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11 Dinge, die du vermisst, wenn du aus Köln weggezogen bist

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"Da isser! Da isser! Daaaa!!!" Während ich trotz aller Freude versuche, das Auto nicht gegen die Brüstung der Deutzer Brücke zu steuern, hantiert Anne mit der Anlage. Und dann scheppert es aus den Boxen: "600 Kilometer fott vun däm wat Heimat es, ich fahr de janze Naach bes ich ding Spitze sinn...home es wo dä Dom es." Und wir grölen. Und wir - ja, tatsächlich - wir ballen sogar die Fäuste. Dä Dom. Endlich. Wir sind mal wieder zuhause.

anne

Deutzer Brücke: Was für ein Ausblick

Und wir sind sogar tatsächlich 600 Kilometer gefahren. So wie es in dem Lied von Kasalla heißt. 600 Kilometer in Richtung der Stadt, von der wir manchmal glauben, dass sie uns einer Gehirnwäsche unterzogen hat: "Wie kann es sein, dass wir Köln immer so abfeiern? Das ist doch nicht normal!"

Nä, normaal is dat vielleicht nicht. Aber wenn Kölsche aus Köln wegziehen, dann können sie einfach nicht anders. Dann weiß man plötzlich ganz doll, was man an der Stadt met K hat. Weil man diese Dinge halt so schmerzhaft vermisst:

1) Dä Dom

Wenn ich als Kind mit meinen Eltern aus dem Urlaub zurückkam und wir über die Autobahn fuhren, haben wir kurz vor Köln immer das "Wer sieht ihn als erstes?"-Spiel gespielt. Wer sieht als erster die Spitzen? Ich hab fast immer gewonnen. Dafür gab es dann eine Mark. Und jede Menge Vorfreude gratis.

Denn, das lernt man dort einfach schon als Kind, egal was ist, solange dä Dom noch steht, solange ist zumindest irgendwas noch gut.

2) Die Hübsch-Hässlichkeit

Anne und ich haben das Spiel auch wieder gespielt. Wenig später parken wir beiden Exilanten das Auto und laufen los. Durch das Friesenviertel und über die Venloer Straße. Plötzlich bleiben wir zeitgleich stehen und betrachten ein Haus auf der anderen Straßenseite. Die ganze Fassade ist gekachelt. Es ist hässlich. Es ist wunderschön.

Wenn man Köln verlässt, stehen die Chancen nicht schlecht, dass man in einer schöneren Stadt landet. Einer Stadt mit weniger Kriegszerstörung, mit weniger gnadenlosen Fünfziger-Jahre-Zweckbauten. Mit mehr Liebe zum Detail, mit mehr vorausschauender Stadtplanung. Also mit Stadtplanung.

Aber das alles, was ist das schon? Wer nicht weiß, was häßlich ist, der lernt auch nie, was schön ist. Köln. Köln ist so schön.

3) Büdchen, immer wieder: Büdchen

In dem gekachelten Haus ist unten ein Büdchen drin. Klar. Hundert Meter weiter das nächste. Die Hälfte der Auslage ist mit Fruchtgummi-Kästchen zugestellt. Es gibt drei Sorten Kölsch in 0,33l, in 0,5l-Flaschen. Es gibt Milch. Es gibt Eis. Es gibt Tütensuppen. Neben dem Eingang hängt ein Flaschenöffner an einer Kordel. Es gibt einfach alles, was man will. Und es hat irgendwie immer auf. Es ist immer da für dich.

Wir kaufen zwei Kölsch.

4) Dass der Büdchenbesitzer dich mit Namen kennt

"Luurens, et Junda is widder do!" ruft der Büdchenbesitzer. "Ejo", sage ich und grinse. Er hat mich schon in allen Aggregatzuständen kennengelernt. Nachts aufgekratzt beim Bierkauf, Mittags mit Sonnenbrille beim Katerfrühstück shoppen. Ich habe mich schon ein paar Mal gefragt, was er wohl von mir denken muss. Dabei weiß ich, dass mir das total egal sein kann. Nicht nur generell, sondern ganz speziell. Denn ein kölscher Büdchenbesitzer, das ist schon fast Familie.

Ze hus #Köln #büdchen #stadtmetk #cologne #home #city #allyouneed #instabuy #urban

Ein von gunda windmueller (@gunda_w) gepostetes Foto am

5) Dä Klaaf op d'r Stroß

Wieder aus dem Büdchen draußen, bleiben wir noch kurz an einem der Bistrotische stehen und machen die Ohren spitz. Vielleicht sind wir in der Wahlheimat einfach falsch konditioniert, aber dort hören wir einfach selten, was wir an Köln immer so vermissen. Den Klaaf auf der Straße. Klaaf, das ist Geschwätz, das ist die Frau Meier, die sonst immer mit einem Kissen im dritten Stock am Fenster hängt und jetzt mit der Frau Schmitz über die rauchenden Berufsschüler von gegenüber schimpft.

Das ist der Installateur von unten, der mal wieder wissen will, ob man gestern im Stadion war.

Das ist, wie jetzt gerade, der ältere Herr, der eine kleine Frauengruppe beobachtet und zum Büdchenbesitzer sagt: "Tuste noch ens 4 Kölsch für die Mädcher? Die quatschen jrad su schön!"

6) Die KVB. Also eigentlich überhaupt nicht, aber manchmal dann doch.

Wir wollen in die Stadt fahren. Wir stehen am Bahnsteig. Kein Zoch kütt. Dabei steht an der Anzeige seit etlichen Minuten "sofort". Wir müssen lachen. Denn bis vor einiger Zeit stand dort immer "2 Minuten", wenn die nächste Bahn angekündigt wurde. Da haben sich wohl so viele Leute drüber lustig gemacht, dass die KVB es geändert hat. Jetzt steht dort immer "sofort". Auch wenn die Bahn erst in zwei Minuten kommt.

Sowas vermisst man dann schon manchmal auch.

7) Es gibt schneller wieder Bier als man gucken kann.

An der Theke. Der Köbes schnippst zwei Deckel auf das helle Holz vor uns und stellt frisch schäumende Kölsch-Stangen vor uns ab. Ahh! Kaum stehen die leeren Gläser auf den Deckeln, sind sie schon wieder weg, ersetzt durch neues Kölsch. Das geht so weiter. Und das ginge so weiter, würden wir nicht irgendwann abwinken.

Kein Starren in tiefe bauchige Maß-Gläser mit lacken "Noagerl-"Resten. Frisches Bier ohne Ende. Reagenzgläser? Alle anderen haben einfach keine Ahnung!

Die anderen haben keine Ahnung. Aber egal, denn wir haben es ja schön. Diese Einstellung. Das vermissen wir oft.

8) Überhaupt: Köbes

Es ist unklar, ob er überhaupt mit der Augenbraue gezuckt hat. Klar ist, er hat uns gesehen. Er hat auch beim Kopf hochnehmen kurz so ausgesehen, als würde sich die Frage "zwei?" in seinem Gesicht abbilden. Er stellt uns auf jeden Fall zwei Kölsch hin. Was auch sonst? Wir würden es auch nicht wagen, etwas anderes zu bestellen. Noch nicht mal ne Limo.

Wir wollen bezahlen. Er wischt seine Finger an der blauen Schürze ab und nimmt theatralisch den Deckel hoch, zieht den Bleistift hinter seinem Ohr hervor und spitzt die Lippen. Der Schnäuzer wölbt sich, er guckt uns über die Lesebrille hinweg an. "Mädels, dä Schnapps geht auf's Haus."

Wir bedanken uns und zahlen. Und denken: Können wir dich bitte exportieren?

9) Dä Effzeh.

Vor ein paar Wochen waren Anne und ich beim Derby. Also nicht direkt. Sondern in der Geißbock-Kneipe in der Stadt, in der wir leben und die 600 Kilometer weit von Köln entfernt ist. Über das Ergebnis möchte ich jetzt eigentlich keine Worte verlieren. Aber es war trotzdem schön. Das können wir Kölner halt auch: Verloren? Ejal. Köbes! Noch en Kölsch!

Wir also nach dem Spiel mit den anderen "Böcken" am Schunkeln. Der Heinz-Günther erzählt eine sehr lustige Geschichte vom Spiel in Augsburg (1, 6 Promille und ein Getränk namens "Auswärtscola!"), der Michi meint, wir müssten im Sommer mal alle bei ihm im Garten grillen. Klar! Machen wir! Sicher? Sicher dat!

Dann fängt irgendwer an zu grölen. Und alle stimmen ein: "Leverkusen? H*********!" Verloren? Ejal. Man gewöhnt sich an alles.

Wenig später stehen wir wieder draußen. Hier draußen weiß keiner, was wir gerade hinter uns haben. Niemand da, mit dem man über den nicht gegebenen Elfer in der 78. Minute reden könnte. Niemand da, der sich für die Zukunft von Timo Horn so interessiert wie wir. Das, das vermissen wir.

10) Tausend Leben.

Eigentlich geht es mir jedes Mal so. Jedes Mal. Und ich habe das Lied schon wirklich oft gehört. Aber jedes Mal denke ich erstmal wieder: Was für ein krasses Liebeslied. Wenn ich 1000 Leben zu leben hätte, dann käme ich trotzdem nie von dir los?

Muss ja eine tolle Frau sein.

Ist aber keine Frau. Ist Köln, meine alte Stadt am Fluss. "Denn he bin ich zuhuus." So singt es Kasalla und so singen es gefühlt noch 1000 andere. Wer aus Köln weggezogen ist, der ertappt sich regelmäßig beim Youtube Köln-Playlists spielen. Es ist jedes Mal eine Wohltat und eine kleine Qual. Eine Qual ist es auch deshalb, weil die Nicht-Kölner um einen herum einfach nicht verstehen, wie man einer Stadt solche Liebeslieder widmen kann.

Das man dabei verstanden wird. Das vermisst man auch.

11) Et Jeföhl.

Wir stehen auf einem Kasalla-Konzert. Um uns herum viele Menschen in Ringelshirts. Es geht los. Konfetti regnet, alles hüpft und klatscht. Ein bisschen Karneval. Im April, aber ganz woanders.

Dann wird "Immer noch do" gespielt. Anne steht plötzlich still. Ich muss schlucken. Bei dem Lied geht es darum, dass man sich nicht kleinkriegen lässt. Das man vieles durchsteht. Das man sich freut, wenn man die Freunde wieder sieht. Das man sich freut, wenn man immer noch da ist. Wenn die anderen immer noch da sind.

Dieses Lied funktioniert wie ein großer Gefühlsknopf. Wenn es gespielt wird, egal wo man ist, denkt man sich zurück in die Kneipe, zu Laura und Evi, zu Astrid, zu Paul und Marc, und all den anderen. Und man wünscht sich, man wär mal wieder da. In Köln. Weil man es einfach vermisst. Dieses Gefühl.

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(lp)