, nämlich das Feindbild des radikalen Islamismus fördere, habe auch das Folgen - nur eben in die andere Richtung. “Wenn man den Menschen immer und immer wieder sagt, welche Gefahren der Islam und die Flüchtlinge nach Deutschland bringen, führt das natürlich dazu, dass einige das in Aktionismus umwandeln,” so Michel.

"Uns bereitet vor allem Sorge, dass die Qualität der Gewalt steigt”

Wie recht der Medienlinguist offenbar mit seiner Einschätzung hat, beweist eine aktuelle Einschätzung des Bundeskriminalamtes (BKA). Präsident Holger Münch warnte erst vor einigen Tagen vor einer neuen Art der Gewalt gegen Asylsuchende in Deutschland.

"Uns bereitet vor allem Sorge, dass die Qualität der Gewalt steigt. In diesem Jahr gab es bereits 45 Brandstiftungen", sagte Münch im Interview mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Auch er stellt die Verbindung her zwischen Sprache und Taten, die aus ihr folgen. Münch zeigte sich gleichermaßen besorgt über die steigende verbale Gewalt durch Hasskriminalität im Internet. Besonders ausgeprägt ist die auf der Facebook-Seite von Pegida. Fast 200 000 Menschen folgen dieser inzwischen. Zum Vergleich: Die CDU bringt es auf 100.000 Facebook-Nutzer, die der SPD gut 90.000. Pegida ist auf Facebook also stärker als die große Koalition.

"Die Zahl der Delikte, die wir hier (im Internet, Anm.d.Red.) im Jahr 2015 registriert haben, hat sich innerhalb eines Jahres verdreifacht und liegt bei etwa 3000 Fällen", so der BKA-Chef. "Wir gehen davon aus, dass verbale Gewalt eine Vorstufe für Übergriffe auf Flüchtlinge sein kann – die Sprache kommt häufig vor der Tat."

“Die Rechtspopulisten verfolgen mit ihrer Rhetorik eine klare Strategie”

Wer sich diese Sprache der AfD- und Pegida-Führungsriege genauer ansieht, merkt schnell: Sie bedient sich eines eigens geschaffenen Vokabulars.

“Die Rechtspopulisten verfolgen mit ihrer Rhetorik eine klare Strategie”, ist sich Michel sicher. “Sie etikettieren Feindbilder und versehen sie mit einer ganz bestimmten Botschaft. Aus der Presse wird die ‘Lügenpresse’, aus den etablierten Parteien die ‘Konsensparteien’, Merkel wollen sie "abmerkeln'."

Wie die SVP in der Schweiz oder die FPÖ in Österreich schaffe die AfD damit eine Stimmung der Bedrohung bei ihren Anhängern. “Die Rhetorik von Petry und ihren Kollegen suggeriert, Deutschland stehe vor dem Untergang und rutsche mit jedem Tag tiefer in die Misere hinein, an dem Merkel noch Kanzlerin ist.”

Homogenisierung und Selbstlegitimierung

Linguistik-Professor Scharloth erkennt in den Worten der AfD-Spitze “klassische Muster der Radikalisierung”. “Da ist zum einen eine Homogenisierung der Gruppe”, erklärt er. “Eine Gruppe, die sich als Opfer der Politik und der ‘Staatsmedien’ sieht. Zum anderen funktioniert diese Rhetorik über eine Selbstlegitimierung, die alle anderen Positionen und Meinungen aus dem Diskurs ausschließt.”

Erfolg hat die AfD vor allem mit einer Strategie, die Experten “kalkulierte Ambivalenz” nennen. “Sie wagen sich mit steilen, streitbaren Thesen an die Öffentlichkeit - bestes Beispiel ist hier Beatrix von Storch -, testen, wie sie ankommen und rudern zurück, wenn sie merken, dass sie zu weit gegangen sind”, beschreibt Michel das Vorgehen.

Wer eine derart deutliche Sprache verwendet, bewegt sich auf einem schmalen Grat.

“Die AfD hütet sich davor, zu offensiv Begriffe aus der Nazizeit zu verwenden, weil sie genau weiß, dass sie sich damit angreifbar macht”, erklärt Michel. “Petry und ihre Leute wissen genau, welche Grenze sie nicht überschreiten dürfen, um für möglichst viele Menschen noch wählbar zu bleiben.”

AfD und Trump - Brüder im Geiste”

Eine Partei, ebenso wählbar etwa wie Front-National-Chefin Marine Le Pen oder US-Milliardär Donald Trump? Justizminister Heiko Maas zumindest attestierte der AfD eine mentale Nähe zu dem Präsidentschaftsanwärter der Republikaner. “Die AfD - das sind Brüder im Geiste von Wladimir Putin, Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan: nationalistisch, autoritär und frauenfeindlich”, schrieb er am Mittwoch in einem Gastbeitrag für “Spiegel Online”.

In den USA ist der Zusammenhang zwischen Worten und Taten noch weit offensichtlicher. Das zumindest legen mehrere Untersuchungen der vergangenen Monate nahe.

Trumps Wahlkampf fördert Gewalt gegen Muslime

Seit Trump seinen Wahlkampf startete, haben die Übergriffe auf Muslime in den USA massiv zugenommen.

Laut dem Forschungsprojekt "Bridge Initiative" der Georgetown-Universität wurden seit Beginn des Wahlkampfes 180 Gewalttaten gegen Muslime dokumentiert - darunter 12 Morde und neun Schießereien - eine direkte Folge von Trumps islamfeindlichen Parolen, glauben die Wissenschaftler. Trump fordert unter anderem ein allgemeines Einreiseverbot für Muslime.

Die Wortwahl mag eine ähnliche sein - rhetorisch das Wasser reichen kann ihm aus der AfD allerdings nach Ansicht von Michel keiner. “Wenn die AfD einen charismatischen oder rhetorisch geschickten Vorsitzenden wie etwa Donald Trump hätte, wer weiß, auf welche Umfragewerte sie dann käme”, sagt der Experte. “Petry dagegen ist rhetorisch oft ungeschickt. Mich würde es wundern, wenn sie in zwei Jahren noch Vorsitzende ist."

Scharloth hingegen glaubt nicht, dass jemand wie Trump in Deutschland politisch Fuß fassen könnte. “Eine Figur wie Trump ist hier nicht denkbar.” In Deutschland gewinne man am Schluss nicht mit Konfrontation. “Die AfD kann die Schraube der Rhetorik nicht unendlich weit drehen, ohne dass sich die Menschen von ihr abwenden.”

(jkl)


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen nehmen kein Ende. Auch, weil es viel zu wenig Rettungskräfte auf dem Mittelmeer gibt. Hier versucht die Mannschaft des Schiffes Sea Watch 2. zu helfen. Spenden benötigt die Crew für Nahrung, Schwimmwesten und Medikamente.

Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

Auch auf HuffPost:

Frauke Petrys Ex-Lehrer: Warum ich sie nicht mehr sehen will